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Zahltag

Februar 4, 2009
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Lange habe ich nichts geschrieben über meine Kenia-Kids. Was nicht heisst, dass sie vergessen sind oder abgeschafft. Ganz im Gegenteil. Einen Teil der Kids nenne ich noch immer so, obwohl sie längst keine mehr sind. Im Gegensatz zu ihrer Schulzeit, wo der Briefverkehr organisiert ablaufen musste, gibt es nun zu den Einzelnen mehr oder weniger häufigere Kontakte. Um den Ersten eines Monats herum sind die Kontakte zu den jungen Leuten in Ausbildung sehr rege, denn sie haben in den letzten Monaten gelernt, ihre Bedürfnisse, die zu Geldausgaben führen, zu begründen und vor allem rechtzeitig anzumelden. Sie wissen, wie viel ich arbeiten muss, um alle durchzubringen, und sie haben verstanden, dass meine Ressourcen beschränkt sind. Forderungen nach mehr Hilfe erhalte ich deshalb nicht (mehr), denn sie wäre nur möglich, wenn sie zu Lasten ihrer Ausbildungskosten ginge. Ich kann nicht die ganze Welt retten, das müssen wir aufschieben, bis die „Kids“ die Sache selbst in die Hand nehmen können. Hungern muss von ihnen inzwischen allerdings keine(r), denn regelmässige Mahlzeiten sind in den Gebühren für das Studentenwohnheim oder Hostel inbegriffen. Ich kann mir einigermassen vorstellen, wie beispielsweise Rose darunter leidet, selbst jeden Tag satt zu werden, während ihre alten Eltern und jüngeren Geschwister upcountry wenig zu essen haben. Kenia durchsteht „mal wieder“ eine Hungersnot. „Mal wieder“ klingt zynisch, und soll auch so klingen. Denn das Ereignis „Not“ war vorhersehbar. Bereits während der großen Krise nach dem Wahlbetrug im letzten Jahr schrieb man davon, dass die erste Maisernte nach der Krise klein sein würde, denn Saatgut war nicht verfügbar und unerschwinglich während der Terrorphase und die Bauern konnten auch nicht rechtzeitig anbauen. Ausserdem folgt in der Region dem Hörensagen regelmässig nach mehreren guten Erntejahren ein Dürrejahr mit grosser Nahrungsmittelknappheit. Das Land hat zwar staatliche Bewirtschaftungsstellen für Mais, Kaffee, Tee, Bohnen und mehr, sog. Boards, die auch entsprechende Vorratshaltung und die Preiskontrolle gewährleisten sollen, deren Effizienz sich allerdings in Grenzen hält. Der aufgeblähte Regierungsapparat hat es zwar geschafft, subventioniertes Maismehl für die kenianische Grundmahlzeit Ugali bereitzustellen, von dem jedoch nur Bruchteilsmengen in die Läden gelangten, denn der Mais soll auf dunklen Kanälen Richtung Somalia verschwunden sein, wo man das Getreide besser zu Geld machen konnte. Regierungsnahe Kreise sollen beteiligt gewesen sein an dem Deal. Die kenianische Regierung wundert sich. Oder auch nicht.

Mehrere aufeinanderfolgende Unglücke, der Brand im Nakumatt in Nairobi Downtown, das LWK-Unglück in Molo veranlassten Rose dieser Tage, mal wieder über die sich ständig verschlechternde Situation für die Bevölkerung in Nairobi zu schreiben.

"Do you have any information about what is happening in Kenya? Imagine Kenya is again facing hunger. A Nakumatt supermarket in town got fire the other day, burnt. People died. Just few days passed a vehicle fail down with petrol in Molo. Yesterday people rushed to get free oil and it blew burning, about 100 and others being left injured. For sure what is the real problem? This the question every Kenyan is asking himself."

Dabei schreibt sich die Regierung gute Erfolge auf ihre Fahnen. Nairobi ist sauberer geworden. Die Strasse in die Westprovinz wurde gebaut und die nach Mombasa verbessert. Der aufgeblähte Regierungsapparat hat Zeit und Muse, riesige Investition in Alles und Nichts zu planen. Das Ausmerzen agrartechnischer Fehlleistungen, deren Beseitigung fruchtbare Anbaugebiete zuverlässig nutzbar machen könnten, steht offenbar auf keinem Regierungsplan. Dabei sind alle Verbesserungen der Infrastruktur nichts und sinnlos, wenn Menschen hungern, weil sie sich die auf europäischem Niveau liegenden Preise für Grundnahrungsmittel nicht leisten können.

Das Verkünden einer nationalen Trauerwoche zum Gedenken der Opfer, die sich durch das Abzapfen von Öl ein bisschen Nahrung sichern wollten, klingt für mich wie eine Verhöhnung der Toten und vor allen Dingen der vielen toten Kinder.

Life in Kenya has never been as cheap as it is now. So beginnt Judy Kibinge ihren Nachruf auf Dr. James Muiruri Nganga, der nach seiner Promotion heimkehrte nach Nairobi, um dort im Morgengrauen bei der Heimfahrt von einer Disco ermordet zu werden. Eine „kannibalistische Nation“ sei Kenia geworden, klagt Ory Okolloh in ihrem blog. Zum ersten Mal wurde mir dabei bewusst, wie gefährlich die Rückkehrer leben, die nach einem Auslandsstudium nach Hause zurückkehren, weil sie ihr Land lieben und nur dort leben und arbeiten wollen. Ist Leben in Kenia wirklich so wertlos? Ich will es nicht glauben.

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