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Hamburgische Staatsoper: Lohengrin

September 21, 2009

Jeder Operngänger hat wohl schon von der legendären Inszenierung von Wagners Lohengrin gehört, die in einem Klassenzimmer spielt, in dem das Volk von Brabant in kurzen Hosen Papierflieger wirft und Lohengrin als Hilfslehrer auftritt. Von genau dieser Inszenierung von Peter Konwitschny aus dem Jahr 1998, die jetzt wieder aufgenommen wurde, erhoffte ich mir weitere Erkenntnisse/Erklärungen des Stoffes und der Musik und zwar fernab mystisch-wabernder Heilssucherei.

Im Umfeld einer Schulklasse von Halbwüchsigen spielt die Geschichte, die Jungs in Kurzhosen-Schuluniform und Mützchen, die Mädchen in dunkelblauen Faltenröcken. Nach dem typischem Radau, wenn die Klassenaufsicht fehlt, tritt der Heerrufer mit Rohrstock auf. Richtig, er ist der Klassenlehrer. Telramund als Klassensprecher sitzt in der letzten Bank, neben sich Ortrud, ein ganz besonders hinterhältiges Früchtchen, was man ihr schon ansah, ehe sie einen Mucks von sich gegeben hatte. Mit dem lustigen Toben der Racker war es schlagartig vorbei, als Elsa nach Telramunds infamer Beschuldigung vor dem Direx (König Heinrich) auf des Heerrufers Geheiss aus dem Wandschrank gekrochen kam, in den sie sich vor Angst versteckt hatte.

Als etwas angetagter Mensch konnte ich mir sehr gut vorstellen, dass es in diesem Umfeld zu Hoffnungen, Schwärmereien, Träumereien und vor allem zum Glauben kommen kann, dass es etwas oder jemanden geben müsse, das/der/die besser ist als alles Bekannte und an dem man sich ausrichten kann. Elsa hatte einen solchen Traum und auch eine plastische Vorstellung von ihrem Helden. Als dieser sich dann in der Person Lohengrins materialisierte und für sie den Kampf mit Telramund gewann, liessen sich auch ihre Klassenkameraden einspinnen in die Illusion einer anderen, besseren Welt voller Liebe.

Ich will nun keineswegs die ganze Geschichte erzählen, sondern von meinen zwischen Rührung, Belustigung und Traurigkeit schwankenden Empfindungen während des Abends. Nach den wirklich komischen Szenen, die sich aus den Streichen des Klassenverbandes ergaben, überwog eine gewisse, sich früh einstellende Trostlosigkeit, weil man als Älterer schon zu wissen glaubt, dass der unverbildete Glauben und die naive Hoffnung auf die Vereinbarkeit von Liebe und Macht oder des Spirituellen und der materiellen Welt sich nicht wird realisieren lassen. Die Hoffnung ist dann schon vergebens, wenn diese gegensätzlichen Welten beginnen sich einander anzunähern. Umso schöner ist der Traum davon. Besonders eindringlich und wirklich herzzerreissend romantisch gelang dies als die Klassenkameraden die Brautstatt für Elsa und Lohengrin aus Turnmatten liebevoll herrichten und sich dann taktvoll zurückzogen. Es ist, als würden sie glauben, ihr Spiel (und das ist es doch, oder?) würde Wirklichkeit. Anyway. Genug, sonst entblösse ich womöglich noch meine Gedanken.

Die wie oft bei Konwitschnys Inszenierungen vorhandenen situationskomischen Momente verstärken bei Lohengrin die Aussichtslosigkeit der Hoffnung, die Hilflosigkeit der Jugendlichen gegen die Obrigkeit und die betrübliche Perspektive für Elsa und Lohengrin als Paar.

Im Kontext dieser aussergewöhnlichen Inszenierung war Klaus Florian Vogt der ideale Sänger und Darsteller der Titelfigur. Die jugendliche Ausstrahlung seiner Statur und der Stimme, die vollkommen mühelose Bewältigung der Partie ohne Schwächeanzeichen in dem für ihn langen dritten Aufzug, seine perfekte Diktion und auch die gute Atemtechnik ist schon bestechend. Die etwas „weissgoldene“ Farbgebung fand ich sehr reizvoll. Eine makellose Vorstellung.
Janice Watson war eine anrührende Elsa, die allerdings mehr vom spielerischen Ausdruck lebte, ohne ihre stimmliche Leistung herabwürdigen zu wollen. Da mangelt es weniger am dramatischen Zugriff als an den meiner Ansicht erforderlichen mehr lyrischen Momenten; möglicherweise bin ich aber zu verwöhnt. Auch Gabriele Schnaut als Ortrud spielte glänzend, wie nebenbei alle Sänger des Abends, ihren stimmlichen Zenit hat sie allerdings bekanntlich überschritten, obwohl sie nach Vogt den meisten Applaus des Hamburger Publikums erhielt. Das war zwar alles schön laut und erstaunlich intonationssicher, gellt aber heute noch in meinen Ohren, und verstanden hat man obendrein kein Wort. Gut war Telramund in Person John Wegners (eingesprungen), achtbar der Heerrufer Jan Buchwalds, während Attila Jun (eingesprungen) als König Heinrich etwas arg orgelte. Glänzend im Spiel und vokal höchst präsent war der Chor der Staatsoper, der häufig mit dem Rücken zum Publikum spielen musste. Einsatzprobleme (wie in München) habe ich nicht vernommen.

Herausragend fand ich die Blech-Bläsergruppe der Hamburger Philharmoniker, die nicht nur laut und richtig sondern auch sehr akzentuiert und sensitiv aufbliesen. Karen Kamensek hatte beide Hände voll zu tun, den Abend anständig über die Runden zu bringen. Für nuanciertere Gestaltung war da sichtlich kein Raum. Ich frage mich wirklich, warum die Chefin so ein Werk nicht selber dirigiert. [Von ihrer Abneigung gegen das sog. Regietheater habe ich natürlich gehört. Allerdings frage ich mich auch, warum sie dann in München den Palestrina dirigiert hat.]

Diesen Lohengrin sollten Sie sich bei Gelegenheit nicht entgehen lassen. Die Hamburgische Staatsoper spielt ihn am 27. September und am 4. Oktober 2009.

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