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MPhil: Fidelio-Konzert 25. Oktober

Oktober 27, 2009

Eigentlich wollte ich fortan das Orchester der Münchner Philharmoniker mit Verachtung strafen. Die Neugier behielt dann doch die Oberhand. Ein merkwürdiges Abendprogramm hat Christian Thielemann für das 2. Abonnementkonzert ausgewählt.

Ludwig van Beethoven
Ouvertüre zur Oper „Fidelio“ op. 72
Ludwig van Beethoven
„Ah perfido!“, Szene und Arie für Sopran und Orchester op. 65
Ludwig van Beethoven
Rezitativ und Arie der Leonore (I. Akt, Nr. 9): „Abscheulicher! Wo eilst Du hin?“ aus der Oper Fidelio op. 72
Ludwig van Beethoven
Ouvertüre zur Oper „Leonore“ Nr. 2
Ludwig van Beethoven
Ouvertüre zur Oper „Leonore“ Nr. 1
Ludwig van Beethoven
Introduktion und Arie des Florestan (II. Akt, Nr. 11): „Gott! Welch´Dunkel hier!“ aus der Oper „Fidelio“ op. 72
Ludwig van Beethoven
Duett Leonore/Florestan (II. Akt, Nr. 15): „O namenlose Freude“ aus der Oper „Fidelio“ op. 72
Ludwig van Beethoven
Ouvertüre zur Oper „Leonore“ Nr. 3

Da mir die Münchner Philharmonie wegen ihrer grausamen Akustik in schlechter Erinnerung bei Gesangssolistenkonzerten war, hatte ich etwas tiefer in die Tasche gegriffen, um an einen annehmbaren Platz zu kommen.

Ich fand die Gegenüberstellung der Fidelio- und Leonoren-Ouvertüren sehr interessant, kann auch das (downloadbare) Programmheft der Philharmoniker dazu empfehlen. Man konnte gut erleben, welche Absichten Beethoven verfolgte und wie er darum rang, den besten Auftakt zu seiner einzigen Oper zu finden. Dabei sind Werke entstanden, die für sich schon Welten bilden bzw. in ihrer Qualität für einen ganzen Opernzyklus gereicht hätten. An der heutzutage gespielten Fidelio-Ouvertüre, die das Konzert einleitete, könnte man den Nachteil des riesigen Philharmonieraumes spüren. Was in der Oper fokussiert, fast intim wirkt, jedenfalls als Auftakt zu etwas Folgendem von mir begriffen wird, verklingt im grossen Konzertsaal. Auf der anderen Seite hat die Alleinstellung den Vorteil, dass der symphonische Charakter unterstrichen wird. Der symphonische Charakter der folgenden Leonoren-Ouvertüren 1-3, deren Numerierung nicht der Reihenfolge ihrer Entstehung folgt (2 vor 1), scheint mir viel stärker zu sein, obwohl Beethovens Absicht, die Verknüpfung mit der Oper herzustellen durch Motivzitate (mein Engel Leonore) und die Übernahme des Trompetenmotives hergestellt wird.
Den vokalen Teil bestritten die Sopranistin Edith Haller, von der ich viel Gutes gehört und gelesen hatte, und der Tenor Klaus Florian Vogt, auf dessen Florestan ich gespannt war.

Zunächst sang Edith Haller die Konzertarie „Ah perfido“, schönstimmig und mit gelenkigen Koloraturen. Sie wusste wohl um die Tücken des Saales und den Umfang ihrer Stimme und „bediente“ durch langsame Kopfwendungen mal die eine, mal die andere Seite. Eine akustische Gratwanderung, wie ich meine. Ich hörte in ihrem Vortrag zu viel Mozart und zu wenig Beethoven, was gleichermassen für das nachfolgende „Abscheulicher! Wo gehst du hin?“ gilt. Als Leonore war Edith Haller in dem grossen Raum verloren, obwohl Thielemann das Orchester zurückhielt.

