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BSO Neuinszenierung: Palestrina

Januar 19, 2009

Im Nationaltheater stand heute Palestrina zur Diskussion, Hans Pfitzners 1917 in München uraufgeführte Künstleroper um den Komponisten Giovanni Pierluigi da Palestrina.

Der Inhalt. Da Palestrina nicht zölibatär lebt, sondern verheiratet ist, gibt es für ihn kein Amt mehr in der kirchenmusikalischen Hierarchie. Er fühlt sich schuldig am Tod seiner Frau, von der er glaubt, sie sei aus Gram über seine Herunterstufung gestorben, an der sich sich wiederum schuldig fühlte, und seine schöpferische Energie hat ihn seitdem verlassen. Der Papst empfindet figurale, polyphone Kirchenmusik als zu weltlich und möchte sie verbieten, um zur Kirchenmusik gregorianischer Ausprägung zurückzukehren. Palestrina erhält von seinem Freund, Kardinal Borromeo, den Auftrag für eine Messe, deren Komposition dem Papst die positiven Elemente der mehrstimmigen Kirchenmusik nahebringen und die Entscheidung beeinflussen soll. Die Erscheinung verstorbener Meister mahnt Palestrina an seine Erdenpflicht, und mit Hilfe der Eingebung himmlischer Engelsscharen und seiner verstorbenen Frau Lucrezia entsteht das Werk schliesslich doch, das Palestrina mehr als Abschluss seines eigenen Lebens schreibt als für die Institution Kirche, der er es zunächst vorenthält. Die fehlende Messe bringt die Kirchenoberen und Teilnehmer des Konzils von Trient in Entscheidungnot, denn sie sollen entscheiden, welche musikalische Richtung die „reine Lehre“ künftig toleriere. Borromeo liess Palestrina wegen Arbeitsverweigerung inzwischen einsperren, der trotz drohender Inquisition nicht zur Lieferung der Komposition zu bewegen ist. Da sich die Verfechter der unterschiedlichen Lager ohne Messe nicht einigen können, endet das Konzil nicht nur mit einer Prügelei, sondern mit Mord und Totschlag.
Inzwischen haben Palestrinas Sohn Ighino und sein Schüler Silla sein Werk dem Klerus ausgehändigt, um den Vater und Lehrer zu retten. Die Messe trifft den päpstlichen Geschmack und der Komponist erfährt höchste Anerkennung. Palestrina folgt dem päpstlichen Ruf nicht und bleibt geschlagen und einsam zurück.

Die Bühne. Das Stück spielt in einem symetrisch-schlichten, sschwarz-weissen, in drei Ebenen bespielten Bühnenraum (Stefan Hageneier), der von zwei Treppenaufgängen flankiert und im ersten und dritten Akt durch eine altarbildähnliche Vorrichtung ergänzt wird. Nach meinem Eindruck unterstreicht das Bühnenbild vor allem im zweiten Akt den Kontrast der kirchlichen oder besser kirchenpolitischen Realität, in der Machtstreben, Geltungsbedürfnis und Genussucht vorherrschen, zur Einfachheit und Striktheit der christlichen Regeln. Die drei Akte sind durch unterschiedliche farbliche Akzentuierungen geprägt, Grün dominiert den ersten Akt, Purpur den zweiten, im dritten Akt fügen sich kraft- und hoffnungspendendes Grün, macht- und würdevolles Purpur und unendliches Blau zusammen. Stefan Hageneier ist auch verantwortlich für die edlen Gewänder der Kirchenfürsten und die fantasiereichen Kostüme des himmlichen Fuss- und Luftvolkes. Die meisten Figuren sind durch die Maske überzeichnet, vor allem die Konzilsteilnehmer wirken karikiert. Lediglich Ighino und Palestrina selbst, zum Teil auch Silla, die Beteiligten am wesentlichen, inneren Konflikt selbst also, bleiben davon ausgenommen.

Die Inszenierung. Regisseur des Stückls der musikalischen Legende ist Christian Stückl, Intendant des Volkstheaters und dem Vernehmen nach wegen seiner Oberammergauer Wurzeln zuständig für das Katholische. Vor allem im Konzils-Akt, auf den ich mich hier beschränken möchte, zeichnet er mit spitzer Feder und scharfer Ironie die allfälligen klerikalen Eigenheiten sehr feinsinnig, überdeckt oder beschönigt dabei nicht, zerschlägt aber auch kein Porzellan. Die Rollen wurden bis in die Nebenrollen akribisch charakterisiert und präsentieren sich unverwechselbar.

Die im besten Sinn traditionelle Inszenierung verfälscht nicht den Stückinhalt und aktualisiert ihn auch nicht. Letzteres ist auch nicht nötig, denn der Inhalt ist zumindest was die Geisteshaltungen und Verhaltensweisen der Kleriker und Politiker betrifft so aktuell wie eh und je. Und diesen Schwachpunkt trifft Stückl ins Zentrum.

