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Lucrezia Borgia – so sah ich den Premierenabend

Februar 24, 2009

Eine leere Szene, dieses Mal mit einer etwas erhöhten, schrägen Spielfläche, der Hintergrund eine bewegliche weisse Wand mit dem Schriftzug Lucrezia Borgia, die sich im Verlauf des Abends von rechts nach links schiebt. Der beliebte Kantinenstuhl dient als Requisit, dieses Mal in vielfacher Ausführung. Das war’s dann fast schon an Bühne. Das Sperrmülltischchen für die Kredenz der Giftcocktails hätte ich fast vergessen. Regisseur Christof Loy mag die Bühne karg. Es soll Platz sein für eigene Interpretationen des Zuschauers. Gute Idee.

Loy erfindet das Stück nicht neu, stellt es vor allem nicht in einen geschichtlichen oder pseudogeschichtlichen Kontext, sondern inszeniert ein zwischenmenschliches Drama, das sich überall zutragen könnte, insbesondere heute. Die emotionale Beurteilung der Figur der Lucrezia wandelt sich dadurch (zumindest meine). Wohl wissend, daß die Frau eine Bestie gewesen sein muss, rührten mich gewisse Szenen fast zu Tränen. Kleine Gesten wie die, als sie Gennaro wie einem kleinen Jungen das aufgeschlagene Knie verbindet beispielsweise und andere, die ich hier nicht erläutern will. Das Zusammenbringen von Mord und Mutter reicht also in der Tat, bei einfach gestrickten Gemütern wie mir eine entsprechende Wirkung zu erzielen. Gennaros Liebe zur immer gesuchten Mutter und neu gefunden geglaubten mütterlichen Freundin hielt der schrecklichen Wahrheit allerdings nicht stand: Sogar im Tod wandte er sich ab von ihr.

Eine interessante Entwicklung nahm auch die Gruppe der jungen Männer um Gennaro und Orsini, die aus der Null-Bock-Phase des Prologs mit einem Schlag erwachsen wurden, mit Ausnahme Gennaros, der sich in seine Traumwelt einer mütterlichen Freundin eingesponnen hatte. So ähnlich sah ich das.

Und bin dann auch schon beim musikalischen oder besser sängerischen Teil. Vollends begeistert bin ich von den Sängern des Abends. Begeistert bin ich vor allem, weil zum ersten Mal in einer Produktion mit der von mir hochgeschätzten Edita Gruberova ein Ensemble um sie versammelt wurde, das ihr das Wasser reichen konnte. Ich halte das für einen Riesenschritt, denn eine Lucrezia-Vorstellung wird dadurch auch dann den Besuch wert, wenn ihr Star mal eine schöpferische Pause machen muss.

Schon die Riege der Freunde Gennaro war glänzend besetzt mit Christian Rieger, Christopher Magiera, Bruno Ribeiro und Erik Årman, die ich als Gazella/Petrucci/Liverotto/Vitellozzo kaum auseinanderhalten konnte. So vertraut bin ich mit dem Stück dann doch nicht. Sehr gut auch die Szene zwischen Emanuele D’Aguanno (Rustighello) und Christian Van Horn (Astolfo), dessen Biografie wohl eher aus Schlamperei denn aus Platzmangel im Abendprogramm nicht verzeichnet war. Die gewohnt solide Leistung bot Steven Humes als Gubetta, der gleich zu Beginn mit weiss geschminktem Gesicht als Verräter gezeichnet war.

Gespannt wartete ich auf meine erste Begegnung mit Alice Coote (als krank angekündigt), deren stimmliche Leistung keine Beeinträchtigung erkennen liess. Die Stimme klingt für mich sehr direkt, sehr fokussiert. Ihre „Fussarbeit“ allerdings irritierte mich etwas, sie suchte ständig nach Stand wie mir schien. Die „Ballada“ des Maffio Orsini war wunderbar, über den harmlos fröhlich klingenden Instrumenten gesungen mit all den beklemmenden Stellen, die den wissenden Zuhörer erschauern lassen.

Franco Vasallo in der Rolle des Don Alfonso, des vierten Ehemannes der Borgia, war szenisch angelegt fast wie eine Karikatur. Vokal war er einer der besonderen Glanzpunkte des Abends. Höhen und Tiefen der Partie bewältigte er gleichermassen mühelos und stilsicher und fuhr dafür auch die entsprechende Applausernte ein.

Zwei noch nicht lange zurückliegenden Begegnungen mit der Stimme Pavol Bresliks in bester Erinnerung, freute ich mich vor allem auf diesen Tenor in der Rolle des Gennaro. Trotz „Ansage“ war von einer Indisposition nichts zu vernehmen. Seine szenische Darstellung war zwingend (kein Liebhaber sondern zunächst ein schwärmerischer Junge, der zum vorwärtsdrängenden jungen Mann wurde), die Stimme geradezu überwältigend und passend zur gewählten Optik. Die starke Betonung der lyrischen Momente, die frei strömende Stimme, sehr sicher nicht nur in den Höhen, hell aber trotzdem voll und rund, haben mich absolut begeistert. So kann man die Rolle zweifellos darstellen, auch als Lyrischer.

Für mich wäre Pavol Breslik der Star des Abends, wäre da nicht Edita Gruberova in ihrer Ausnahmestellung, der man immer Respekt zollen MUSS. Die unendlich langen Töne, die sie aushalten kann, ihre atemberaubenden Piani, das Auf- und Abschwellen der Stimme, die Präzision der Koloraturen, die einhergehen mit einer überzeugenden darstellerischen Bühnenpräsenz, mithin nicht nur der Ausstellung der Virtuosität dienen, erzwingen ganz einfach große Bewunderung. Lucrezias Entblösung vor dem Sohn durch das Abnehmen der grauweissen Perücke (Regie-Zitat aus Roberto Devereux), das Verschmieren des Make up beim Abwischen, das beinahe Brüchigwerden der Koloratur (Absicht? grosse Frage) – Beginn vom Ende dieser Frau, die trotz Einsatz aller Mittel nichts erreicht hat. Edita Gruberova wäre geradezu ein überirdisches Wesen, wenn ein Abend wie der gestrige nicht auch bei ihr etwas Nervosität erzeugen würde, was an ein paar Kleinigkeiten durchaus zu hören war. Da ich für die Folgevorstellungen leider keine Karte ergattern konnte, muss ich bis zu den Festspielen warten, um diesen Eindruck (höchstwahrscheinlich) zu revidieren.

Der Abend hätte zur Sternstunde werden können, hätte der instrumentale Part das Niveau der Bühne erreicht. Hat er aber nicht. Das Publikum sah es ähnlich wie ich und bedachte Bertrand de Billy und das Staatsorchester mit eher lauem Applaus für eine etwas breiige musikalische Fertigsosse.

Sehr großen und anhaltenden Applaus für die Sänger, Bravi und Buh für Christof Loy und das Regieteam.

PS: Grosses Kompliment von mir für den hervvorragend singenden und agierenden Herrenchor. Hätte ich fast vergessen.

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