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Vesselina Agrippina

Mai 15, 2009

Agrippina_Zuerich 014
Georg Friedrich Händel, Marc Minkowski und Vesselina Kasarova waren die Auslöser für einen vor Monaten geplanten Ausflug nach Zürich. Die gute Resonanz auf die Agrippina Premiere am 10. Mai steigerte meine Vorfreude sehr, muss ich sagen, und so scheute ich keine Mühe, für 26 Stunden vom Schreibtisch an die Limmat zu fliehen.

Dem Regisseur David Pountney gelang eine witzige Inszenierung voller Raffinesse, die dreieinhalb Stunden meine Aufmerksamkeit fesselte und die ich in ihrer radikalen Ironie von einem Intendanten der Bregenzer Festspiele nicht unbedingt erwartet hätte, was mal wieder zeugt von der Inkompetenz des Vorurteils.

War mir Händels frühe Oper Agrippina bis auf wenige Ausschnitte bisher unbekannt, so bin ich doch nicht ganz unbeleckt geblieben von der Geschichte um Claudius, Agrippina, Nero, Poppea – ganz nützlich, denn das Libretto zu dieser Oper halte ich persönlich für fast das stärkste der bisher gesehenen Händel Werke. Da gibt’s eine Handlung, die sich schlüssig entwickelt und sich an geschichtliche Annahmen anlehnt und da gibt es ein Sujet – politische Einflussnahme zum persönlichen Vorteil -, das topaktuell ist.

Die Nachricht, Kaiser Claudio (László Polgár) sei während eines Feldzuges im Meer ertrunken, lässt Kaiserin Agrippina (Vesselina K.) erwarten, daß ihr Sohn Nerone ( Anna Bonitatibus) den Thron des gewählten Herrschers einnehmen würde. Das unerwartete Überleben des alte Claudius veranlasst Agrippina zu heftigen Aktivitäten, um die Thronbesteigung des Sohnes zu ermöglichen, durch den natürlich sie selbst zu regieren gedachte. Gerettet wurde Claudio durch Ottone (Marijana Mijanovic), dem Claudio dafür die Kaiserwürde zu Rom versprach, was Agrippina, Nerone und die inzwischen becircten „Wahlhelfer“ für Nerone, Pallante und Narciso (Ruben Drole, José Lemos), zutiefst entsetzt. Aber auch der aufrechte Ottone hat einen Pferdefuss, und das ist Poppea (Eva Liebau). Notfalls würde er für ihre Liebe auf die Macht des Thrones verzichten. Bei der verwöhnten Kleinen sind allerdings noch weitere Bewerber im Rennen, unter anderem der alternde Claudio auf der Suche nach, ja nach was. Lange Rede kurzer Sinn – Agrippina kennt keine Liebe, sie benutzt ihren Sohn und zieht die Strippen nach Belieben, um an ihr Ziel des Machterhaltes zu kommen. Am Ende verzichtet Claudius zugunsten Neros auf den Thron, verzeiht allen, und Ottone kriegt die geliebte Poppea, wobei gerade dieses scheinbare Happy End durchaus als zweifelhaft angesehen werden darf.
Bis es soweit ist, begegnen dem Zuschauer unterschiedliche Ausprägungen von Komik. Die unfreiwillige Komik der Kriecher, die sich persönlichen Vorteil erwarten aus der Promotion des zukünftigen Herrschers, die Tragikomik des alternden Claudio auf der Jagd und der Suche nach Bestätigung durch die junge Poppea, die lächerliche Albernheit der oberflächlichen Poppea. Klaumaukig komisch fand ich die Verwechslungsszene, als die Steppdecke auf Poppeas Lotterbett nicht nur potentielle Liebhaber verhüllte sondern auch jede Menge Plüschtiere. In scharfem Kontrast dazu, immer an der Grenze zwischen Satire und Ernsthaftigkeit, bewegte sich Agrippina, die eiskalt und zielgerichtet ihre Stellung und ihre körperlichen Reize für ihre Zwecke einsetzt.

