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Ja und Nein

März 4, 2009

Die sich heute abend unverhofft bietende Gelegenheit zum Besuch des zweiten Abends des 4. Akademiekonzerts nahm ich selbstverständlich wahr.
Eingebettet zwischen Franz Schuberts „Unvollendete“ und die Dritte Brahms war die Europäische Erstaufführung von „Rocana for large orchestra“ zu erleben, 2007/2008 von Unsuk Chin komponiert und 2008 in Montréal uraufgeführt, ein Auftragswerk des Orchestre Symphonique de Montréal, der Bayerischen Staatsoper, Beijing Music Festival und des Seoul Philharmonic Orchestra, bei dem die Komponistin „composer in residence“ ist.
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Kent Naganos augenzwinkernde Ansage des Stückes lässt darauf schliessen, dass er mit jeder Reaktion rechnete und wohl auch weiss, wie er das Publikum fordert. „Rocana“ sei ein Sanskritwort, das bedeutet „Raum, von dem Licht kommt“. Das Werk beinhalte eine gewissen Tonalität, finge bei gis an und höre irgendwo bei fis auf. Was Unsuk Chin ausdrücken wollte sagte er uns nicht, sondern stellte ein paar Vermutungen oder Fragen in den Raum, denen jeder selber nachgehen könnte. Und am Ende stünde Ja oder Nein.

Ich habe mir kein Konzertprogramm geleistet, weshalb ich die opulente Orchesterbesetzung kurzerhand von der Seite der Carnegiehall kopiere, wo das Stück kurz nach seiner Uraufführung präsentiert wurde. Sie wird in München nicht viel anders gewesen sein.

    3 flutes (1st doubling alto flute, 3rd doubling piccolo), 3 oboes (3rd doubling English horn), 3 clarinets (3rd doubling bass clarinet), 3 bassoons (3rd doubling contrabassoon), 6 horns, 4 trumpets, 3 trombones, tuba, timpani, glockenspiel, marimbaphone, vibraphone, xylophone, chimes, crotales, cencerros, Japanese temple blocks, triangle, small triangle, high-hat, 3 cymbals (small, medium, large), 3 tam-tams (small, medium, large), glass wind chime, 3 snare drums (small, medium, large), sand box, maracas, 2 anvils, bass drum, 4 metal blocks, piano, celesta, harp, and strings

Ziemlich viel Schlagwerk, wie man sieht, Hämmer wurden geschwungen und Kupfertöpfe mit Löffeln malträtiert. Alles in allem 20 recht anregende Minuten, über weite Strecken sehr kontrolliert im Klang und in der Metrik, dann wieder ausbrechende Klangkaskaden und unerklärliche Geräusche. Das Stück erzwingt Aufmerksamkeit, liess sich aber schon aushalten. Nachdem ich mir nun zuhause die Orchesterbesetzung angesehen habe, weiss ich auch woher ein Geräusch kam, das ich von meinem Platz aus so gar nicht orten konnte; es war das „glass wind chime“. Ob dieses Glas-Glockenspiel auch für die „zerbrechenden Gläser“ verantwortlich war, wird auf ewig ungeklärt bleiben.

UNSUK CHIN ist 1961 in Seoul geboren und lebt jetzt in Berlin. Sie ist die Komponistin der Oper „Alice in Wonderland“, deren Uraufführung die Münchner Opernfestspiele 2007 eröffnete. Wie ich dieser Tage in einer Zeitung gelesen habe, soll sie kürzlich pauschal über die Besucher ihrer Münchner „Alice“-Premiere sinngemäß geäußert haben, man meine „fein“ zu sein, dabei sei man nur teuer gekleidet. Ja sollen wir uns vielleicht vor dem Opernbesuch die Schuhe unserer Gärtner leihen? Aber das nur nebenbei.

Ich finde es gut, moderne Musik in ein klassisches Konzertprogramm einzubetten. Wo soll man neue Musik kennenlernen, wenn nicht durch ein Konzerterlebnis. Und bei Nagano merkt man eben, dass ihm an modernen Werken liegt und dass er sie auch vermitteln kann. Solange er es nicht missionarisch tut und das klassische Repertoire zu kurz kommen lässt, soll mir das sehr recht sein. So viele neue Werke wie seit seinem Antritt als GMD habe ich noch nie gehört.

Ich selbst erwartete recht entspannt das neue Opus, hatte ich doch in den davor liegenden 25 Minuten schon das ausgekostet, was mir einen Konzertabend schön macht. Geradezu himmlisch spielende Holzbläser und das Ländlerthema des ersten Satzes von den Celli kontrolliert und mit unvergleichlich rundem, sehr speziellen Ton dargeboten. Ich schreibe von Franz Schuberts Symphonie Nr. 7, h-Moll, D 759 „Unvollendete“, die für mich der vorweggenommene Höhepunkt des Abends war. Manchen mag die Interpretation nicht „romantisch“ genug gewesen sein, mir war sie gerade recht; ich finde, die Symphonie gewinnt, wenn die Süsse dosiert wird. Kent Nagano dirigierte zwar ohne Taktstock, blieb aber auch bei Schubert seiner bisherigen Linie treu. Bezeichnend dafür für mich ist das genannte Ländlerthema der Celli, bei dem ich unmittelbar an einen Dressurritt denken musste, bei dem zur Reprise die Zügel gelockert wurden.

Den Abend beschloss Johannes Brahms Symphonie Nr. 3, F-Dur, op. 90, die in mir ähnliche Assoziationen weckt wie die Pastorale und die mir deshalb von Brahms Symphonien die Liebste ist. Wie es Naganos Art ist konnte man die Auseinandersetzungen, Dispute, Dialoge der Fagotte, Klarinetten, Oboen, Flöten genauestens verfolgen und besonders das Zusammenspiel mit den vier Hörnern fand ich fesselnd und schön; das Tutti der Celli war so besonders wie schon vorher bei der Unvollendeten. Der Beginn des 2. Satzes hat geradezu etwas Rattenfänger-Mässiges an sich. Zum Nachlaufen schön.

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