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Aida in Leipzig

November 2, 2008

In Leipzig stand die Neueinstudierung der 1994 für Graz konzipierten Inszenierung von Aida durch Peter Konwitschny auf dem Programm. Die Premiere am 1. November war Anlass für eine Stippvisite in Leipzig, die schon lange auf meinem Wunschzettel stand. Peter Konwitschny gab bei der Werkeinführung vor der Vorstellung einen kurzen Einblick in seine Arbeitsweise. Er berichtete, wie er sich mit einem Werk so lange beschäftige, in ihm grabe, bis er die zentrale Aussage oder Absicht des Komponisten freigelegt habe; wie sich dann im Gespräch mit Beteiligten und Gesprächspartnern, die dafür geeignet sind, ein Konzept herausbildet. Selbstverständlich wurde die sog. Werktreue angesprochen. Konwitschny erklärte die in einer Partitur festgelegten Realisierungsebenen. Die wichtigste und nicht antastbare sei die Komposition. Danach folge der Text. Die oberste Ebene des Librettos, die Aufführungshinweise oder -anweisungen hingegen sieht er als weniger strikt an, da sie sich zumeist auf Aufführungspaxis und die technischen Realisationsmöglichkeiten zur Entstehungszeit des Werkes beziehen. Eine Anpassung dieser Ebene an die jeweilige Aufführungsrealität sichert die Aktualität eines Werkes auf Dauer. Zentraler Punkt sei, die vom Komponisten des Werkes beabsichtigte Aussage erkennbar zu machen. Konwitschny erklärte, dass schon in der griechischen Antike Theater Orte politischer Meinungsäusserung und Meinungsbildung waren und dass das auch Zweck seines eigenen Theater sei. Theater ohne gesellschaftliche, politische Aussage (nicht tagespolitische) sei für ihn undenkbar.

Derart präpariert, erschien mir die Interpretation von Verdis Aida als Kammerspiel völlig logisch. Die Aktionen auf der sparsam möblierten Bühne waren selbsterklärend, das Dargestellte war immer verständlich und folgerichtig. Fragen nach den Absichten des Regisseurs stellten sich mithin nicht. Kern ist die Dreiecksbeziehung zwischen Amneris, Radames und Aida. Amneris will Radames, der aber liebt die Sklavin Aida, gegen deren Landsleute er in den Krieg zieht. Aus ihm kommt er zwar als Sieger aber als veränderter Mensch zurück, gezeichnet von den Wunden des Krieges. Amneris ist die Verliererin im Kampf der beiden Frauen um Radames. Sie bleibt zurück und muss sich damit abfinden, dass Radames und Aida ihr Glück finden, für das sie den Tod in Kauf nehmen. Konwitschny deutet Verdis Musik zur Grabszene von Radames und Aida nicht als Ausdruck des Abschieds sondern des Aufbruchs in eine glückliche Zeit und erklärte das auch anhand der Komposition. Er deutet diesen Schluss mithin ähnlich wie den bei Tristan und Isolde, wo das Paar zwar körperlich auch stirbt, eigentlich aber einfach weggeht in eine überglückliche Ebene. Vor allen Dingen die Schicksale der beiden Frauen sind verknüpft mit weiteren Personen. Aida zu ihrem Vater Amonasro, dem sie sich aus Liebe zu Radames wiedersetzt und der sie dafür zunächst verflucht und Amneris zu ihrem Vater, dem König von Ägypten, der sie Radames quasi als Belohnung für den gewonnen Feldzug geschenkt hat. Ursächlich für das Scheitern der Beziehungen zwischen Amneris, Radames und Aida aber ist das Verhältnis ihrer Heimatländer, die Auswirkungen der kriegerischen Auseinandersetzungen, in der die Menschen zerrieben und krank werden.

