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La Traviata: Hier trifft sich der Legato-Adel

Dezember 23, 2008

Besonders hohe Erwartungen hatten die Besucher an die erste Aufführung der Weihnachts-Traviata im Nationaltheater. Das das war zumindest in den Foyers zu hören. Bei „dieser Besetzung“ müsse man einfach in die Vorstellung gehen.

Anja Harteros als Violetta schöpfte aus dem Vollen und begeisterte mit edlem Wohlklang in den lyrischen Teilen, um bei den Koloraturen des „Sempre libera“ aufzutrumpfen. Trotz oder gerade wegen ihres Volumens ist ihr Sopran ungemein farbenreich und sehr flexibel. Zwei traumhafte Pianosequenzen im zweiten Akt räumten dann jeden meiner Zweifel an ihrer Violetta aus. Violettas Rollencharakter verträgt die Üppigkeit der Stimme doch wesentlich besser als Mimi. Anja Harteros kann wunderbar legato singen wie auch Piotr Beczala, der endlich wieder in München gastierte, um Alfredo darzustellen. Piotr Beczalas Legato und seine Phrasierungskunst vermitteln eine große Natürlichkeit seines Gesanges. Dabei hat er heute alle Höhen der Cabaletta des „Lunge da Lei„ausgekostet, was ich München selten hörte in den letzten Jahren. Auch die darstellerische Komponente ist bei ihm inzwischen ein Pfund, mit dem er wuchern kann. Den Beginn von „Parigi o cara“ beispielsweise, falls absichtlich so gesungen, wie ich es hörte, fand ich hinreissend. Und falls keine Absicht war natürlich auch, aber das werde ich bei der nächsten Vorstellung feststellen können. Zusammen mit seiner Gestik und im Zusammenspiel mit Anja Harteros war der Beginn dieses Duettes (für mich) ein herzzerreissender Augenblick. Was ich an Piotr Beczala auch so sehr schätze ist die Stilsicherheit, mit der er seine Stimme einsetzt; da ist nichts Unkontrolliertes oder Ungezügeltes zu bemerken, tenorale Eitelkeiten (falls überhaupt vorhanden) sind nicht auffällig. Ich halte ihn für den Besten unter den derzeitigen Spitzen-Tenören, und eine Neuproduktion mit ihm an der Bayerischen Staatsoper würde ich mir sehr wünschen für die nächsten Jahre, womit auch seine internationale Reputation durch das Haus gewürdigt würde.
Dritter im Bunde der „Legato-Fürsten“ war Zeljko Lucic, der Georgio Germont sang, anfangs etwas zu weichgespült für meinen Geschmack, etwas zu eindimensional die schöne Stimme vorführend, ab der Ballszene im zweiten Akt jedoch viel expressiver gestaltend. Diese langen Melodiebögen, die nicht spürbar durch Atmung unterbrochen werden, sind für mich das Schönste am Operngesang überhaupt, darauf verzichte ich gerne mal auf einen Spitzenton.

Neu besetzt war Flora Bervoix mit Anaïk Morel, die mir ebenso gut gefiel wie die frische Annina von Angela Brower. Den Baron Douphol sang Christian Van Horn, dessen Stimme rollenbedingt etwas weniger zur Geltung kam wie in der Bohème. Durchweg hörte ich gute Leistungen der Neueinsteiger.

Das Orchester wirkte natürlich auch mit. Auch der Chor. Und der Dirigent bestimmte das Tempo. Dazu aber später mehr, denn dies war Traviata I., und ich möchte auch bei II. und III. noch etwas zu schreiben haben, auf die ich mich schon sehr freue. Aber auch heute abend bin ich schon sehr zufrieden mit einem wunderbaren Auftakt der Weihnachtsfeiertage.

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