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Salzburg: Al gran sole carico d’amore

August 3, 2009

Bei der gestrigen Premiere von Luigi Nonos Oper überraschte mich ein Kunstwerk, das ich in der Art bei den Festspielen in Salzburg zu allerletzt erwartet hätte.

Al gran sole carico d’amore hat keine durchgehende Handlung, sondern szenische Aktionen von Frauen aus unterschiedlichen Zeitperioden, die in der Geschichte des Kommunismus von Bedeutung sind. Im Libretto finden sich Zitate und Textfragmente von Brecht, Gorki, Lenin, Marx, Gedichte von Pavese und von Arthur Rimbaud; es eröffnet mit einem Zitat von Che Guevara: Schönheit und Revolution sind kein Widerspruch.
Al GRAN SOLE CARICO D'AMORE BY LUIGI NONO Aneinandergereiht wie die Szenen der Oper ist ein Teil des Bühnenbildes. Der linke Teil der Bühne der Felsenreitschule besteht aus einem arkadenartigen Bauwerk von fünf ärmlichen Zimmern der für die Oper wichtigen Personen. Sie werden durch Schauspielerinnen dargestellt. Der erste Teil beschäftigt sich mit Louise Michel (1830-1905), die während der Zeit der Entstehung der Pariser Kommune für die Sache der Arbeiter auf den Barrikaden kämpfte und dafür verurteilt wurde und mit Tania Bunke (1937 – 1967), die sich Che Guevara anschloss, später als Spionin arbeitete und während eines Dschungeleinsatzes mit einem Guerilla-Regiment ums Leben kam. Al GRAN SOLE CARICO D'AMORE BY LUIGI NONO Gegen Ende des ersten Aktes wird eine fiktive Frau einbezogen, die Mutter eines russischen Arbeiters, die auf Maxim Gorkis Stück „Die Mutter“ zurückgeht. Obwohl die Frauen zu unterschiedlichen Zeiten lebten, scheinen ihre Schicksale miteinander verwoben. Die Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten hält diese Frauen nicht ab, sich aktiv an Revolutionen zu beteiligen, unter Einsatz ihres Lebens und auch unter Einsatz von Gewalt. Al GRAN SOLE CARICO D'AMORE BY LUIGI NONO Der zweite Teil wird szenisch dominiert von der Turiner Mutter, deren Sohn in politische Aktionen bei den Fiat-Werken verwickelt ist und den sie unterstützt. Der vermeintliche Sugo, den sie zubereitet, erweist sich als rote Farbe, mit dem sie weisse Laken färbt, damit sie als Tücher der Bewegung getragen werden können. Eine weitere Rolle spielt Deola, eine Prostituierte, eine Figur aus Gedichten Cesare Paveses. Jede dieser Frauen trifft wegen ihrer Unterstützung der Sache auf den Tod, auf den eigenen oder der von Kind oder Mann, nur über Deolas Bedeutung bin ich mir nicht klar. Al GRAN SOLE CARICO D'AMORE BY LUIGI NONO Im Libretto des zweiten Aktes finden sich neben Gedichten von Pavese Parolen der Bandiera Rossa, Texte aus dem Manifest von Marx und Engels und anderen. Die Aktionen der fünf Frauen werden während des Abends aufgenommen und unmittelbar auf eine riesige Videowand projeziert, die wie eine halbrunde hohe Betonwand die rechte Bühnenhälfte einnimmt. Am Fuss dieser „Mauer“ sitzt der Chor, die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, wie zu einem Konzert. Die weiblichen Gesangsolistinnen sind in Bühnenaktionen eingebunden, spielen aber keine konkreten Rollen. Sie übernehmen beispielsweise die Kameraführung oder auch das isolierte Nachspielen von diversen Aktionen der Schauspielerinnen, das Blättern in Büchern oder das Briefeschreiben, das Kochen oder Wäschewaschen, die alltäglichen Dinge, denen sich die Mütter der Revolution nicht entziehen konnten.

