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Bayreuth 2009: Parsifal am 18. August

August 23, 2009

Schon das Vorspiel zu ersten Aufzug unterschied sich von dem bisher Gehörten. Natürlich klingt jedes Orchester anders und Dirigenten haben unterschiedliche Interpretationsansätze; durch den abgedeckten Orchestergraben klang das Vorspiel in Bayreuth für mich überirdisch, eigentlich ja unterirdisch, wenn der Ausdruck heute nicht negativ belegt wäre. Da hat es mich zunächst fast irritiert, dass bereits zum Vorspiel Aktion auf der Bühne war und ich mich nicht recht auf die Musik konzentrieren konnte. Wie überall zu lesen war, zeigt Stefan Herheims Parsifal Inszenierung vom letzten Jahr den Stoff als ein Kaleidoskop aufeinanderfolgender „deutscher“ geschichtlicher Perioden, nicht als abstrakte Zeitreise, sondern mit örtlichem Bezug. Über weite Strecken wird in der Villa Wahnfried und ihrem Garten gespielt. Der äussere Rahmen der technisch immens aufwendigen aber grandios umgesetzten Inszenierung beginnt mir Parsifals (?) Geburt Ende des 19. Jahrhunderts und führt durch den ersten und den zweiten Krieg hin zur Bundesrepublik, in deren Bonner Parlamentssaal der letzte Teil des dritten Aufzuges spielt. Ich bin nicht die grosse Wagner-Kennerin und verzichte deshalb lieber auf interpretierende Kommentare. Ich liebe die Parsifal Musik als solche; weltanschauliche oder spirituelle Dinge verbinde ich damit höchstens im Unterbewusstsein. Ich fand diese Inszenierung brilliant, die eine Entwicklung Parsifals am Beispiel Deutschlands fesselnd erzählt. Nun habe ich keineswegs alle Handlungen und Symbole verstanden; manche irritierten mich sogar. Ich hoffe deshalb, nächstes Jahr nochmals an eine Karte zu kommen.

Daniele Gatti leitet diesen Parsifal und begeisterte mich vor allem im langen ersten Aufzug. Dass der Orchesterteil manchmal wie Filmmusik klang, liegt vermutlich an der Inszenierung, die immer dicht an der Musik ist und ist von mir keineswegs negativ gemeint. Der zweite Aufzug zerfiel dann doch in Einzelteile, was ich zurückführe auf das zerdehnte Tempo, und liess eine grosse interpretatorische Linie vermissen, was viele wunderschöne Momente gerade in diesem Aufzug selbstverständlich nicht ausschliesst.

Etwas zwiespältig liessen mich die Sänger. Kwangchul Youn, hochgelobt als Gurnemanz, sang zwar ausserordentlich schön und ausdrucksstark; ich verstand ihn allerdings im ersten Aufzug fast nicht, wobei gerade seine Diktion immer hervorgehoben wurde. Der letzte Aufzug war dann wesentlich besser verständlich; vielleicht ein Tagesmangel, für mich gerade bei Parsifal ein wesentlicher. Detlef Roth unterstrich Amfortas Leiden sehr differenziert, stilsicher und anrührend. Thomas Jesatko war darstellerisch wie stimmlich ein erstklassiger Klingsor, was sich auch über den unsichtbaren Diógenes Randes sagen lässt, der Titurel sang. Dem allgemeinen Jubel für Christopher Ventris als Parsifal mochte ich mich nicht anschliessen. Zwar hat er keine stimmlichen Probleme mit der Rolle; für mich klingt seine Stimme sehr uneinheitlich. Trotz Mihoko Fujimuras zweifellos grossartiger Stimme finde ich sie als Kundry fehlbesetzt. Da fehlte neben einer Portion Sex Appeal ( in der Verführungsszene) an diesem Abend auch etwas der Atem. Sie musste doch häufig neu ansetzen, was nur dank Gattis Tempi nicht wesentlich auffiel.
Ganz grossartig fand ich dagegen die Chöre, sowohl die Herren wie auch die Damen, die mit ihrem Chordirektor entsprechend gefeiert wurden.

Zu negativ? Sie hätten, wie schon gesagt, das Telefonbuch aufführen können, und ich hätte den Abend genossen, der hoffentlich eine Wiederholung finden wird. Irgendwann in Bayreuth.

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