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Auf der Reise zu Lohengrin

September 20, 2009

Nun will ich mir einen Vergleichs-Lohengrin ansehen nach der Münchener Inszenierung, die doch einigen Widerspruch hervorgerufen hat, wenn auch nicht unbedingt bei mir. Hamburg schien mir der geeignete Ort. Nachdem Frau Young offenbar langsam wenn schon nicht Konwitschnys Charme erliegt so doch vor dem Reiz seiner Inszenierungen kapituliert, spielt man sie wieder in Hamburg, und das ist gut so. Im Kulissenlager wird das Zeug nicht besser.

Wenn ich gewusst hätte, dass ich während der Münchner Opernflaute noch fix nach Kenia fliegen würde, hätte ich wahrscheinlich den Hamburg-Termin an das Ende der Aufführungsserie gelegt. Noch dazu ist heute der erste Wiesn-Sonntag und wie üblich schönes Wetter. Aber Ticket (billig), Zugfahrt (geht) und Schlafwagen (unverschämt teuer) waren gebucht und so gab es heute früh kein Entkommen. Scharen von Trachtlern bevölkerten in aller Herrgottsfrüh die S-Bahn, am Bahnhof Dachau war der Parkplatz dicht wie an einem Arbeitstag; gerade sah ich beim Halt an meinem Lieblingsbahnhof Ingolstadt, dass auch dort das große Parkhaus voll besetzt ist; das Umland strömt zum Oktoberfest-Trachtenumzug. Kann mir mal einer sagen, warum die Dirndln heuer bodenlang sind? Sind meistens ziemlich langweilig aus, zumindest wenn es sich um Alltagsdirndln handelt. A bisserl Wadn sollten schon sein, so etwa wie Elsas Gewand, das Anja Harteros in München trug.
Ich ströme nirgendwohin, sondern sitze im ICE 882. Das Frühstück war trotz des etwas mickrigen Cafe au lait ordentlich. Nun ist mir klar, warum mir der Kellner unbedingt Latte macchiato andrehen wollte. Milchkaffee gabs auch, den ich allerdings verschmähte.

In Kassel war die erste Runde „Lohengrin“ geschafft. Placido Domingos Lohengrin hat nach wie vor was, auch wenn’s schon in seinen jungen jüngeren Jahren mit der deutschen Sprache haperte. Bei der Gralserzählung hat er sich allerdings spürbar Mühe gegeben. Vielleicht hat ihn vom Prompter abgelesen. Jessye Norman macht Placidones sprachliches Defizit mehr als weg. Wenn ich ihre Elsa als „anmutig“ bezeichne, klingt es wie ein Widerspruch. Die gleiche Anmutigkeit verbinde ich mit Anja Harteros‘ Elsa. Ich meine damit die Stimmen, die für mich merkwürdige Übereinstimmungen zeigen. „Mein armer Bruder“ oder „Mir schwankt der Boden“ hören sich nahezu identisch an. DiFiDis Heerrufer sucht seinesgleichen vermutlich noch heute.

In Göttingen hatte ich genug von Wagner; mir war nach Einfacherem. Xerxes in der deutschen Fassung. Statt des heute üblichen Mezzo singt ein Tenor der Xerxes. Das stört mich in diesem Fall überhaupt nicht, denn der Tenor ist Fritz Wunderlich. Und auch die übrige Besetzung ist nicht übel, Orchester und Chor des Bayerischen Rundfunks schon zur damaligen Zeit unter Kubelik mehr als respektabel. Dieser Xerxes sollte bis zum Dammtor reichen.

Vor ein paar Jahren hätte ich mir kaum vorstellen können, mal eine ganze Oper im mp3 Format im Zug zu hören. Erstens war die Qualität zu schlecht und zweitens hätte so eine lange Oper gar nicht Platz gehabt auf einem Gerät. Zumindest dachte ich das. Mein kleiner ipod shuffle hat nur 1 GB Volumen, beherbergt die Gesamtaufnahme des Serse und die Gesamtaufnahme der Theodora und hätte noch Platz für eine weitere mehrstündige Händeloper. Kürzlich habe ich mir einen Philips Go Gear 2 GB zugelegt, der gerade den Lohengrin beherbergt und noch jede Menge Platz hat. Kenner der mp3 Szene rieten mir zu ipod, ipod, ipod wegen des Sounds. Nachdem ich beide Geräte in den letzten Wochen intensiv genutzt habe, kann ich keinen qualitativen Unterschied feststellen. Nein, ich sehe und höre leichte Vorteile für den Go Gear, der zudem die Titel der gerade gespielten Stücke anzeigt. Nun hat der ipod zweifellos ein etwas kultigeres Image, aber auch der Go Gear sieht nicht aus wie ein xbeliebiger Player. Gerade hat mich die mir gegenübersitzende Teenager angesichts des giftgrünen ipods anerkennend angelächelt. Wenn die ahnte, welch popeliges Zeug ich darauf spiele!

„Finstere Furien, ihr Geister der Hölle, straft mit Qualen mich, mit grausamen Schmerzen“, singt Fritz Wunderlich, während die frühherbstliche Landschaft vor Hannover vorbei fliegt. So gross ist der Unterschied auch wieder nicht zu „Crude Furie“. Wir sollten uns nicht so haben mit der Originalsprache. Den Hannoveranern scheint der Wiesn-Anstich wurscht zu sein, denn das Bahnhofs-Parkhaus sieht ziemlich leer aus.

Während der König Xerxes lamentiert fällt mir Lohengrin wieder ein, mit dem ich vorhin richtig Mitleid hatte. Er wäre so gerne geblieben. Wenigstens ein Jahr wollte er unbeschwert mit Elsa leben, die ihre Neugier nicht im Zaum halten konnte. Weiber!
Ehe ich anfange zu philosophieren, sollte ich mich nun besser der ungewohnten Landschaft hingeben. Backsteinhäuser sieht man in Bayern nicht allzu häufig. Und in drei Stunden öffnet sich der Vorhang.

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2 Kommentare leave one →
  1. kenzo108 permalink
    Oktober 14, 2009 01:11

    Jessye Norman,wasfür eine Stimme,ein klang wie Engel für mich:)

  2. kenzo108 permalink
    Oktober 14, 2009 01:12

    großesK,dessen wurde ich gerade beraubt auf der Tastatur

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