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Berlioz: Roméo et Juliette

November 7, 2008

Eine unerwartete Konzerteinladung (das Glück ist …) bescherte mir die Bekanntschaft mit Hector Berlioz‘ „Dramatischer Symphonie für Soli, Chor und Orchester, op. 17“, ein Konzert des Chors und Orchesters des Bayerischen Rundfunks unter Leitung von Riccardo Muti im Herkulessaal. Der Abend war ein beglückendes Erlebnis wie ich es selten hatte seit ich Musik bewusst höre.

Die Liveübertragung aus dem Herkulessaal (am Tag danach) ist gerade zu Ende gegangen. Meine Begeisterung für die abendfüllende Komposition und deren Darbietung ist unverändert.

Wie der Rundfunksprecher eben sagte, hat Maestro Muti darauf bestanden, die Symphonie, von der oftmals nur Teile zu hören seien, als Ganzes aufzuführen. Gut, dass der Meister so beharrlich war, denn ich glaube nicht, dass sich die Faszination des Werkes über Ausschnitte stark mitteilt.

Nur im ersten von sieben Teilen und einem Prolog der Symphonie kommen die Solisten Mezzosopran und Tenor zum Einsatz. Olga Borodinas Alt-Solo, zwei-strophiges Lied, das von der Ersten Liebe erzählt, ist eines der ergreifendsten Stücke, die ich für die Stimmlage gehört habe. Der ausgefeilte französische Text, die raffinierte einfach klingende Komposition – ich finde manche Stellen atemberaubend. Diese Stelle zum Beispiel, deren Melodie sich in der zweiten Strophe wiederholt:

Que l’oranger au loin parfume,
où se consume
Le rossignol en long soupirs

Und die Emphase gleich anschliessend auf Quel art … Der Vortrag war ruhig, getragen, in endlosen Bögen genau auf Linie gesungen. Man hatte den Eindruck, die Stimme strömte aus der Sängerin, und sie hätte grosse Reserven in alle Richtungen. Bemerkenswerte, die Wortbedeutung unterstreichende Pausen bei

Cette poésie elle-meme,
Dont Shakespeare lui seul eut le secret suprème [Pause]
Et qu’il remporta dans le ciel? [Pause]

Und daran anschliessend die Streicher und die Harfen, deren piano so klingt, als würden sie von ferne spielen. Ich hätte der Borodina, deren Stimme mitunter als Orgel-Mezzo bezeichnet wird, stundenlang zuhören können.

Viel Zeit zum sich fassen blieb nicht nach dem bewegenden Vortrag, denn das halsbrecherisch tückische Scherzetto des Tenors setzt bald darauf ein. Im Konzert huschte Pavol Bresliks Auftritt so schnell an mir vorbei wie die Fee Mab, von der er sang. Immerhin konnte ich mich an dem für ihn typischen Timbre erfreuen, und heute konnte ich mich überzeugen, wie schön er phrasierte trotz des Tempos.

Der größte Solopart der Symphonie fällt dem Bass zu. Der junge Ildar Abdrazakov kam als Pater Lorenzo im Finale zum Einsatz, und hat dort im Gegensatz zu den beiden anderen Solisten eine aktive Rolle. Er überraschte mich mit Stimmgewalt, großer und auch bei großem Orchestereinsatz hörbarer Tiefe. Meisterhaft interpretierte er das liedhafte Air Pauvre enfants que je pleure, das beinahe lyrisch beginnt, dann dramatisch ausbricht in den Aufruf an die verfeindeten Sippen, sich zu versöhnen. Selbst im vielstimmigen, mächtigen Schlusschor der Montagues und Capulets und dem anschliessenden Schwur ging Ildar Abdrazakov nicht unter. Es war übrigens bezeichnend für den gesamten Abend, dass die unterschiedlichen Stimmen mit ihren unterschiedlichen Funktionen sich gegenseitig nichts nahmen, alles war ausgewogen und „gleichberechtigt“. Zeichen von Disziplin der Ausführenden und der sensitiven musikalischen Leitung durch Riccardo Muti. Streng sieht er aus und wie ein unnahbarer Grandsegneur, dabei soll er eine herzliche Person sein, was kein Widerspruch zu sein scheint, denn die Künstler setzten die Intentionen des Maestro zwar voll konzentriert aber mit freundlich-freudiger Mine in Töne um. Alle instrumentalen Abschnitte waren wunderbar. Traumhafte Streicherpassagen waren zu hören und herrliche Holzbläser. Besonders gut gelang der zweite Teil, bei dem das nahe Fest der Capulets bis zum liebeskummerkranken Romeo schallt, der sich dann dem richtigen Fest nähert. Das erzeugt ganz starke Bilder im Kopf. Auch der sechste Teil ist überaus eindrucksvoll, wenn nach dem kurz vorher erklungenen Totenglöcken die „japsende“ Klarinette die langsam zu sich kommende Julia darstellt.

