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Blood, Sweat and Tears

Oktober 22, 2008

Fünf Boy House Jungs brüten seit derzeit mit ihren Klassenkameraden über der KCSE-Abschlussprüfung, dem kenianischen Abitur, das ihre Sekundarausbildung beendet. 300.000 Schüler unterziehen sich der Prozedur, die über ihren weiteren Werdegang entscheiden wird. Nur etwa 10.000 von ihnen können einen Studienplatz in der Heimat erlangen, ein Bruchteil derer also, die sich zum Studium qualifizieren werden. Von den Glücklichen, die einen Studienplatz an einer staatlichen Universität ergattern, werden sich viele mit einem Studiengang bescheiden müssen, der ihren Neigungen und Begabungen nicht entspricht, nur um am Ende eine Graduierung in einem Fachbereich vorweisen zu können, ohne die es keine qualifizierte Beschäftigung gibt. Manchen bleibt die Hoffnung auf ein Stipendium aus dem Ausland. Der große Rest wird zuerst einmal zu Hause herumhängen, sich irgendwie durchschlagen, und wenige werden es aus eigener Kraft irgendwann auf ein College schaffen.

Natürlich bin ich sehr gespannt, wie die Jungs abschneiden werden. Zwei von Ihnen haben papiermäßig Aussichten auf ausgezeichnete Ergebnisse. Unter den Fünf befindet sich auch mein persönlicher Patenschüler, der Malkünstler, der als neuestes Berufziel „Hip Hop Artist“ ansteuern will. Bei ihm kann ich wohl jede Hoffnung auf wunderbare Leistungssteigerungen in Mathematik und Co fahren lassen. Allerdings ist das kenianische Prüfungssystem auch immer für Überraschungen gut, denn es zählen für das Zeugnis nur die in der Prüfung erzielten Noten. Ich finde das in hohem Maße ungerecht, und es sind auch Bestrebungen im Gange, das Verfahren zu ändern und die im Laufe des Schuljahres erzielten Leistungen zumindest teilweise in das Abschlusszeugnis einfliessen zu lassen. Dann würde sich auch das organisierte Beschummeln und Fälschen der Resultate und der Handel mit Prüfungsaufgaben und Ergebnissen, der wegen der enormen Bedeutung des Examens jedes Jahr auftritt, einschränken lassen. In Kenia werden Prüfungsaufgaben und Lösungen unter Polizeischutz von der ausgebenden Stelle zu den Prüfungszentren und zurück gebracht. Der Aufwand für diese Aktion ist unvorstellbar. Bilderserie aus der Online-Ausgabe der Daily Nation mit Kommentaren.

Während die Jungs über ihren Aufgaben sitzen, kann ich mir Gedanken darüber machen, was ab Mitte November werden soll, wenn die Prüfung vorüber sein wird. Normalerweise müssen die Absolventen die Unterkunft in der Schule verlassen, wenn niemand mehr bezahlt. Allerdings weiss ich aus der Vergangenheit, dass das nicht praktikabel ist, denn gerade die ohne Familie in Nairobi kann man nicht auf die Strasse setzen. Und man wird es von Schulseite wohl auch dieses Jahr nicht tun. In den renommierten kenianischen Schulen beträgt die Übergangszeit bis zu einem Jahr, bis der Absolvent entweder eine Arbeit gefunden hat oder seine Ausbildung an Universität oder College fortsetzen kann.

Rose hat letztes Jahr in der Übergangszeit einen Computerkurs besucht, konnte aber wegen der politischen Unruhen in Kenia ihr Collegestudium erst im Juli beginnen, was sie bei besseren Voraussetzungen im Januar schon hätte in Angriff nehmen können.

Dan hat vor zwei Jahren im Dezember einen Fahrkurs gemacht, um im November/Dezember nicht untätig herumzuhängen, bis sein College im Januar anfing. Die frühzeitige Anmeldung im College beinhaltet zwar die Gefahr, dass man das College wieder verlassen muss, falls sich bei der Veröffentlichung der Prüfungsergebnis im März nicht der geforderte Notendurchschnitt herausstellt. In aller Regel gewinnt man aber ein halbes Jahr und kommt in der überflüssig freien Zeit auch nicht auf dumme Gedanken. Universitätskandidaten haben diese Möglichkeit natürlich nicht, sondern sie müssen auf jeden Fall ein Jahr auf ihre Zulassung warten. Aus heutiger Sicht würde ich dem Fahrkurs immer einen Computerkurs vorziehen; Dan hat sich Kenntisse im Umgang mit dem PC zwar inzwischen angeeignet, seine Schwester Rose hat allerdings deutliche Vorteile. Dafür hat Dan aber nächste Woche sein Praxissemester am Flughafen schon hinter sich. Wie er mir letzte Woche schrieb, hofft er, dass er noch eine Verlängerung bekommt bis zum Dezember. Braver Junge! Vielleicht kriegt er ja sogar ein bißchen Geld für seine Arbeit.

Eine Anmerkung muss ich doch noch machen, damit niemand meine, so Schulpatenschaften seien immer eitel Sonnenschein. Jugendliche in Afrika, genauer in Kenia, sind auch nicht anders als anderswo und ewige Dankbarkeit von dem armen Negerlein (Achtung Ironie!) darf man ebensowenig erwarten wie überragende Leistungen oder absoluten Leistungswillen. Die beiden genannten Geschwister sind zwei Beispiele, die funktionieren, weil auf allen Ebenen füreinander Verständnis herrscht, das über die Jahre erarbeitet wurde. Ob es in beiden Fällen tatsächlich zum Ausbildungsabschluss führen wird, wird man sehen, wenn es so weit ist. Ich hatte auch schon Sekundarschüler, darunter ein Mädchen, das die Prüfung ablegte, die an einer weiteren intensiven Ausbildung kein Interesse zeigten. Ich müsste darüber eigentlich erleichtert sein, weil meine Mittel beschränkt sind, bin es aber nicht, denn die Kids vergeben leichtfertig eine Chance, die sie vielleicht nicht mehr bekommen werden. Man darf also keinesfalls enttäuscht sein, wenn die Jugendlichen die vom Paten in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen können oder nicht wollen. Deswegen sind Patenschaften nicht nutzlos und der Patenschüler kein undankbarer oder gar schlechter Mensch. Für die Zukunft habe ich beschlossen, weitergehende Ausbildungshilfe nur noch dann zu leisten, wenn Aussicht auf Erfolg besteht, d.h. Leistung und Gegenleistung müssen sich zumindest die Waage halten. Sympathie und Veranwortungsbewusstsein für meine eigenen Schul-Patenkinder möchte ich als Entscheidungskriterium nur gering gewichten. Da es sich bei den betreffenden Absolventen immerhin bereits um junge Erwachsene handelt, darf man einen solch strengen Maßstab anlegen, glaube ich.

Umso mehr schmerzt es mich, wenn ich, wie erst heute wieder, Bitten von Jugendlichen abschlagen muss, die ich während meiner Besuche kennengelernt habe, Kontakte zu knüpfen oder wieder aufzunehmen zu Personen und Organisationen, die ihnen nach ihrer Schilderung Ausbildungshilfe in Aussicht gestellt oder sogar großspurig zugesagt hatten und sie dann buchstäblich im Regen stehen und nichts mehr von sich hören liessen.

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