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Interkontinentale Familienkonferenz

November 27, 2008

Handytechnisch habe ich gerade eine etwas harte Zeit. Das mobile meldet sich zwar andauernd, häufig verbietet allerdings das Display das rangehen: Flashs aus Kenia. Ein paar Nummern kenne ich ja auswendig und weiss, dass man eine Antwort nicht sofort erwartet, sondern erst dann, wenn ich eine günstige Gelegenheit zum Telefonieren habe oder Zeit oder auch überhaupt nicht. Eine mir unbekannte Nummer wurde gestern abend spät angezeigt, als ich weder Lust zum Reden und noch weniger Lust auf Katastrophenmeldungen hatte. Als mich der selbe Anrufer heute früh um halb sechs aus dem Bett warf, fühlte ich mich ebenfalls noch keinerlei Herausforderungen gewachsen, habe dann aber heute Nachmittag doch zurückgerufen. Margaret hatte sich mal wieder ein Handy für zwei Tage ausleihen können.

Habe ich schon erzählt, dass meine Tochter Margaret ein Baby hat? Das baby gal heisst vorläufig Patricia und ist zwei Monate alt. Da ich mir in weiser Voraussicht heute eine etwas teuerere Billigvorwahl gegönnt hatte (gut angelegtes Geld, denn die Verbindungen sind viel besser als bei den ganz billigen), konnte ich Patricia sogar hören. Die Kleine lachte, wie mir Margaret erzählte.

So ganz einfach war unsere Unterhaltung dann doch nicht, denn obwohl ich alles hörte, verstand ich rein gar nichts. Da mich Margaret normalerweise nicht grundlos zuquatscht, habe ich nach mehreren Fragen doch verstanden, worum es geht. Das baby gal hat natürlich auch einen Vater, der Angehöriger der Luhya Ethnie ist. Margaret ist Luo. Die beiden sind afrikanisch „traditionell“ verheiratet. Eine Mischehe, würden wir vielleicht sagen, intertribal marriage nennen sie es in Kenya und ist nicht unbedingt gängige Praxis. Zwischen Luo und Abaluhya kommen Ehen aber durch die benachbarte Ansiedlung häufig vor. Auf meine Frage nach dem Brautgeld lachte Margaret, sie könne „dowry“ nicht buchstabieren und ihr Mann auch nicht. So weit so gut. Das baby gal ist nun in die Ethnie des Vaters hineingeboren, die an Gott und die Hölle, aber auch an Geister glaubt und deren Ahnen für ein neugeborenes Kind bestimmte Rituale vorschreiben, um sein Leben in geordnete Bahnen zu lenken.

Eine der ersten Zeremonien im Leben eines Kleinkindes ist akika, der erste Haarschnitt. Bei den Luhya wird die Rasur des Kopfes von der Großmutter väterlicherseits vorgenommen. Akika beseitigt nicht nur die angebliche, durch die Geburt verunsachte Unreinheit sondern ermöglicht normalerweise auch die Beendigung der Zurückgezogenheit der Mutter in der Zeit nach der Entbindung und somit ihre Rückkehr in die Gemeinschaft. Höchste Zeit für baby gal, denn ihre Haare sind schon sehr lang, und sie braucht natürlich langsam auch mal einen traditionellen Namen zu der Patricia und somit eine soziale Identität. Das alles bekommt man nur upcountry, im rural home, das jeder Kenianer hat. Höchste Zeit auch für Margaret, denn normalerweise findet die Zeremonie längstens einen Monat nach der Geburt statt. Aber Margaret machte schon immer, was sie wollte.

Um Gott, die Ahnen und die Geister nicht gegen uns aufzubringen, werde ich natürlich dafür sorgen, dass baby gal in die Heimat der Vorfahren gebracht werden kann. Es kann ja nicht sein, dass das fehlende Geld für zwei Busfahrkarten die Zukunft eines Kindes beeinträchtigt. Für die ebenfalls erforderlichen Feierlichkeiten wird allerdings der Clan aufkommen müssen, was zweifellos geschehen wird.

Unabhängig von all dem sollte ich mit Margaret wohl demnächst unsere verwandschaftliche Beziehung neu definieren. Ich fürchte, die stetige Zuwächse überfordern mich auf Dauer.
Später fiel mir ein, dass Margaret meine Frage nach dem dowry vielleicht missverstanden hat. Nachdem ihre biologischen Eltern tot sind, könnte sie durchaus gedacht haben, ich wolle die Kühe oder Ziegen kassieren. Das muss ich unbedingt im Auge behalten. LOL

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