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Jenufa, zweiter Anlauf

April 19, 2009

Ich muss eine Neuinszenierung mehrfach sehen, weil sich beim ersten Mal manches meiner Aufmerksamkeit entzieht, zu Lasten der Szene oder zu Lasten der Musik. Bei meinem zweiten Besuch gestern habe ich mich mehr auf die Musik konzentriert.

Schon die Einleitung zum kurzen Vorspiel, das Klopfen des Xylophons, verheisst Ungewisses. Ich legte die Aufmerksamkeit etwas mehr auf den Orchesterpart und war von der Schönheit der Musik überwältigt, ich kann es nicht anders ausdrücken. Eingebettet in die farbenreiche Instrumentierung der Komposition sind viele liedhafte Melodien, die an Volksmusik erinnern, aber keine sind. Selbst die Tanz- und Chorszenen des ersten und des dritten Aktes sind keine volkstümelnden Einlagen, sondern dienen der musikdramatischen Entwicklung des Werkes. Auch die ergreifenden Instrumentalsoli erinnern mit ihren dunklen Tonfarben bestenfalls als mährische Musik, bilden aber eine eigene, verstärkte Charakterisierung der Figuren und die Unterstreichung des Fortlaufs der Handlung.

Auch wenn Jenufa keine „Volksoper“ im landläufigen Sinn ist, so ist die tschechische Sprache ein wesentliches Element dieser durchkomponierten Oper, wie ich finde. Musik, Sprache und Textbedeutung ergänzen sich perfekt. Ich kann mich an keine Oper erinnern, bei der mir das jemals so stark aufgefallen wäre. Dankenswerterweise hat der Dirigent des gestrigen Abends diesem sprachliche Element Rechnung getragen und die Überdeckung der Sänger durch das Orchester vermieden.

Berührend fand ich auch, wie Janaczeks Musik innere Zustände charakterisiert, wie beispielsweise der Text der äusserlich hartherzig erscheinenden Küsterin durch musikalische Motive unterlegt wird, die das Gegenteil ausdrücken, nämlich die Liebe zu ihrer Ziehtochter Jenufa.

Eine große Bedeutung haben auch die Generalpausen in Jenufa. Sind es vier? Kirill Petrenko hat sie gestern bis zum Äussersten gehalten und damit den Bogen der ohnehin fesselnden Interpretation bis zum letzten Spannungspunkt ausgedehnt.

Pavel Cernoch rettete die gestrige Vorstellung und flog aus Prag ein, um den erkrankten Joseph Kaiser als Stewa zu ersetzen. Hier war auffallend, wie sehr die Rollen von der Sprache geprägt sind. Pavel Cernochs Muttersprache ist Tschechisch und der starke Ausdruck macht etwaige stimmliche Nachteile mehr als wett. Eine sehr respektable Leistung. Muttersprachler ist auch Stefan Margita, der wiederum ein überwältigendes Porträt des Laca lieferte, indem er seinen Stimme zugunsten des Ausdruckes einsetzte und auf Schönklang verzichtete. Eine bei Tenören eher selten zu findende Eigenschaft.

Sehr angetan war ich von Helga Dernesch als alte Buryja, die sie nicht nur darstellerisch charakterisierte, sondern bereits in den einleitenden Takten zur finalen Chorszene des ersten Aktes auch stimmlich auffiel (als sie davon singt, dass jedes Paar sein Leid zu tragen habe und alle einstimmen).

Deborah Polaskis Darstellung der Küsterin hat mich bereits bei der Premiere gefesselt. Ich mag mich der mancherorts geäusserten Kritik nicht anschliessen. Beide Frauen, Polaski wie auch Eva-Maria Westbroek als Jenufa, haben den erschütternden Seelenzustände ihrer Rollen ergreifend zu interpretieren vermocht. Bei Polaski fand ich die Momente stark, in denen ihre Zuneigung zu Jenufa zu spüren war, die sie gestern auch „schön“, ohne Anflug von Schärfe, sang. Eva-Maria Westbroeks Interpretation der Jenufa folgt der menschlichen Entwicklung der Figur, findet einen vorläufigen Höhepunkt in der großen Klageszene des zweiten Aktes, wandelt sich in Barmherzigkeit bei der Vergebung der Küsterin, um sich eingeschränkt hoffnungsvoll mit Laca auf eine neue Zukunft einzulassen.

Ein Kompliment gebührt dem gestrigen Publikum, das entweder aus Kennern und Liebhabern dieser Oper bestand, jedenfalls in keinem Moment den dramatischen Ablauf störte, sondern geradezu atemlos dem Geschehen folgte;statt Rascheln und Husten herrschte angespanntes Schweigen während der Generalpausen! Grosser Applaus.

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