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Festspiele 2009: Aida am Nil zu Bregenz

Juli 23, 2009

Aida_Triumphmarsch_Bregenz

Nach der Münchner Aida-Pleite fuhr ich gewiss nicht mit der Erwartung nach Bregenz, dort den ganz grossen Aida-Wurf zu erleben, sondern eher mit banger Skepsis. Das sommerliche Wetter liess dann aber doch Vorfreude auf einen schönen Abend aufkommen, die sich auch prompt erfüllt hat.

Die attraktive Gestaltung der Seebühne aus Fragmenten der Freiheitsstatue, die im Laufe des Abends von zwei riesigen Lastkränen bewegt und zusammengesetzt werden, erhebt sich über oder vor dem Palast des Königs, der am Nil liegt. Die Benutzung der Freiheitsstatue als Ausstattungsrahmen ist nicht abwegig. Sie erklärt sich und wird aufgenommen durch die später als Guantanamo-Häftlinge dargestellten Sklaven, die Radames auf seinem Feldzug erbeutet und im Bauch seines Elefanten mit zurück bringt. Das Bühnenbild selbst ist sehr augenfreundlich. Gold und Blau und natürlich wirkende Materialien überwiegen. Sklavinen waschen am Fuss des Treppenaufgangs die Wäsche, Fischer und Wachleute sind in seitlichen Unterständen zu sehen. Amneris erscheint mit zwei Sklaven an der Leine, die sich wie Hunde gebaren (müssen). Aida selbst und die übrigen Sklavinen treten als klischeehaft mit Trainingshose und Kittelschürze kostümierte Putzfrauen nahöstlicher Herkunft auf. Die Wasserfläche des Nil vor dem Palast ist schlüssig in die Szene eingebunden. Dort wurde eine Hebebühne installiert, die auf unterschiedlichem Niveau bespielt wurde (Nilszene) und als Bühne für ein faszinierendes Wasser-Ballett diente.

Nicht nur bekam Amerika sein Fett weg, auch der Vatikan blieb nicht ungeschoren; nicht nur Ramphis und die Priesterschar trugen unverwechselbar klerikale Züge; auch die Priesterin gehörte nach Outfit und Korono zum gleichen Verein. Genug der Symbole. Dem Regisseur Graham Vick fielen allerhand technische Gags und Raffinessen ein, die man sich am kommenden Freitag bei der TV-Direktübertragung am besten selbst zu Gemüte führt. Langweilig wird das bestimmt nicht. Ich gehe auch davon aus, dass die gestern deutlich hörbaren technischen Abstimmschwierigkeiten beim Klang bis dahin keine Rolle mehr spielen werden. In den leisen Moment der Oper, die sie ja reichlich hat, war ein deutliches Defizit zu verzeichnen, auch die (ebenfalls aus dem Festspielhaus singenden) Chöre waren nicht immer dort zu orten, wohin sie eigentlich gehörten.

Es wurde mit Einschränkungen respektabel bis vorzüglich gesungen. Ausgezeichnet gefiel mir Tatiana Serjan (Aida), die mit kraftvoll dramatischen Zugriff sang, aber auch die verhaltenen Momente (trotz der problematischen Lautsprecher) innig zu gestalten wusste. Nachdem „Ritorna vinicitor“ sich schon sehr gelungen anhörte, lehnte ich mich entspannt zurück. Auch Iano Tamar (Amneris) gelang eine prächtige Interpretation, die ihren szenischen Höhepunkt fand, als sie sich auf der Wasserspielfläche quasi schon im Brautkleid den ihr entgegenschreitenden Priestern zu Füssen wirft, um Gnade für Radames zu erbitten. Ganz vorzüglich sang Iain Paterson (Amonasro), dem auch sportlich und darstellerisch bei der Belauschung des Paares einiges abverlangt wurde.

Radames (Rubens Pelizzari). Er hatte es schwer. Gelang schon die schwere Auftrittsarie nicht (keine Höhe, kein Atem), brach ihm während der Nilszene die Stimme so gut wie weg. Er fasste sich dann zwar etwas und sang einen respektablen Schluss. Sein Quasi-Ausfall trübte den musikalischen Genuss beträchtlich.

Zum Schluss. Radames wird auf eine altägyptischen Galere verbannt. Als Aida sich zu ihm gesellt, entschwebt „questa tomba“ per Lastkran über dem Nil ins Nirvana und der beiden gesungener Liebestod verklingt im unendlichen Sternenhimmel, während Amneris Totenklage nebelartig über die seichte Wasserfläche kriecht. Dieses emotionale Bild beschloss den sehr stimmungsvollen Abend.

Premierenbesetzung:
König von Ägypten – Kevin Short
Amneris – Iano Tamaar
Aida – Tatiana Serjan
Radames – Rubens Pelizzari
Ramphis – Tigran Martirossian
Amonaso – Iain Paterson
Priesterin – Elisabetta Martorana
Wiener Symphoniker, Leitung Carlo Rizzi
Regie – Graham Vick
Ausstattung – Paul Brown

PS: Alle die hier nach der Erwähnung von Tigran Martirossian (Ramphis) suchen: In der Premiere fiel seine Darbietung zu meinem großen Bedauern leider der Soundanlage zum Opfer. Zu viel Hall, schlecht ausgesteuert. Schade. Ich hätte ihn gerne gehört.

Bregenzer Festspiele

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