Dieser Zurückhaltung hätte es nicht bedurft bei Klaus Florian Vogt, dessen Stimme gerne mal boshaft als Kindertrompete bezeichnet wird. Da kommt einer, stellt sich hin, konzentriert sich zu der Orchester-Einleitung und singt die berüchtigte Florestan-Szene mit einer Leichtigkeit und Durchschlagskraft, dass ich mich nur wundern konnte. Er sang mit wundervoller Phrasierung, textverständlich, die Stimme hat auch Fülle in der Mittellage, Höhentöne erblühen geradezu von selbst. Und doch war ich nicht ganz d’accord. Das war zu schön, vor allem der Anfang, als Florestan seine desolate Lage im Kerker reflektiert. Ich würde das gerne mal im Gesamtzusammenhang erleben wollen, weiss aber gar nicht, ob er Florestan schon mal gesungen hat.
Ebenso problematisch fand ich dann „O namenlose Freude“. Das war schön gesungen, aber für meinen Geschmack doch Beethoven light. Interessant war der Abend allerdings ohne Einschränkung.

Die abschliessende 3. Leonoren Ouvertüre rückte Beethoven dann wieder ins richtige Licht. Ovationen für Christian Thielemann und grosser Beifall für alle Beteiligten.

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3 Kommentare leave one →
  1. shochi_hh permalink
    Oktober 28, 2009 10:39

    Moin, moin, Rossignol!

    Da ich so gerne dieses Konzert erlebt hätte und ich Ihr Blog – kennengelernt zufälliterweise durch den Twitter – inzwischen sehr gerne lese , habe ich sehr auf Ihre Worte zu diesem Konzert gewartet & habe Ihren Beitrag mit höchstem Interesse gelesen 🙂

    Ich bin selber kein Fan davon, Arien eines Opernstückes in einem normalen Konzert zu hören. Da habe ich das Gefühl, ich krieche in den dunklen feuchten vorweihnachtlichen Keller und picke dort Rosinen aus dem Dresdner Stollen heraus. Ich hätte das Konzert trotzdem gerne besucht, wenn ich in/bei München gewohnt hätte, nur wegen des Tenors Vogt.

    Florestan hatte er in seiner Debüt-Zeit gesungen. Ihn als Sänger (und nicht als Hornist) hatte ich 2004 hier in Hamburg zum ersten Mal erlebt – als Parsifal. Obwohl seine Stimme von bösen Zungen oft mit welcher im Knabenchor verglichen wird, hat sich die Qualität seiner Stimme in den letzten fünf Jahren enorm verändert bzw. verbessert, finde ich. Ich kann’s mir persönlich nicht vorstellen, daß – falls die Aufnahme als Florestan aus seiner früheren Zeit als CD vorhanden sein sollte – es sich lohnt, sie zu hören. Interessant ist selbstverstädnlich jeder Vergleich „vorher“ + „nachher“ für jeden Fan spannend 🙂 Übrigens, er singt Florestan im Apri 2010 in der Semperoper.

    Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen aus Hamburg

  2. Oktober 28, 2009 19:25

    Hallo liebe(r) shochi, ohne Ihren Hinweis auf KFV hätte ich das Fidelio-Konzert gar nicht besucht, denn ich mag so Potpourrie-Programme eigentlich auch nicht so sehr. Ich habe also Ihnen zu danken. Klaus Florian Vogts Stimme ist schon erstaunlich. Als Parsifal kann ich ihn mir übrigens sehr gut vorstellen. Möglicherweise kann ich mir den Fidelio in Dresden auch ansehen, dann würde ich schon wieder in Ihrer Schuld stehen. 😉

    Viele Grüße nach Hamburg und danke für Ihr Interesse an meinem blog.

    • shochi_hh permalink
      Oktober 28, 2009 23:49

      Hi, rossignol,

      …..ich bin ’ne Frau 🙂

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