Das abwechslungsreiche Geschehen findet auf einer ebenso abwechslungsreich gestalteten farbenprächtigen Drehbühne statt (Bühnenbild Johan Engels), deren in mehrere tortenstückartige Segmente geteilte Räume krasse Gegensätze eröffnen. Dort gerät man von Agrippinas Massagebank in ein Versuchslabor, in denen von ihr ausgesaugte Opfer vollends „entblutet“ werden (so habe ich es wenigstens interpretiert), ins Rinderhälften-Kühlhaus, wo sie ihre Ränke schmiedet; vom Fitness Studio über Poppeas von angelegten Liebhabern gesäumten Whirlpool in ihre bevölkerte Steppdeckenarena. Die Bühne dreht sich um eine Säule, die den Lorbeerkranz des Siegers zeigt, getragen von dem durch die Tyrannei ausgesaugten Blut der Untertanen. Bühnenbild und Ausstattung sind keiner Epoche direkt zuzuordnen. Die Spannweite der Kostümierung reicht von Barockperücke bis zum Latexanzug.

Ich fand den Übergang zwischen dem schwerwiegenden Kernthema des Stückes und der unterhaltsamen Umsetzung sehr geglückt. Natürlich bin ich dabei schwer beeinflusst von der Qualität der Sängerdarsteller.

Wie dem ausgezeichneten Programmheft zu entnehmen ist, hat Händel die Oper mit einer Fülle von knapp fünfzig, zum Teil nur kurzen, aber immer spritzig charakterisierenden Arien versehen, die mitunter Erinnerungen an andere seiner Meisterwerke wecken.

Eva Liebau verlieh der oberflächlichen, genusssüchtigen, mannstollen und sich zur berechnenden Schlange entwicklenden Poppea mit leichtem Sopran Charakter. László Polgár beeindruckte mit tiefsten Basstönen und berührte sehr mit einer Arie, durchweg in Piano gesungen, bei der man eine Stecknadel hätte fallen hören.
Anna Bonitatibus glänzte als rabaukig-schlaksiger Nero mit tragfähigem Mezzo und sicheren Koloraturen. Sehr interessant fand ich Stimme und Erscheinung von Marijana Mijanovic, eine androgyn wirkende Stimme (wenn es so was überhaupt gibt), die dem einzig wahrhaften und aufrechten Charakter des Stückes, Ottone, Glaubwürdigkeit verlieh. Ich fand ihr Timbre bezaubernd; in der Pause vernahm ich Kritik an der Durchschlagskraft der Stimme, was ich im Sinne der Glaubhaftigkeit der Darstellung nicht bestätigen möchte.
Vesselina Kasarova zieht als Agrippina alle Register ihrer Kunst als Darstellerin und als Sängerin. Jede Geste, jedes Heben der Augenbrauen, jeder Wimpernschlag, jedes Zucken der Mundwinkel hat seine Bedeutung – Vorteile der Nähe des Zuschauers zur Bühne in einem kleineren Opernhaus. Dabei habe ich über ihren Gesang noch nichts verlauten lassen. Die „mehrschichtigen“ Register ihrer Stimme setzt Vesselina Kasarova perfekt zur Verdeutlichung des vielschichtigen Charakters der Agrippina ein. Gurrend umgarnt sie ihre auserwählten Erfüllungsgehilfen Narziss und Pallas, heuchlerisch ist ihr Unterton im Umgang mit Poppea, dominant wirkt sie als manipulierende Kaisermacherin und mit raffiniert verschleierter Verachtung nähert sie sich Claudius. Hinreissend sind ihre Koloraturen, herrlich die satte Expression in den tieferen Lagen – ihre Stimme erlaubt ihr die Gestaltung jeden Ausdrucks dieser doppelzüngigen, zynischen, kalten, heuchlerischen, unmoralischen, immer distanziert zu ihren Objekten bleibenden aber auch zweiflerischen Person.

Ehe ich zum Lobgesang der instrumentalen Seite des Abends anhebe noch ein Wort zu den phantasievollen Kostümen von Marie-Jeanne Lecca. Wie bei Kaisers üblich, durfte sich alleine Agrippina mindestens sechs Mal umziehen und jedes Mal war eine Steigerung mit dramatischer Wirkung möglich. Vom Badetuch, über Turnschuh-Outfit zur Schlangenrobe, vom voluminösen, dennoch wenig verhüllenden, Tigermantel, über ein fleischfarbenes Seidenhemd zur dämonisch-schwarzen oder pompös-roten Kaisermutter-Robe. Agrippinas Kleiderschränke waren so unerschöpflich wie die Vielfalt ihrer Intrigen.