Viel zu sagen gibt es wie immer zum unvergleichlichen BR-Chor, dem keine Aufgabe zu anspruchsvoll erscheint. Die Symphonie enthält zwei Chorformationen, einen Kleinen Chor und einen zweiten Chor. Der Kleine Chor bestreitet neben dem einleitenden schwierigen und langen Prolog die Unterstreichung mancher Sequenzen oder die Einleitung der Solistenpartien und hat zuerst eine erzählende und kommentierende Rolle. Lange Sequenzen werden im Piano, wahrscheinlich sogar pp oder ppp gesungen, so verhalten, dass sie die Töne im Raum zu schweben scheinen. Wenn im Verlauf der Symphonie die Erzählung konkreter wird, übernimmt der Chor die Rolle der Capulets und der Montagues. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie homogen sich die einzelnen Stimmgruppen des Chors präsentieren. Selbst bei einem Stück mit der Stimmenvielfalt dieser Symphonie fiel mir das gestern auf, ebenso wie die Aussprache der französischen Texte, wobei gestern sie von der Diktion her die schon gut vorbereiteten Solisten übertrafen. Die mir einprägsamste Chorstelle ist das von Bratschen und Celli begleitete „Jetez des fleurs“ der trauernden Capulets, die Julias Leichenzug begleiten. Wahrscheinlich nicht der schwierigste Teil der Chorpartie, aber ein Beispiel dafür wie sehr sie auch Stimmungen verinnerlichen und glaubhaft vermitteln können. Im finalen Teil entfaltet sich dann die ganze Power und Stimmgewalt, über die der Chor verfügt mit der oben erwähnten Disziplin, den Bassisten nicht niederzusingen.

Riccardo Muti war offensichtlich hoch zufrieden mit seiner Vorarbeit und seinen Protagonisten; so zufrieden, dass er vor Verzückung mitunter das Dirigieren einstellte (Scherz!). Ich wünsche mir, dass er auch nach der Übernahme seiner neuen Aufgaben dem BR-Chor und Symphonieorchester verbunden bleibt und wir ihn auch in Zukunft wieder erleben dürfen.

Es war ein begeisternder Abend und Ansporn, mich etwas mehr mit Berlioz‘ Musik auseinanderzusetzen. Unsere (deutsche) musikalische Ausbildung ist ja dadurch geprägt, dem symphonischen Schaffen Berlioz‘ den Stempel „Programmusik“ anzuheften, in unserem tradierten Musik-Verständnis eine abqualifizierende Wertung.

Dem nach der Radioübertragung zu vernehmenden Getrampel zu schliessen, hat der Chor heute Extra-Applaus bekommen. Aber auch schon gestern gab es großen, verdienten Jubel für alle.

Nachtrag
Auch Reinhard J. Brembeck, mit dessen Rezeptionen ich oftmals nicht übereinstimme, hat sich von dem Abend mitreissen lassen. Hier seine Rezension aus der Süddeutschen. Die etwas dümmliche Bemerkung zur Aussprache des Chors halte ich allerdings für ebenso unrichtig wie unpassend.

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