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Händel-Festspiele Halle 2009: Il Floridante am 7. Juni

Juni 11, 2009

Liebe, Lust und Leidenschaft – so könnte man wahrscheinlich jede Händel-Oper übertiteln. Dazu Verzweiflung, Krieg und doch ein glückliches Ende, wenn auch oft ein brüchiges. An Prinzen und Prinzessinen mangelt es selten. Und doch hat jede Händel-Oper, zumindest alle, die ich kenne, ihren eigenen unverwechselbaren Kern.

Den Inhalt des selten gespielten und auf dem Plattenmarkt kaum präsenten Floridante erzählt dieser Artikel des Deutschlandfunks besser als ich. Einen kompletten Upload der Einspielung unter Curtis verdanken wir der playlist eines fleissigen youtube Users.

Floridante-Halle2 Ich besuchte die sog. zweite Premiere. Gewarnt vor einer etwas langweiligen Inszenierung erwartete ich voller Vorfreude wenigstens einen musikalischen Hochgenuss. Ob es an meiner Vorliebe für karg ausgestatte Bühnen liegt, keine Ahnung. Ich konnte jedenfalls nichts Anstössiges am Bühnenbild finden: Eine große ovale Tafel, die nach dem Diner im Laufe des Abends als Spiegel wie auch als Folterbank Dienst tat, ein paar Stühle. Fertig. Die Rückwand der Bühne ist so präpariert, dass der Orchestergraben gespiegelt wurde, was ich interessant fand. Wichtiger als das Bühnenbild sind natürlich die Aktionen der Sänger auf der Bühne, und da war tatsächlich Leben, statt Rampensingen und Händeringen ging man sich gelegentlich auch an die Wäsche. Insgesamt aus meiner Sicht eine gelungene, wenn auch nicht gerade sprühende Regiearbeit.

floridante3 Spannung entsteht durch Händels ähnliche Gewichtung der beiden Paare Floridante-Elmira und Timante-Rossane aber der unterschiedlichen Ausgestaltung der Temperamente, die sich in Floridantes und Elmiras tiefgründigen dramatischen Arien manifestiert während die beiden anderen Personen leichtfüssig aber keineswegs leichtgewichtig daher kommen. Der Regisseur folgte diesem Muster. Ein besondere dramatische Ausprägung erhält die Oper durch die Figur des Oronte, dessen Zuneigung zur Tochter Elmira nicht auf väterlichen Gefühlen beruht. Ich weiss nicht, ob Inzest in der Instehungszeit des Werkes ein Tabuthema war. Dem Zuschauer ist jedenfalls von vorneherein nicht klar, dass Elmira nicht Orontes Tochter ist.

Was mich an dem Abend vollständig begeisterte war das professionelle Niveau der auftretenden Sänger und Sänger, schätzungsweise keine(r) über 30 Jahre alt, die ihren Beruf schon grandios beherrschen, mit frischen Stimmen und guter Technik singen und sich gleichzeitig bewegen können, eine Beobachtung, die ich schon am Tag zuvor in Bad Lauchstädt machte. Was also die Interpreten betrifft, muss man nicht fürchten um die Zukunft des Musiktheaters. Marisella Martinez‘ Mezzo klang mir mitunter etwas brustig, was sicher Geschmackssache ist und ihre engagierte Interpretation nicht schmälern soll. Virpi Räisänen steigerte sich nach etwas verhaltenem Beginn und gab Elmira die ihr in dem Stück zukommende Bedeutung. Floridante-Halle
Die hätte leicht abhanden kommen können durch das „leichte Paar“ Elin Rombo und Sonya Yonchava, die beide verzüglich sangen, darunter das für mich schönste Stück des Abends, eines von Händels raren Duetten, von denen es in Floridante gleich zwei gibt. Ihre Stimmen harmonierten so wunderbar, dass ich ihr „Fuor di periglio di fiero artiglio“ an diesem Abend wesentlich besser fand als die Einspielung der Nr. 33 der vorhin genannten playlist. Raimund Nolte sang Oronte mit bestechend schönem Bass, dem Ki-Hyun Park als Coralbo nicht nachstand.

Den Löwenanteil dieses musikalischen Hochgenusses schreibe ich Christopher Moulds zu, dessen mitreissendes Dirigat Sänger und Musiker durch den Abend trug und keinen Moment Langeweile aufkommen liess, ein feiner Dirigent mit einem besonderen Gespür für barocke Musik, wie ich auch schon in München mehrfach feststellen konnte. Auch dort im grösseren Raum verstand er es vorzüglich, die Eigenheiten und das Besondere der barocken Musik zu vermitteln. Das Händelorchester spielte auf überwiegend von der Händel-Stiftung überlassenen historischen Instrumenten.

Für diesen Floridante habe ich mich nach der Vorstellung um 23 Uhr auf den 440 Kilometer langen Heimweg gemacht, um am Montag morgen das Büro nicht zu versäumen. Trotz der Strapaze und auch mit dem Abstand von ein paar Tagen hat sich das Bleiben gelohnt.


Besetzung am 7.6.2009

Musikalische Leitung: Christopher Moulds
Inszenierung: Vincent Boussard
Bühne: Vincent Lemaire
Kostüme: Stéphanie Zani
Floridante, Prinz von Thrakien, Feldherr des persischen Heeres: Mariselle Martinez
Timante, Prinz von Tyros, Gefangener unter dem Namen Glicone: Elin Rombo
Oronte, König von Persien: Raimund Nolte
Coralbo, hoher Offizier im Dienste Orontes: Ki-Hyun Park
Elmira, vermeintliche Tochter Orontes: Virpi Räisänen
Rossane, leibliche Tochter Orontes: SonyaYonchava
Diener: Peggy Lange

Die Bilder stammen von der Seite der Oper Halle

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