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Lohengrin

Juli 13, 2009

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Am gestrigen Sonntag besuchte ich nun zum zweiten Mal den neuen Lohengrin (3.Vorstellung), diesmal mit wesentlich besserem Platz, von dem aus ich das Geschehen auf der Bühne verfolgen konnte. Die inzwischen erschienenen Rezensionen mit ihren unterschiedlichen Deutungen und Interpretationen habe ich natürlich gelesen, und sie haben mich sicher nicht unbeflusst gelassen. Dennoch versuchte ich, mir meine eigene Meinung über diese Inszenierung zu bilden.

Wie ich schon nach meinem ersten Besuch schrieb, kann ich mit dem Gedanken etwas anfangen, den Lohengrin-Stoff als Planung und Errichtung eines Hauses abzubilden. Nach dem gestrigen Abend finde ich auch, dass diese Grundidee in sich schlüssig und gut realisiert wurde. Elsa steht während des Vorspiels zum ersten Akt an einem Reissbrett vor einem leeren Gelände, das von einer Holzbrücke überspannt wird und bringt die Vision ihrer Zukunft auf Papier. Sie möchte sie ein Haus bauen und sie fängt unbeeindruckt von den Querelen um die Nachfolge ihres Vaters als Herzog von Brabant und ungeachtet der ihr drohende Verurteilung wegen Brudermordes zielstrebig damit an. Unterstützt wird sie dabei ausschliesslich von Frauen. Frauen, die zwar äusserlich nicht aussehen wie Trümmerfrauen, lediglich die Frisuren erinnern an die Zeit, die aber in ihrer Entschlossenheit und ihrem Fleiss wirken wie die Frauen, die Schutt und Asche nach dem Krieg beseitigt haben. Ein starkes Bild.

Aus den von Elsa und den Frauen gelegten Grundmauern wächst im Laufe des Abends ein komplettes Haus. Elsas erträumter Ritter und Retter Lohengrin erscheint, gesteht Elsa seine Liebe, entwaffnet Telramund im Kampf und treibt zusammen mit seiner Braut Elsa unverzüglich den Rohbau voran. Das Volk von Brabant erkennt nach seinem Sieg über Telramund Lohengrins Führerschaft, schwenkt um ins Lohengrins Lager und baut (natürlich) mit dem Haus. Sogar die braun uniformierten Staatsdiener vergangener Zeit sind fleissig mit dabei und selbst die heimtückische Ortrud tut zumindest zeitweise so, als würde sie mit bauen an dem Haus der Zukunft für das junge Glück. Natürlich hat die Errichtung des Hauses nun eine übergeordnete Bedeutung erhalten, ist nicht mehr nur Heimstatt für Elsas privates Glück.

Ob man Lohengrin als Schlaffi im blassblauen T-Shirt und Silberschuhen auftreten lassen muss, lasse ich mal dahingestellt. Der Gedanke wird jedenfalls ebenso wie der Hausbau durchgezogen bis zum Ende als sich der Wandel der vormals braunbunten Versammlung in Lohengrins blassblaue Gefolgschaft vollzog.

Nach wie vor bleiben für mich viele Ungereimtheiten bei der Umsetzung: Das Abfackeln des Häuschens und der Wiege gleich mit, Elsas lächerlicher Scheiterhaufen als Lattenverschlag auf den Ytongsteinen, der Massen-Exodus am Ende, der Schwan, Gottfried. Warum tragen die uniformierten Zeugen des Kampfes zwischen Telramund und Lohengrin Papiertüten über dem Kopf und der rechten Hand? Der Umgang mit dem Chor und seine akkustisch ungünstige Platzierung wirkt hilflos. Ungünstig positioniert übrigens auch die Gralserzählung, die Lohengrin auf einem Stühlchen am rechten Bühnenrand sitzend vorträgt. Vielleicht hätte ja mal jemand den Regisseur darauf hinweisen können, dass mindestens 40 Prozent der Zuschauer dieses Ereignis nicht miterleben können.

Musikalisch war der Eindruck noch stärker als bei der Premiere. Das Orchester und Kent Nagano hielten, was das Orchestervorspiel zum ersten Akt versprochen hatte und liess einen feinfühligen und emotionalen Lohengrin entstehen, der mich stundenlang in Bann zog. Neben den feinziselierten Streicherwolken beglückten besonders die Bläsermelodien (hier waren sie also am Werk, die Herrschaften, die ich in Werther schmerzlich vermisste). Die Sängerbesetzung tat dazu das ihre. Sehr stimmschön präsentierte sich wiederum Evgeny Nikitin als Heerrufer, dessen vier Doppelgänger aus der linken Poszeniumsloge trompeten. Imponierend waren insgesamt die Blechbläser, die im dritten Akt an unterschiedlichen Standorten postiert waren und einen imposanten Raumklang erzeugten. Anja Harteros gestaltete Elsa mit kraftvoller, gleichwohl engelshafter Stimme und geradezu selbstverständlichen Bewegungsabläufen. Ihre Gegenspielerin Michaela Schuster, die durchaus ausdruckstark und stimmlich präsent begann, konnte die gute Leistung nicht ganz bis zum Ende durchhalten. Christof Fischesser fand ich als Heinrich der Vogler besser als in der Premiere, während Wolfgang Kochs Telramund wieder stimmlich und darstellerisch sehr dazu beitrug, dass der Abend zu fesseln vermochte.

Wenn man sich frei machen kann von der Erinnerung an gehörte Lohengrins (Heppner vor allem und Seiffert) und sich einlässt auf Jonas Kaufmanns Zugriff auf die Figur, dann wird man der Darstellung viel abgewinnen können. Die Stimme ist zweifellos wunderschön und die Darstellung von der Idee her konsequent durchgezogen. Gestern sang Kaufmann weniger mezza voce, differenzierte etwas mehr und macht mehr auf. Anrührend fand ich wieder die Gralserzählung, die mündet in der Zerstörung von Lohengrins „Lebensglück“, wenn man so will. Mangelnde metallische Strahlkraft vermisste ich da nicht unbedingt.

Szenisch konnte ich also dem Abend durchaus etwas abgewinnen, zumindest wird mich die Inszenierung nicht abhalten, Lohengrin während der Festspiele nicht auch noch ein drittes Mal zu geniessen. Musikalisch war es mir ein Festspiel. Nicht mehr und nicht weniger.

(Dieser Bericht ist ein „work in progress“, den ich aus Zeitgründen nur bruchstückhaft erstellen kann.)

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