Apropos doppelzüngig – wie man nachlesen kann, drückt Händels musikalische Sprache häufig das Gegenteil von dem ausdrückt, was auf der Bühne wörtlich zu vernehmen ist. Manche Passagen – vor allem zwischen Agrippina und Soloinstrumenten – fand ich doppelzüngig. Grandios fand ich Agrippina beim Dialog mit der Oboe beim „Non ho cor“ beispielsweise, das für mich nicht wie ein Dialog klang sondern unisono, d.h. Agrippina tarnt ihre Falschheit so, dass Poppea sie nicht erkennen kann. Ebenso verführerisch die Dialoge zwischen erster und zweiter Violine und Stimme oder Cello und Stimme. Marc Minkowski gestaltete mit La Scintilla, dem Barockensemble des Züricher Opernhauses, einen spektakulären, geschmackvollen und für mich unvergesslichen Händel Abend, den ich am liebsten noch in dieser Spielzeit wiederholen würde, wenn es sich denn einrichten liesse.
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2 Kommentare leave one →
  1. victor permalink
    Mai 26, 2009 08:24

    Ich war zweimal da. Praktisch, wenn man in Zürich wohnt… Ich fand die Inszenierung zwar lustig, aber doch etwas zu klamaukig, teilweise lenkte es sogar von den exzellenten Sängerinnen und Sängern ab. Vor allem die beiden Höflinge Pallas und Narciso waren etwas gar hamplig, dabei mit erstklassigen Sängern besetzt. Auch hab‘ ich allmählich etwas Mühe mit der Zeitgeist-Mode, sich einfach immer und überall beim SadoMaso-Genre zu bedienen. So originell ist das mittlerweile auch nicht mehr.

    Ein Glanzlicht war jedoch die Kostümprogression der Agrippina; sie wurde so auch optisch zum unfassbaren Chamäleon, vor allem neben Ottone, der von der ersten bis zur letzten Sekunde gleich (nämlich in eine rein weisse Uniform) gekleidet war – die einzige Figur mit Charakter und Standfestigkeit halt. Herrlich!

    Musikalisch war’s einfach sensationell. Wunderbar, wie souverän die Sängerinnen und Sänger ihre Rollen gestalteten, neben Kasarova hat mich vor allem auch Bonitatibus überrascht, die einen grossartigen Nerone bot, und Eva Liebau, die die leichte und unstete Poppea perfekt umsetzte. Die Klagen über Marijana Mijanovic mag ich auch nicht teilen, ich fand sie extrem ausdrucksstark, die Verzweiflungsarien vor und nach der Pause gingen voll unter die Haut. Und weil Minkowski die Lautstärke des Orchesters immer den Stimmen anpasst, störte Mijanovics etwas geringere Tragweite nicht.

    (Es wäre gemein, jetzt einfach deswegen nichts über Laszlo Polgar zu sagen, weil er sowieso immer souverän ist und seine Rollen sorgfältig und einfühlsam gestaltet, so dass man gar nichts anderes erwartet und es einen auch nicht überrascht, wenn er einfach wieder einmal sensationell war. Er war es auch dieses Mal!)

    Ich bin immer wieder fasziniert von Minkowski – so sehr, dass ich mindestens die halbe Zeit ihm zuschaue, statt das Geschehen auf der Bühne zu verfolgen. Ihn zu beobachten ist eine wahre Freude, er ist ganz in der Musik drin, tanzt, versucht Musik und Geschehen mit beiden Armen zu umfassen, leitet präzise und aufmerksam. Mit welcher Sorgfalt er die Feinheiten aus der Partitur herausholt und Solo- und Continuo-Instrumente immer wieder herausstellt ist schon phantastisch. Das Orchester ist aber auch wirklich der Hammer!

    Alles in Allem als ein äusserst gelungener Abend. Jetzt würde man sich eine CD oder DVD wünschen…

  2. Mai 26, 2009 21:30

    So ist es. Eine CD wäre schön.
    Danke für diesen schönen Bericht, Victor.

    Ich fand die Aufführung musikalisch auch sensationell, wollte das aber so nicht schreiben, da ich schon so oft von Vesselina Kasarovas Kunst im Zusammenhang mit ihrer Händelinterpretation geschwärmt habe. Da geht schnell mal die Begeisterung mit mir durch. Das Schöne war, dass das Ensemble so Klasse war. Marc Minkowski habe ich zum ersten Mal gehört und auch das Zürcher Orchester, aber hoffentlich nicht zum letzten Mal.

    Es ist jetzt schon fast zwei Wochen seit der Aufführung und ich habe die Musik noch immer im Ohr. Es war schon etwas ganz Besonderes, und ich hoffe sehr, Agrippina wird in der kommenden Saison wieder auf dem Spielplan erscheinen.
    Viele Grüße nach Zürich
    rossignol

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