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Salzburger Festspiele 2009: Theodora

August 30, 2009

Ein weiteres Werk mit biblischem Hintergrund bildete den Abschluss meiner Salzburg-Tour, Händels dramatisches Oratorium Theodora, mit dem die Festspiele in diesem Jahr eröffneten. Bei Händels Opernschaffen weiss man (ich) im Gegensatz zu Haydn, womit man rechnen darf oder muss. Ganz besonders liebe ich Händels Wiederholungen, was nicht nur einen langen Abend garantiert sondern auch das Festsetzen der Melodien im Kopf; ganz sinnvoll wenn man in die Jahre kommt, wo man schnell mal etwas vergisst.

Eine überdimensionale Orgelkulisse bildete das Bühnenbild zu Christof Loys Inszenierung, die im Vergleich zu den letzten Arbeiten in München direkt üppig ausgestattet war. Der Abend beschäftigte etwa 70 Chorsänger und jede(r) hatte immerhin einen Stuhl. Der Bühnenboden war in drei flachen Terrassen ansteigend angelegt. Und das war es dann auch schon. Nach aussen und hinten blieb die Bühne offen. Auf der großen Bühne des Festspielhauses wirken dadurch die Darsteller und der große Chor verloren und auf eine Art isoliert, was aber wohl beabsichtigt war um den Installationscharakter der Inszenierung zu unterstreichen.

Das Stück hat zwar eine Handlung, die Christof Loy jedoch bewusst nicht erzählen lässt (lt. Programmheft, siehe auch das Dossier auf der Festspielseite).

So wird die Aufmerksamkeit des Besuchers unmerklich auf die Musik und den Ausdruck der Darsteller gelenkt. Theodora_Loy_Salzburg3 Im Zentrum des Abends steht die Christin Theodora (Christine Schäfer), ein völlig in sich ruhender Charakter, die nicht an ihrem Gott zweifelt, auch wenn römische Soldaten sie zu missbrauchen drohen, sollte sie nicht ihren Göttern huldigen. Um diesem Schicksal zu entgehen, fleht Theodora um ihren Tod. Christine Schäfer verkörpert die frühchristliche Theodora glaubhaft; ihr Spiel wirkt in sich gekehrt, ihr Auftritt bestimmt. Die Stimme ist makellos in ihrer Klarheit und Unaffektiertheit. Didymus, Römer und konvertierter Christ, liebt Theodora, möchte sie aus der Hand der Römer befreien, was missglückt. Beide wünschen sich den Tod als Ausweg, den sie sich als Zustand oder Ort gegenseitiger Liebe und Gottesliebe vorstellen. Auch Bejun Mehta, dessen Didymus zunächst noch recht irdische Gedanken hegt, ist ein wunderbarer Darsteller. Sein sauber geführter, geschmeidiger Countertenor machte die etwas fehlende grössere Farbenvielfalt wett. Bei den beiden Duetten Theodoras und Didymus war direkt zu spüren, wie das Publikum den Atem anhielt. Die Stimmen passten perfekt zusammen. Einen starken Eindruck hinterliess Joseph Kaiser als Septimius, Freund des Didymus und bemüht, den Gouverneur von Antiochia in seiner Wut auf Theodora zu besänftigen. Seiner Arie, in der er von Flora und Venus singt, die sich an Theodoras Leid nicht ergötzen, wurde heftig applaudiert. Eine erstaunlich wandelbare, sehr händeleske Stimme.
Theodora_Loy_Salzburg2 Nicht ganz zur verdienten Geltung kam Bernarda Fink als Irene, deren Stimme sich vermutlich in der Leere des Raumes etwas verlor. Stimmlich und darstellerisch präsent zeigte sich Johannes Martin Kränzle als grausamer Gouverneur Valens.

Der präzis als Partypeople agierende und wie schon in Haydns „The Creation“ grandios singende Salzburger Bachchor erhielt die verdienten Ovationen. Ermöglicht wurde der bemerkenswerte Abend freilich erst durch das Freiburger Barockorchester, dessen sinnlicher, nicht dick aufgetragener Klang unter Ivor Boltons inspirierter und hingegebener Leitung den großen Raum des Grossen Festspielhauses erfüllte und dennoch kammerspielartige, besser kammermusikalische Momente ermöglichte.

Gleichsam als Haltepunkt vor der anstehenden Gerichtsverhandlung über Theodora wurde das Orgelkonzert g-moll HWV 310 eingeschoben. Dieses Konzert habe Händel bereits während der Uraufführung des Oratoriums spielen lassen, ist im Programmheft nachzulesen, und diente bei Loys Inszenierung auch der Darstellung der Konfrontation zwischen Valens und Theodora. Das Konzert für Orgel und Orchester ist wunderschön (James McVinnie, Orgel); ich fand es an der Stelle und überhaupt nicht fehl am Platz.

Der (lange) Opernabend entliess mich nicht froh, eher ein bisschen bekümmert. Zwar kannte ich den Ausgang der Oper schon, konnte mir auch nach den jüngeren Arbeiten Loys denken, was die Stühle bedeuten. Auch daß Theodora und Didymus mit dem Rücken zum Publikum auf ihren Stühlen sitzend verblichen kam nicht überraschend. Aber musste es ihnen gleich der ganze Chor nachtun?

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