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BSO: Drei-Königs-Carmen

Januar 7, 2009

Zu der Carmen wollte ich eigentlich nicht schreiben, weil ich mir selber auf den Geist gehe, wenn ich an allem rumnörgele, ohne es selbst besser zu können. Mit Robert Braunmüller ist der erste der lokalen Kulturkritiker vom vor- und nachweihnachtlichen Winterschlaf erstanden und schreibt in der Abendzeitung zu Carmen und natürlich schreibt er zu den Sängern, was soll man sonst an einer alten Inszenierung kommentieren. Ich ging in letzter Zeit meistens nicht mit dem Herrn Braunmüller konform (hat er nicht die Lady über den grünen Klee gelobt samt der krätzigen Macbeth-Inszenierung, und dann hat sein Blatt auch noch einen „Stern“ dafür nachgelegt?) und las vorhin leicht überrascht seine mild kritische Beurteilung der Stars des ersten Hauses am Platz. Hoffentlich verscherzt er es sich damit nicht, der Herr Braunmüller.

Lange Rede. Kate Aldrich (mit Hausdebüt in der ersten Aufführung) als Carmen sang sehr schön, allerdings fehlte mir eine Art mediterraner Attitüde, d.h. sie war mir etwas zu brav, auch im Timbre und liess sich auch vom Orchester teilweise überdecken, obwohl recht sängerfreundlich dirigiert wurde. Für sie gibt es sicher passendere Rollen. Mit dem hochgelobten Marco Berti (Don José), der nichts falsch gemacht hat mit seinem ins Nationaltheaterrund schmetternden Raketenbrüller, konnte ich nicht viel anfangen. Ich höre da nur Kraft und Höhe, keine Wärme, keinen Tiefgang, keinen Schmelz, keine Aggression. Aber er bemüht sich, versucht sich ab und zu auch an leiseren Tönen und scheitert daran. Da harmonieren schon innerhalb der eigenen Stimme die Timbres nicht. Wäre ich Carmen hätte ich jedenfalls auch den Escamillo vorgezogen. Wie jeder weiss, sieht Erwin Schrott (Escamillo) nicht nur gut aus, sondern hat auch eine schöne Bassbaritonstimme, weil seine Freundin eine berühmte Sängerin ist. Dass er sein in der Tat wohlklingendes Organ vorführt wie der Stenz von der Au, naja vielleicht doch besser wie El Stenz di Barrio del Carmen, macht ihn mir allerdings schon wieder unsympathisch. Dritter Paradiesvogel des Abends war der Dirigent, Dan Ettinger, der mit frischgebleichter Sturmfrisur das Stöckchen schwang, erfolgreich bei dem Bayerischen Staatsorchester, das vor allem dank der Streicher ein stimmiges Klangbild erzeugte, wogegen Ettinger bei den Chören zu kämpfen hatte. Mit dieser kleinen Einschränkung ein gelungenes Dirigat eines pantomimisch begabten Protagonisten, wie ich finde.

Ein schönes Erlebnis war die innige Micaela, mit makellosem, gut geführtem, warmem Sopran gesungen von Genia Kühmeier, die ich zum ersten Mal hörte. Schade, dass ich bei der Zauberflöte letztens nicht geblieben bin; es hätte sich wegen ihr sicher gelohnt.

Zuniga sang Christian Van Horn, den ich erwähne, weil er neu im Ensemble ist, und mir in kurzer Zeit zum dritten Mal positiv auffiel. Er scheint eine gute Wahl zu sein.

Und den Hausherrn erwähne ich, weil er eine Krawatte trug, wie ich schweigend zur Kenntnis nahm. Über einem Operhemd, das über dem Bauch spannte, wie meine Sitznachbarin, deren Begleiter die Hälfte der Arien halblaut mitgrunzte, nach einem Blick durch ihr Lorgnon pikiert bemerkte. „Als ob es in der Maximilianstrasse keine Hemden zu kaufen gäbe“!

Ein wirklich unterhaltsamer Drei-Königs-Abend zum Abschluss der langen Weihnachtsferien.

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