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Premiere: Leoš Janáček, Jenůfa

April 9, 2009

Ich konnte sofort etwas anfangen mit Janáčeks Jenůfa, die gestern an der Bayerischen Staatsoper Premiere hatte. Da ich mich mit Bild- und Tonkonserven von Opern nur sehr wenig beschäftige, war die selten gespielte Oper mir bis auf Ausschnitte und der angelesenen deutschen Übersetzung des Librettos unbekannt. Das Werk handelt in der Münchener Inszenierung für mich im wesentlichen von drei Frauen unterschiedlicher Generationen, von der Küsterin, deren Schwiegermutter, der alten Buryia , und von Jenufa, der Ziehtochter der Küsterin. Aufgrund ihrer Lebenssituation und ihres Alters befinden sich die Frauen in unterschiedlichen Stadien. Die kinderlose Küsterin lebt nach einer freud- und lieblosen Ehe wie erstarrt innerhalb enger Konventionen. Für sie bedeutet ihr Ansehen im Dorf alles. Nur was „die Leute“ sagen oder denken mögen, zählt. Jenufa erzieht sie in diesem Sinne. Sie soll „etwas Besseres“ darstellen. Jenufa ist gebildet wie die Küsterin, denn sie kann nicht nur lesen und schreiben sondern gibt ihr wissen an die Dorfkinder weiter. Und dennoch sie wird ungewollt schwanger von ihrem Geliebten Stewa, Lieblingsenkel der alten Buryia. Auch die Ehe der alten Buryia, der mehrere Kinder entstammten, war alles andere als glücklich. Jetzt, im Alter, alleine, in Auflösung begriffen, wirkt sie gelassen und befreit. Die drei Frauen sind oder waren jede auf ihre Weise fremd bestimmt und ihre Schicksale erregen Mitleid. Nur für Jenufa scheint nicht alles zu spät, denn sie ist noch jung genug, ihr Leben selbst in andere Bahnen zu lenken.

Die Regisseurin Barbara Frey verlegte die Handlung der Oper, die Anfang des vorigen Jahrhunderts entstanden ist, in die fünfziger Jahre (schätze ich mal. Es kann auch etwas später sein). Moralvorstellungen und Verhaltensweisen, wie sie die drei Frauen einer Familie an den Tag legen, kann ich mir gut vorstellen. Sie waren auch bei uns in der prä-emanzipatorischen Zeit in allen Schichten verbreitet, wenn sie auch nicht unbedingt zu Kapitalverbrechen führten. Dabei liebt die Küsterin Jenufa und diese ist voller Bewunderung , Liebe und Dankbarkeit für die Ziehmutter. Als Stewa sich weigert, Jenufa zu heiraten, verleitet ihre bigotte Moral die Küsterin zum Mord an Jenufas Kind, für das sie nur Herzlosigkeit und Hass wegen seiner blossen Existenz aufbringt, um deren Ansehen in der Gemeinschaft nicht zu beschädigen. Die Küsterin zerbricht an ihrer Tat.

Mich wundert, wie bestimmt Jenufa plötzlich mit der Situation umgeht. Um ihr totes Kind leidet sie, aber nur kurz; vielleicht wird sie ihr Leben lang um das Kind trauern. Sie verzeiht der Mutter, die mit ihrem Richter geht. Und sie selbst bricht mit Laca auf in ein neues, anderes Leben.

Während die Szene optisch wenig Aufregendes zu bieten hatte, die Handlung ist beklemmend genug, waren bemerkenswerte musikalische Entdeckungen zu machen. Es war einer der Abende, an denen ich mal keine volle Sicht aufs Orchester hatte, was ich beim nächsten Besuch erfreulicherweise nachholen kann, denn manche orchestrale Glanzleistung konnte ich nicht recht orten. Ich hörte herrliche Instrumentalsoli und einen geradezu betörenden Glockenklang im letzten Akt. Kyrill Petrenko führte das Orchester insgesamt zu bemerkenswert intensivem, immer transparentem Spiel, das die Sänger sensibel begleitete und die charakteristischen Melodien des tschechischen Textes unterstrich.

Wie meistens in München wurde bis in die Nebenrollen glänzend gesungen. Auffallend und herausragend fand ich Stefan Margita als Laca, was merkwürdig klingen mag, spielen die Männer in dieser Oper für mich doch gar keine grosse Rolle ausser dass sie Verursacher des Leides der Frauen sind. Ich konnte mich nicht satthören an seiner Stimme, deren Farbgebung die überaus musikalische tschechische Sprache grandios wiederzugeben vermag. Joseph Kaiser überzeugte mit sauber geführtem, nicht allzu durchschlagkräftigem Tenor und typgenauer Darstellung des oberflächlichen Unsympathen Stewa stimmlich wie darstellerisch, eine schwere Aufgabe, die er brillant umsetzte.

Deborah Polaskis Bühnenerscheinung betonte die harten Charakterzüge der Küsterin, auch stimmlich lag die Betonung auf deren hartherzigen Eigenschaften, manchmal jedoch offenbarten warme Soprantöne ihre Zuneigung zu Jenufa. Ihren darstellerischen Fähigkeiten verdanke ich im wesentlichen meine Erkenntnisse des Abends, zu denen auch Helga Dernesch in ihrer Rolle der alten Buryja beitrug, die sie glaubhaft und lebensnah darstellte.
Die Jenufa bedeutete meine erste Begegnung mit Eva-Maria Westbroek. Ihr facettenreicher angenehmer Sopran scheint mir ideal für die Rolle, und auch die Darstellung war sehr einnehmend. Mit etwas linkischen, unsicheren Gesten im Kontakt mit anderen, mit ihrer Körperhaltung, erzeugte sie eine in jungen Jahren scheinbar schon gealterte Bühnenperson Jenufa, deren Leben vorbei schien, ehe es begonnen hatte.

Einhellige Zustimmung des Premierenpublikums zu einer eher traditionellen Inszenierung, deren Stärke für mich im Assoziativen liegt.

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