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Salzburger Festspiele 2009: Moïse et Pharaon

August 10, 2009

Nicht eben von Sympathie getragen scheinen mir die Beziehungen von Österreichs schreibender Presse zum Salzburger Intendanten Jürgen Flimm. Aus Buhs von zwei, drei gelangweilten Zuschauern machten sie einen Buhsturm als Antwort auf die Vorlage zu Flimms Regiearbeit zu Moïse et Pharaon.

Amenophis_Anai Wie bitte muss denn ein Stück inszeniert werden, damit sich das sonnengetrocknete Premierenpublikum zwischen den Champagnerpausen gut unterhalten fühlt? Ein Stück, dessen Kernthema die Vertreibung des Volkes Israel aus Ägypten ist, wie sie sich Rossini für seine Oper zurechtlegte und in das er eine aussichtslose Liebesgeschichte zwischen Anais, der Nichte Mose, und Amenophis, dem Sohn des Pharao, einschob. Die Italiener sollen uns deutschsprachige Länder etwas belächeln, die wir gewöhnlich nur Rossinis heitere oder leichte Werke in den Theatern spielen, dabei sollen Rossinis beste Opern die ernsthaften Inhalts sein. Zu dieser Ansicht neige ich auch, nachdem ich mich im Vorfeld meines Besuches in Salzburg auf die Oper etwas vorbereitet habe. Aufgrund der oratorienhaften Anlage mit den großen Chören, fast keinen Solostücken, dazu lange Rezitative und Ensembles erwartete ich nicht die Inszenierung einer wahnsinnig spannenden Geschichte und schon gar nicht einen Kriegsschauplatz oder das Rote Meer.
Moise_et_Pharaon Flimm erfand das Alte Testament nicht neu, sondern inszenierte zurückhaltend mit teils allgemeingültigen, teils zeitbezogenen Verweisen. So wurden beispielsweise die Zwölf Gebote an die Wände des aufgeschnittenen Holzkegels projiziert, in dem sich die Israeliten aufhielten, von denen das Negativ von „Du sollst nicht töten“ stehenblieb. Im Lauf des Abends wurde dieser zuerst fast unleserliche Schriftzug mit Farbe festgeschrieben. Die Kleidung der Juden erinnerte an die Zeit der Judenvernichtung, was auch durch die abgewetzten Lederkoffer unterstrichen wurde, die Ägypter erkannte man an den heutigen sackartigen arabischen Gewändern, die die alten Ägypter sicher nicht trugen.

Anais_Amenophis Der hölzerne, sandfarbige Raum (Ferdinand Wögerbauer) diente als Einheitsbühnenbild für die Massenszenen der Hebräer wie der Ägypter. Bei Szenen „privaten“ Inhalts wie solchen zwischen Anais und Amenophis verdichtete sich ein schwarzer Vorhang und liess so viel Raum, wie die Protagonisten benötigten. Verhandlungen zwischen dem Pharao und Mose, Szenen zwischen dem Pharao und seiner Frau oder seinem Sohn fanden auf weissen Sessel an der Rampe statt. Moise_Ameophis_Pharaon_Sinaide

Während ich den Umgang mit den großen Chören sehr gelungen fand, – von meinem Platz oben sah das auch choreographisch sehr gut aus auf der Bühne – wirkten die Sänger in ihrer Gestik etwas hilflos auf mich.

Szenisch passierte also nichts vordergründig Aufregendes; dafür fesselte mich der Abend musikalisch umso mehr. Mir ging es jedenfalls so. Die vielen Gebete des Chores auf der Bühne fand ich überhaupt nicht langweilig, denn Rossinis Musik ist nicht nur ausgefeilt und abwechslungsreich, mit vielen solistischen Motiven für die von mir bevorzugte Bläsergruppe, sondern auch höchst anspruchsvoll. Besonders gespannt war ich, als ich hörte, dass die für französische Opern der damaligen Zeit unabdingbaren Ballettszenen (drei an der Zahl, Dauer ca. zwanzig Minuten am Stück) nicht gestrichen werden sollte. Man würde die nahöstlichen Streithähne wohl kaum miteinander tanzen lassen können. Was sich so flapsig anhört, fand ich den berührendsten Teil des Abends: Zu der duftigen Balletmusik las man durch Projektion des Textes auf eine Zwischenvorhang die Geschichte der zehn Plagen, deren größte Katastrophe, das Sterben der ägyptischen Erstgeborenen, hinter dem Gazevorhang nachgespielt wurde.

Moïse et Pharaon ist vor allem eine Choroper. Deshalb gehört die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor an erster Stelle gewürdigt für die fantastische Gestaltung des Abends. An Ildar Abdrazakovs Legatokultur in der Rolle des Moïse, der keine Arie hat, sondern wie ein Moderator das Geschehen lenkt, und seinem warm timbrierten Bass könnte ich mich förmlich berauschen. Auch die beiden anderen tiefen Männerstimmen wussten zu überzeugen. Nicola Alaimo als Pharaon stand Ildar Abdrzakov nicht nach und Alexey Tikhomirovs sang den Hohepriester der Isis rollendeckend mit tiefem, etwas orgelndem Bass. Eric Cutlers Tenor klang sehr beweglich als Aménophis, gestisch war er dagegen etwas schwerfällig. Den größten Applaus erhielt Marina Rebeka für ihre Anaï, kein Wunder, hat sie doch als einzige so etwas wie eine Arie, die sie zugegebenermassen überaus gut präsentierte; ein klar klingender, koloratursicherer Sopran mit warmen Höhen. Überzeugend die beiden Mütter, Nino Surguladze als Sinaïde, Frau des Pharao und Barbara Di Castri als Marie, Moïses Schwester und Anaïs Mutter, und ebenso Juan Francisco Gatell als Moïses Bruder Eliézer.

Die Wiener Philharmoniker mit vier Stunden Rossini zu hören, ist wahrscheinlich nur möglich mit Maestro Riccardo Muti am Pult, der sich bekanntermassen seit langem für Rossinis Werk einsetzt. In der Art, wie er den Abend musikalisch leitet, ist schon eine gewisse Leidenschaft zu verzeichnen, für das was er da angezettelt hat. Dieses Orchester scheint ein Fabelwesen zu sein; ich weiss nicht recht, wie ich meine Eindrücke beschreiben soll, was ich hervorheben möchte, weil eben alles herausragend war. Muti lebt in dieser Musik, er atmet sie und er lässt sie atmen und das Orchester scheint es ihm gleich zu tun. Und gemeinsam tragen und transportieren sie das Geschehen auf der Bühne.

Einen bemerkenwerten Moment erwähne vielleicht doch. Gegen Ende des vierten Aktes entfacht Rossini ein erdbebenhaftes Gewitter; der Kegel öffnet sich an der Seite, die Israeliten entkommen. Kein Rotes Meer ist weit und breit zu sehen, dafür ein Meer von Koffern, wie Muti in einem Interview sagte. Viele der mit roten Sand gefüllten Koffer bleiben am Ende zurück. Das Volk zieht in die Diaspora.
Statt eines abrupten Schlusses lässt Rossini den Akt mit einem innigen Nachspiel verklingen, das die angespannten Zuhörer beruhigt, sie zurückholt aus dem Spiel, das sie gerade verfolgten und das nun zu Ende ist. Das Orchester spielt diese letzten Takte atemraubend.

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