Witzige Details. Die rucksackbewehrten, bergfesten italienischen Bischöfe, allesamt mit modischer Franz-von-Assisi-Frisur, sind in ihrer Ununiformiertiertheit unschwer als Anhänger der neuen Musikrichtung zu identifizieren. Ganz im Gegensatz zu dem Lothringer und seinen Begleitern, deren Gesinnung ich in der Generalprobe an ihren Zöpfen zu erkennen glaubte, was nicht stimmt, wie ich heute feststellte; ich fand den Einfall (meinen) trotzdem gut, lol. Giovanni Morone (Michael Volle), päpstlicher Legat, Konzilspräsident und (lt. Geschichtsbuch) Beobachter der Reformation in Deutschland entsteigt nach seinem Besuch beim Kaiser in Innsbruck im Stile eines Mafia-Paten einer päpstlich weissen Stretchlimousine, gegen die sich das heutige Papamobil wie ein Goggomobil ausnimmt.
Das Stretchmobil, das den zum Kapellmeister der Sixtina ernannten Palestrina abholen sollte, das immer länger wurde, und das er dennoch ignorierte.

Die Sänger. Das Ensemble bot eine grandiose Leistung, es wurde durchweg glänzend gesungen, vor allem im zweiten Akt überzeugte mich auch die Darstellung.
Beispielhaft seien genannt Ulrich Reß als listig-verschlagener Bischof von Budoja, Kenneth Roberson als tatteriger Patriarch Abdisu, der unverwechselbare Alfred Kuhn als Avosmediano: Nicht zu vergessen die Schar der italienischen Bischöfe Francesco Petrozzi, Todd Boyce, Ho-Chul Lee und Rüdiger Trebes, die nach atemloser Ankunft nach weitem Fussmarsch schwer an Rucksäckchen trugen und den Eistüten.

Gleich in drei Rollen bewährte sich Steven Humes ebenso wie Kevin Conners und Christian Rieger kam in zwei Rollen zum Einsatz.

Eine herrliche Studie eines gräflichen Schnösels lieferte Wolfgang Koch als Graf Luna.

Peter Roses kurzer Auftritt als Pius IV und dann auch noch mit überdimenionaler Maske lässt einen vor Respekt fast erstarren. Roses Bass ist so rabenschwarz wie vermutlich Pius‘ Seele.

Michael Volle (Kardinal Morrone) war einmal mehr eine tragende Säule einer Inszenierung, heute ganz grossartig in Diktion und Phrasierung und von seinen gesanglichen Ausdrucksmöglichkeiten sowieso.

Glänzend ebenfalls die schauspielerische und sängerische Leistung John Daszaks, der den genuss- und machtsüchtigen Bernardo Novagerio darstellte und den ich neben seiner intakten Tenorstimme einmal mehr für sein fabelhaftes Deutsch bewunderte.

Falk Struckmann verlieh Carlo Borromeo kardinalsmässige Wucht und Bedeutung.

Stimmlich überzeugend und anrührend durch ihr liebevolles Spiel als Palestrinas Sohn Ighino fand ich Christiane Karg. Zusammen mit Gabriela Scherer als Palestrinas Schüler Silla mildern die beiden weiblichen Stimmen den etwas pathetischen Schwulst des ersten Aktes und bilden eine Brücke zur Realität.

In der Titelfigur war Christopher Ventris zu erleben. Ich hörte ihn zum allerersten Mal. Und ich sah auch noch keinen anderen Palestrina. Mich hat seine Darstellung schon berührt, im ersten und vor allem im letzten Akt. Stimmlich habe ich nichts zu bemängeln; ich wüsste nicht, wer die Rolle besser oder anders singen sollte. Sein leichtes Vibrato passte für meinen Geschmack zur Darstellung dieses zwar noch nicht ganz alten, aber gebrochenen Mannes.

Das Musikalische. Nach der Generalprobe dachte ich mir, dass ich eigentlich froh bin, dass am Dirigentenpult die Australierin Simone Young stand, die sich im Vorfeld sinngemäß äusserte, sie könne das Werk von seinem Schöpfer trennen. Auch wenn man heute etwas unverkrampfter umgeht mit den langen Schatten unserer deutschen Geschichte, hatte ich eine Art schlechtes Gewissen, keine Ahnung warum und eine Erklärung suchen mag ich nicht. Unter dieser Voraussetzung überraschte mich schon bei der Generalprobe die emotionale Kraft der Oper, die Schönheit vieler Sequenzen, das durchgängig komponierte und instrumentierte musikalische Drama, das mich trotz seiner Länge und mancher Längen fesselt. Das bayerische Staatsorchester folgte der einfühlsamen und engangierten Stabführung Simone Youngs willig und präzise und bescherte uns damit einen der sehr guten Abende, die wir in diesem Haus manchmal erleben dürfen.

Mein Rat. Besuchern der Folgevorstellungen empfehle ich, nach dem langen ersten Akt (1 Stunde 40 Minuten) das Theater nicht vor Erschöpfung zu verlassen, sondern sich in der Pause zu stärken, um sich dann erneut hineinzustürzen. Ich meine, es lohnt sich.

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