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Werther mit neuen Besen

November 28, 2008

Ich hatte mir zwar vorgenommen, über Werther keine Worte mehr zu verlieren. Aber wat mut dat mut. Warum sie uns ausgerechnet bei dieser Oper andauernd mit luxuriösen Besetzungen verwöhnen, weiss wohl nur das Besetzungsbüro. Werther verkauft sich seit seiner Premiere vor zwei Jahren saumässig und steht trotzdem dauernd auf dem Programm. Selbst bei den nächstjährigen Festspielen wird er wieder hervorgezogen. Mir soll es recht sein, denn ich mag das Stück, obwohl ähnlich opulente Besetzungen auch anderen Repertoire-Aufführungen gut bekommen würden. Und bei drei Werther-Serien pro Jahr ist aber auf Dauer selbst mir einmal Werther zu viel.

Heute abend allerdings war die Vorstellung sehr gut besucht und wer für seine Karte bezahlt hat wie ich, musste die Ausgabe nicht bedauern. Unter der Stabführung von Bertrand de Billy entfaltete sich ein delikater französischer Klangzauber, in dem vor allem die Holzbläser und die Celli blitzten. Es war aber nicht nur die Ornamentik; de Billy gelang es, die Aufführung wie aus einem Guss zu entwickeln. Aus der Ouvertüre heraus erzeugten lang anhaltende dynamische Bewegungen im Orchester eine sehr emotionale und dramatische Begleitung und Kommentierung der Szene. Zum ersten Mal gelang es in einer von mir besuchten Werther-Aufführung, den Pauker unter Kontrolle zu halten, der heute den Tenor mal ausnahmsweise nicht erschlug. Auf der Stelle scheint es auch einen Personalwechsel gegeben zu haben.

Nun weiss ich nicht, ob die orchestrale Glanzleistung die Sänger beflügelt hat oder umgekehrt. Abermals nicht klagen konnte man über Massimo Giordanos Werther. Vergleiche verbieten sich, weil er ausgezeichnet gesungen und sehr gut gespielt hat. Hatte er anfangs noch unnötig etwas forciert, gestaltete er nach der Pause einen sehr emotionalen und auch bewegenden Werther. Ich habe da so meine Lieblingspassagen (sie liegen nicht nur in den großen Arien), die ihm hinreissend gelangen. Ich hoffe, ich täusche mich, wenn ich mehrfach zu hören glaubte, dass auch er ein S-Problem hat; vielleicht liegt es aber an der französischen Sprache, obwohl er das als Italiener gut hinkriegte.

Zumindest ebenbürtig war seine Partnerin am heutigen Abend. Elina Garanca in der Rolle der Charlotte glänzte mit ihrem unglaublich warm klingenden Mezzosopran und ihrer darstellerischen Präsenz. Ihre Stimme ist ganz elastisch und bruchlos, lyrisch, aber auch zum großen Ausbruch fähig. Dazu kommt die perfekte Diktion. Ihr Auftritt war nach meinem Empfinden um Welten besser als in der eingeengten Rolle der Adalgisa, in der wir sie in der vergangenen Saison erlebten. Bei Elina Garanca empfindet man die Entwicklung der Figur ganz stark. Die selbst noch junge, aber mütterliche große Schwester, die keine Zeit hat für ein eigenes Leben, weil sie die Geschwister aufziehen muss und ihrer sterbenden Mutter versprochen hat, den anständigen Albert zu heiraten, trifft Werther. Diese ganz junge Frau verliebt sich in den schwärmerischen Werther, das Schicksal nimmt seinen Lauf, und am Ende ist Charlotte erwachsen und Werther tot. Diese Entwicklung meinte ich auch bei der Stimme zu hören.

Den braven Albert sang der gar nicht brav aussehende Natale De Carolis für meinen Geschmack etwas zu nasal, dafür sieht er aber echt gut aus. Die zum Ensemble gehörende Elena Tsallagova debütierte als Sophie und erhielt viel Applaus für ihre hübsche Darbietung.
Die bewährten Kevin Conners, Rüdiger Trebes und Todd Boyce liessen Bacchus beim sonntäglichen Frühschoppen hochleben und Christoph Stephinger sang den Amtmann.

Begeisterter Applaus (vor allem für die neuen Besen Garanca und De Billy und natürlich für Giordano).

Als ich mir gestern Abend überlegte, ob ich wohl heute etwas über Werther schreiben wollte, fielen mir der Spruch von den neuen Besen ein. Die Vorstellung war allerdings so schön, dass der Titel eigentlich unverdient ist. Man nehme ihn als Kompliment, denn neue Besen können einem mitunter auch recht teuer sein oder werden. Angesichts der vielen (hochverehrten) Sänger, die in dieser Rose-Produktion schon zu Gast waren, lasse ich die Überschrift dennoch mal stehen, bis mir vielleicht etwas Besseres einfällt.
Der bisherige Auftrieb liest sich wie ein Gotha der derzeitigen Opernszene:
Charlotte: Sophie Koch, Daniela Sindram, Vesselina Kasarova, Elina Garanca und demnächst Susan Graham
Werther: Marcello Alvarez, Piotr Beczala, Massimo Giordano und coming soon: Marcus Haddock und Rolando V.

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