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Herkulessaal: BR und Haydn

Oktober 4, 2008
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Während man sich im Nationaltheater eifrig selbst inszeniert, kann man ein paar Häuser weiter im Herkulessaal mitunter wirklich Sensationelles zu erleben, weniger spektakulär, weil dezenter „inszeniert“ und weniger „geklappert“ wird. Genauer gesagt, meine ich die Konzerte des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal. Das gestrige Konzert von Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, umfasste ausschliesslich Werke von Haydn, dessen Todestag sich 2009 zum 200. Mal jährt.

Nach einer mir bisher unbekannten kurzen Ouvertüre, Sinfonia D-Dur, erklang die G-Dur Symphonie Nr. 88, nach deren zwei ersten Klängen ich mich schon zu Hause fühlte. Ich wusste, die Symphonie musste noch einen Beinamen haben, den ich aber erst zu Hause im Programmheft entdeckte. Sie heisst auch „Mit dem Dudelsack“, was mir allerdings beim Trio nicht eingefallen war. Als dort das Fagott „wie ein Dudelsack“ gackerte, wurde ich nämlich an das „Ballett der Küken“ erinnert aus „Bilder einer Ausstellung“. Ob sich in dem Stück etwas von Haydn wiederfindet habe ich noch nicht überprüft, der Gedanke zeigt aber, dass es sich um keine todernste Angelegenheit handelte. In der Tat hatte man den Eindruck, dass den Musikern auf dem Podium das Spielen des Stückes Spass machte und das teilte sich dem Publikum mit. Lächelnde Gesichter auf und vor dem Podium. Das Symphonieorchester unter Mariss Jansons spielte gewohnt hochklassig, spulte Haydn dabei aber keineswegs routiniert ab, und es war eine Freude zu hören, wie die einzelnen Stimmen sich im Largo beispielsweise wie ein Netz zusammenfügten und zu entdecken, wie witzig (besser gewitzt) und geistreich diese Komposition ist. Einmal mehr die Bestätigung, dass es sich auch für bekannte Stücke lohnt, das Liveerlebnis im Konzertsaal wahrzunehmen, so sich die Gelegenheit bietet.

Der zweite Hauptteil des Abend enthielt Haydns Harmoniemesse, letzte Messe Haydns und sein letztes vollendetes Werk, deren Solopartien Malin Hartelius (Sopran), Judith Schmid (Mezzo), Christian Elsner (Tenor) und Franz-Josef Selig (Bass) bestritten. Sowohl die Messe als auch die Solisten hatte ich bisher wissentlich nicht gehört. Warum das Werk „Harmoniemesse“ heisst, konnte ich zunächst nicht herausfinden, vielleicht, weil keiner der Solisten einen dominierenden Anteil zu singen hat, sie also zu „harmonieren“ haben (haha Scherz!) *). Das Solistenquartett war jedenfalls homogen besetzt, hätte für uns Konzertbesucher vielleicht etwas weiter vorne platziert sein können, und von Franz-Josef Seligs herrlichem Bass hätte ich gerne etwas mehr gehört. Um so lobenswerter ist seine Zurückhaltung zugunsten der einheitlichen Wirkung. Wunderbar gesungen das Et resurrexit durch Malin Hartelius.

Eine einheitliche Wirkung erzielte auch der Chor des Bayerischen Rundfunks und zwar eine einheitlich einzigartige. Wäre die Klassikabteilung des BR das Dresdner Residenzschloss, dann wäre der BR-Chor das Alte Grüne Gewölbe. Ein besserer Vergleich fällt mir gerade nicht ein, und die Qualitäten des BR-Chores möchte ich hier nicht zum fünften Mal aufzählen. Da ich mit dem Werk nicht vertraut bin und mein Gedächtnis nicht zu meinen bestausgebildeten Organen gehört, kann ich nur an ein himmlisches Sanctus erinnern und eine beeindruckende dynamische Stimmbewegung beim Benedictus. Ist der Chor an einem Konzertabend beteiligt, spielt das berühmte Orchester regelmässig die (unverzichtbare) zweite Geige, so auch gestern.

Gut vermittelt war auch der Aufbau der Messe, die eher wie ein Symphoniekonzert als ein Gottesdienst wirkt und den unbekümmerten Umgang mit dem Glauben verdeutlicht, in der Ehrfurcht und Pathos zwar enthalten sind, aber nicht pathetisch musikalisch inszeniert und zelebriert werden.

Dass ein vermeintlich konventionelles Programm an einem Wiesnwochenende den Saal füllen konnte, überraschte mich ein bisschen und der enthusiastische Applaus ebenso, der aber vollkommen berechtigt war. Der Abend war von meiner Seite aus ungeplant und unverhofft, aber ich griff natürlich zu, als ich die Möglichkeit erhielt, denn Feste soll man feiern wie sie fallen und deshalb Danke nochmals für die Einladung.

Chor, Orchester und Mariss Jansons gastieren mit diesem Programm am Sonntag in Wien und Dienstag in Waldsassen. Der Chor reist zur Aufführung der Haydnmesse am nächsten Sonntag weiter nach Monte Carlo! Und auch bei den Osterfestspielen in Luzern wird die Messe Programmteil sein (Quelle: Konzertkalender des Chores).

*) Der Zusatzname ist ein Hinweis auf die für die Zeit ungewöhnlich zahlreiche Besetzung mit Bläsern, die man auch Harmoniemusik nannte. Harmoniemesse also im Sinne von Bläsermesse.

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