Das Bühnenbild ist ein schmuckloser, grauweisser kleiner Raum mit einem Sofa, das als Kultstätte, Festplatz, Gericht und Grabkammer dient. Die Geschichte bedarf keiner Requisiten. Ein Plüschelefant, ein Schwert, ein Besen, ein paar bunte Hütchen und Champagner fürs Fest, an mehr kann ich mich nicht erinnern.

Konwitschny inzenierte nichts gegen die Musik und den Text. Bühnenaktionen, Text und Musik passten immer zusammen. Es war in der Einführungsveranstaltung zu erkennen (ich hörte und sah ihn zum ersten Mal), dass er Musik liebt und sie vor allen Dingen versteht. Insofern konnte da eigentlich gar nichts ganz Schlimmes passieren.

Musikalisch war es ein guter Abend. Hervorheben muss man den Chor, der nur in einer Szene auf der Bühne erscheint, sonst aus dem Off singt, somit alleine durch die Qualität des Gesanges überzeugte. Das Orchester unter der Leitung von Axel Kober war gut, sehr solide, wenn auch nicht unbedingt mitreissend.
Durchwachsen fand ich die stimmlichen Leistungen. Anfangs hatte ich Sorge wegen Natascha Petrinskys Amneris, die schnell zu einer bewegenden darstellerischen und hervorragenden stimmlichen Form fand. Stimmlich nicht ganz unproblematisch fand ich den Gesangspart der Aida. Während Sylvie Valayres Mittellage sehr schön und voll klang, hatte sie nach meinem Eindruck Mühe, die hohen Töne zu treffen und sie dann auch noch zu gestalten. Dafür hat sie mir richtig leid getan. Vielleicht war es ja Premierenaufregung oder Tagesform. Ihre darstellerischen Fähigkeiten kompensierten allerdings vieles. Das Buh beim Einzelvorhang fand ich ungerechtfertigt und etwas unfair.

Bester Mann des Abends war „unser“ Paolo Gavanelli, dessen stimmliche Qualitäten an guten Tagen wie diesem unbestritten sind, der mich aber wieder einmal mit seinen Schauspielkünsten überraschte und mit seiner (neu gewonnenen?) kollegialen Bescheidenheit bei den Schlussvorhängen. Die Verdi-Väter passen ihm ausgezeichnet und dieser ganz besonders. Ich freue mich für ihn. Carlo Ventre stattete den etwas tölpelhaften Radames mit reichlich rustikalem Tenor aus und liess zwar keine Probleme erkennen, aber auch keine Stimmkultur. Mir war das etwas zu grobschlächtig. Ansprechend fand ich James Moellenhoffs König.

Sehr gut besetzt auch die Priesterin mit Viktorija Kaminskaite, die auch darstellerisch einiges zu leisten hatte, und Danilo Rigosa als Ramfis.

Auch wenn sich die Einzelbeurteilungen nicht berauschend lesen, war der Opernabend für mich ein grosses Erlebnis, weil sich alles perfekt zusammenfügte. Der überwiegende Teil des Publikums empfand es ähnlich wie ich; das schliesse ich wenigstens aus dem Applaus und Gesprächen mit einigen Besuchern nach der Aufführung. Unruhe mit lauten Buhs gab es bereits bei der Aussendung Radames in den Krieg, als bei der rituellen Zeremonie kollektiver Geschlechtsverkehr mit der Priesterin dargestellt wird. Hörbar unzufrieden waren Teile des Publikums auch mit der Gestaltung der Siegesfeier, die sich als häusliche Party bei Königs zu Ägypten zu den Klängen des Triumphmarsches entpuppte, bei welcher der Champagner in Strömen floß und Aida den Dreck zusammenfegen durfte (Besen!). Leichter Unmut regte sich auch nach der Pause, als das als eintönig empfundene Bühnenbild noch immer das gleiche war und Pyramiden und Palmwedel offenbar schmerzlich vermisst wurden. Aber dann war Ruhe. Denn die beiden Szenen des letzten Aktes sind so überwältigend, dass das Publikum viele Sekunden lang still wartete, ehe der Schlussapplaus einsetzte.

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