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Leipzig: Unter der grossen Sonne von Liebe beladen

Oktober 11, 2009

Zwei Mädchen träumen die Revolution. Unterschiedlicher könnten ihre Idealvorstellungen nicht sein.

„Die Schönheit setzt sich der Revolution nicht entgegen“.

„Für dieses weite und hilfsbereite Herz – trunken von Solidarität – ist die einzig atembare Luft die Menschenliebe.“

Zwei Sätze von Revolutionären, die unterschiedlicher nicht sein könnten, von einem Mann (Che) und einer Frau (Louise Michel).

Eine Fee führt die beiden Mädchen durch das Paradies der Revolution.

In einem Garten aus Särgen, die an Bilder der toten Kommunarden der Pariser Commune von 1871 erinnern, steht das Haus der beiden Mädchen. Die Kraft der Erinnerung (Konwitschnys doppeldeutiges „Wir kommen wieder“) erweckt die Toten, unter ihnen die Opfer vergangener Revolutionen, auch Tanja Bunke. Hauptthema des Werkes ist das Verhalten von Frauen in den gescheiterten Revolutionen unterschiedlicher Epochen und die Bedeutung von Frauen für die Revolution. Es sind Frauen, die nach dem Scheitern der Männer das Szepter (die Waffe) in die Hand nehmen und den Kampf weiterführen. Frauen sind gewaltbereit wie Männer. Die Frage ist ihre Motivation hinter der Gewaltbereitschaft und ob sich Gewalt rechtfertigen lässt; diesen Punkt habe ich für mich noch nicht weitergedacht. In die Zitatenflut des ersten Teiles baut Peter Konwitschny eine anrührende Geschichte ein. Die beiden träumenden Mädchen vom Beginn werden im Kreis der Revolutionärinnen zu Frauen. Sie werden bewaffnet und ihre Teddybären verbrannt. Auch wenn sich Frauen im Einsatz für die Revolution weder äusserlich (wie Tanja Bunke) noch in ihren Taten von Männern unterscheiden, bleibt ihr Verhalten feminin geprägt. Diesen Punkt bedient Konwitschny geradezu liebevoll mit dem Klischee einer kaffeetrinkenden Frauenarmee, bei der im Ernstfall zusammengerückte Särge als Kaffeetafel dienen, um auf das Ritual nicht verzichten zu müssen.

Immer dann, wenn der Text auf offiziell-politische Reaktionen Bezug nimmt, werden diese als Kasperletheater dargestellt, im Falle der Pariser Commune als Theater auf der Bühne hinter dem Vorhang der Tricolore.

„Sind die Mütter revolutioniert, so bleibt nichts mehr zu revolutionieren“, das Zitat des Philosophen Walter Benjamin, schreibt die Mutter an die Wand. Der zweite Teil des Werkes handelt aus meiner Sicht von konkreteren Situationen. Die Mutter, die sich dafür schämt, dem Arbeitersohn im kalten Winter 1905 nur eine dünne Suppe servieren zu können schliesst sich nach Pavels Erschiessung aktiv der Bewegung an. Die Verbindung der Kunstfigur Deola mit Pavel und somit der Mutter mündet in die Solidarität der Frauen über dem Leichnam des Geliebten. Faszinierend umgesetzt und choreografisch frappierend vom Chor dargestellt empfand ich die wachsende Pression auf die Arbeiterschaft, die kontinuierlich eingeschränkte Individualiät, die Angst, die durch die sich verengenden Bühnenräume beklemmend unterstrichen wurde, der letzte Ausweg, der blieb durch eine einzelne noch offene Türe, ehe sich der eiserne Vorhang schloss.

Zwar sind zitierten Ereignisse, die Pariser Commune von 1871, die Russische Revolution von 1905, der Turiner Arbeiteraufstand, Che Guevarras Guerillakampf, der Vietnamkrieg, Vergangenheit und die meisten mögen als gescheiterte Versuche gelten, das individuelle Leben und die Welt zu verbessern. Einfluss auf den Zustand unserer heutigen Gesellschaft hatten alle. Für mich ist es schwer vorstellbar, dass Menschen sich einlassen können und müssen in Situation und Aktionen, die Nono schildert, denn ich habe bisher mein Leben in Freiheit, Freizügigkeit und ohne Not verbringen dürfen. Dennoch gab und gibt es solche Schicksale und wird sie wohl immer geben. Das Bewusstsein für den geschichtlichen Kontext und die Erinnerung an die Toten pflegt Nonos Werk.

Glückliche Umstände ermöglichten mir, die beiden Neuinszenierungen von „Il gran sole carico d’amore“ des Jahres 2009 zu erleben. Von dem Stück gab es seit seiner Uraufführung 1975 unter Claudio Abbado insgesamt nur fünf Inszenierungen. Während die grandiose Salzburger Aufführung die Ereignisse mit einem Blick von aussen beschrieb, retrospektiv auf die Ereignisse blickte, fühlt man sich in Konwitschnys Inszenierung mitgenommen. Man wird „beladen“ mit dem Leben der beteiligten Personen und ermahnt, die Eigenverantwortung nicht aus dem Auge zu verlieren. Ähnlich ergibt es mir mit den vier Gesangssolistinnen, die in Salzburg fast ätherisch klangen, in Leipzig einen dagegen einen kraftvoll zupackenden Eindruck hinterliessen. Alle Beteiligten der gestrigen Aufführung im Leipziger Opernhaus gebührt höchste Anerkennung. Anerkennung für die Präzision der Umsetzung, für die hingebende Darstellung und für die glänzenden Gesangsleistungen. Vielleicht sollte man den Chor hervorheben, der auch darstellerisch über sich hinauswuchs und Iris Vermillion, die als Mutter eine besondere, auch personifizierte Rolle verkörperte, während die übrigen Künstlerinnen wechselnde Rollen innehatten. Tanja Andrijic war übrigens auch in der Salzburger Aufführung aktiv.

Johannes Harneit, der bereits die erste Auflage in Hannover von Konwitschnys Nono-Inszenierung musikalisch leitete, ist auch für die Umsetzung mit dem Leipziger Gewandhausorchester verantwortlich, das gestern eindrucksvoll demonstrierte, dass in Leipzig zupackend und sensibel zugleich moderne Musik in Töne übersetzt werden kann. Ein grosses Bravo dafür.

Ich wünsche der Oper Leipzig (wenn die Verantwortlichen ihn denn ernst meinen) und Peter Konwitschny Beharrlichkeit auf ihrem Weg. Es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis das Leipziger Publikum künstlerische Qualität nicht nur zur Kenntnis nimmt sondern sie auch durch Besuche in ihrem schönen Opernhaus würdigt und sich auf eine Herausforderung einlässt, die ja durchaus auch Vergnügen sein kann.

Ein Vergnügen jedenfalls war die einstündige Werkeinführung, die durch die Leipziger Musikschule Johann Sebastian Bach und Beispielen zeitgenössischer Musik von Eisler über Dessau zu Berio eingerahmt wurde. Die wechselnden Einführungen zu den einzelnen Aufführungsabenden sind für mich schon fast ein Anreiz, mir die Aufführung noch einmal anzusehen.

Note: Sehr empfehlungswert
Oper Leipzig

Dies sind ein paar Gedanken, die mir auf dem Rückweg von Leipzig nach München im Zug notiert habe. Es ist selbstverständlich keine Rezension der Aufführung, zu der ich weder über die geschichtlichen Kenntnisse verfüge noch musiktheoretisch ausgebildet bin.

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