Das riesige Orchester der Wiener Philharmoniker, mit vierfach besetzten Trompeten, elf Pauken und weiterem Schlagwerk auf zwei rechts und links von der Bühne angebauten Podesten wurde ergänzt von Einspielungen von Ausschnitten restaurierter Tonbänder der Uraufführung.

Der musikalische Eindruck war gewaltig. Nicht wegen des überdimensionalen Einsatzes an Menschen und Material sondern wegen der Schönheit der Musik, die eine immense Kraft beinhaltet. Ingo Metzmacher hätte wahrscheinlich keine Besseren finden können, als diese Könner des Orchesters aus Wien, um seine interpretatorischen Absichten umzusetzen. Der Chor stand dem in nichts nach, sang grandios.

Da das Werk keine Handlung hat, sind die weiblichen Stimmen keinen Personen zugeordnet. Die gleiche Person wird von unterschiedlichen Sängerinnen gesungen, manchmal gleichzeitig. Von den vier Sopranen Tanja Andrijic, Elin Rombo,Sarah Tynan, Anna Prohaska und Virpi Räisänen möchte ich vor allem von Elin Rombo und Virpi Räisänen hervorheben, deren Vielseitigkeit ich bestaunte, hatte ich beide doch kürzlich in Händels Floridante bewundert. Die Soprannotierung liegt teilweise so unglaublich hoch, dass die Stimmen kaum zu hören sind; dennoch sangen alle mit einer großen Sicherheit und frappierender Reinheit im Ton.
Susan Bickley, einziger Alt, verlieh mit ihrer ausdrucksvollen Stimme solistisch den Mütterrollen Profil.
Al GRAN SOLE CARICO D'AMORE BY LUIGI NONO

Es gab auch solistische Männerstimmen, die naturgemäß keine übermässige Rolle spielten; ihre Leistungen waren dem hohen Niveau des Abends angepasst.

Ich glaube, dass der Regisseurin Katie Mitchel und ihrem Team, vor allem aber Ingo Metzmacher mit dieser Darbietung ein großer Wurf gelungen ist, der die Festspielstadt Salzburg in ein ganz neues Licht rückt.

Die Aufführung ist Pina Bausch gewidmet.

LEADING TEAM

Ingo Metzmacher, Musikalische Leitung
Katie Mitchell, Regie
Vicki Mortimer, Bühnenbild und Kostüme
Leo Warner, Director of Photography für Fifty Nine Productions
Bruno Poet, Licht
André Richard, Klangregie
James Wood, Chöre
Benjamin Davis, Regiemitarbeit
Klaus Zehelein, Dramaturgische Beratung

BESETZUNG

Tanja Andrijic, Sopran 1
Elin Rombo, Sopran 1
Sarah Tynan, Sopran 2
Anna Prohaska, Sopran 3
Virpi Räisänen, Sopran 4
Susan Bickley, Alt
Peter Hoare, Tenor
Christopher Purves, Bariton
Hee-Saup Yoon, Bass
Andrè Schuen, Bass
Helena Lymbery, Schauspielerin
Laura Sundermann, Schauspielerin
Birgit Walter, Schauspielerin
Julia Wieninger, Schauspielerin
Sebastian Pircher, Live-Kamera
Wiener Philharmoniker
Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor

Wiederholung: 6., 9., 14.August 2009
Salzburger Festspiele

PS: Die Produktion ist eine Gemeinschaftsproduktion mit dem Staatstheater Unter den Linden, wobei ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, wie man die riesige Bühnenbild ohne größere Verluste auf der Bühne des Hauses in Berlin unterbringen will, vom großen Orchester ganz zu schweigen. Berlin ist als Aufführungsort allerdings sicher kein schlechter Ort.

PPS: Fernsehübertragung am 18.8.2009

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