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Alban Berg, Wozzeck

November 11, 2008

Das Gefühl, mit dem ich das Nationaltheater nach der Premiere von Wozzeck in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg verliess, kann ich schwer beschreiben. Glück war es jedenfalls nicht. Geschockt war ich auch nicht, denn ich hatte mich ein bisschen vorbereitet. Ich fühlte mich eher bedrückt und fast geängstigt.

Wegen der Überfülle der Eindrücke aus Zeitgründen hier nur ein paar Anmerkungen zum Abend.

Das Bühnenbild besteht aus einer beweglichen Konstruktion (Fotogalerie). Für in Innenräumen spielende Szenen gibt es einen über dem gefluteten Bühnenboden schwebenden Raum. Es regnet. Bei im Freien stattfindenden Szenen wird dieser Raum hochgezogen und nach hinten gefahren. Alle öffentlichen Szenen finden in dem Hochwasserbereich statt. Das Stück spielt zu Anfang des 19. Jahrhunderts. Im etwa knöcheltiefen Wasser warten Männer auf Arbeit. Wenn jemand einen Kübel Brot bringt und ihn in das Wasser ausleert oder ein paar Münzen hinwirft, stürzen sich die Männer darauf und verschwinden mit ihrer Beute. Diese unwürdigen Szenen fand ich schwer zu ertragen.
Eine groteske Wirkung hat die Bühnenmusik, die auf einem Floss auf dem Rücken der im Wasser rutschenden Männer bewegt wird. Gerade las ich von einer Theorie Konwitschnys, dass in jeder Inszenierung etwas Komisches enthalten sein muss, um den dramatischen Effekt einer Inszenierung zu verstärken. So war es auch hier.

Michael Volle verkörpert Wozzeck. Seine Wandlungsfähigkeit als Schauspieler verblüffte mich einmal mehr. Wozzecks körperliche Veränderung, wie er buchstäblich schrumpft, sobald er mit der Aussenwelt in Kontakt kommt, ist unbeschreiblich. Die Aussichtslosigkeit, den Verlauf des Entwicklung aufhalten zu können, fand ich deprimierend, hoffnunglos, wie er sich zusammenkrümmt vor Schmerz oder um sich selbst etwas Wärme zu geben, die Wozzek nirgends antrifft. Volles Körperhaltung, Mimik, jede Geste, sogar die Haltung der Finger war besonders. Dass er bei alldem noch sang, ist dabei fast nebensächlich.

Ich will es für heute bei der Würdigung des Wozzeck belassen, wohl wissend dass auch die übrigen Rollen grossartig besetzt waren. Vor allem Michaela Schuster als Marie, Wolfgang Schmidt als Hauptmann, Clive Bailey als Doktor, Kevin Conners als Andres, Jürgen Müller als Tambourmajor und all die anderen Künstler.

Maries und Wozzecks Sohn begleitet stumm den Abend. Er sucht die Nähe und die Liebe des Vaters, er umwirbt ihn geradezu. Er wendet sich ab von der Mutter, als sie sich mit dem Tambourmajor einlässt. Und er bleibt alleine zurück, als beide ums Leben kamen. Seine Entwicklung und sein Schicksal bleibt offen, zumindest für mich.

Da mich das Geschehen auf der Bühne ungewöhnlich fesselte, hatte ich entgegen meiner sonstigen Gewohnheit gestern fast keine Zeit für einen Blick in den Orchestergraben und auf Kent Nagano. Einmal mehr bestätigte sich das sensible Klangbild, zu dem das Orchester unter seinem GMD fähig ist und welche Qualität eine Aufführung erreichen kann, wenn musikalischer und szenischer Part sich ebenbürtig sind.

Noch etwas zur zeitlichen Zuordnung. Obwohl man nachlesen kann, dass für die Inszenierung die Handlung in der Zeit der Originalvorlage Anfang des 19. Jahrhunderts belassen wurde, verband ich die arbeitssuchenden hungrigen Männer eher mit den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts oder mit der Zeit vor dem ersten Krieg und als Gespenst auch mit einer ähnlichen möglichen zukünftigen Situation.

Bei diesem Wozzeck stellte sich mir an keiner Stelle die Frage über die Absichten des Regisseurs Andreas Kriegenburg. Ich halte das für ein gutes Zeichen. Ob ich mich allerdings den emotionalen Strapazen eines weiteren Besuches der Aufführung aussetzen werde, vermag ich heute noch nicht zu sagen.

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