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Verdi in Hamburg: Macbeth

September 22, 2008

Verdi-Wochen laufen an der Hamburgischen Staatsoper unter „Großes Stimmfest“, was unter Marketingaspekten zwar der richtige Aufhänger gewesen sein mag, es aber nicht ganz trifft. Mich zum Beispiel reizte weniger die Sängerbesetzung als die attraktive Programmauswahl, mal wieder ein lange fälliges Wochenende in Hamburg zu verbringen.

Macbeth war die erste Vorstellung, die ich mir ausgesucht hatte, und hier widerspreche ich mir gleich selbst, denn ausschlaggebend für meine Wahl war Franz Grundheber als Macbeth. Seine eindringliche Rollengestaltung überraschte mich nicht, seine nach wie vor unglaubliche Stimmpräsenz dagegen schon. Winzige Brüche bei den Übergängen verschwinden da angesichts des „Gesamtkunstwerkes“. Ein immergrüner Sänger, der seinem Publikum noch lange erhalten bleiben möge. Mit ihm konnte Iano Tamar als Lady Macbeth weder gestalterisch noch stimmlich mithalten, obwohl ihr keinerlei Fehler unterlief. Ihr fehlte Dramatik in Stimme und Ausdruck gleichermassen. Ausgesprochen gut gefiel mir dagegen der Banco des jungen Tigran Martirossian, offenbar ein Ensemblemitglied, ein spielfreudiger Bass mit geschmeidiger, sehr schön klingender Stimme. Fehlerfrei war die etwas farblose Darstellung des Macduff durch Miroslav Dvorsky.
Der Abend stand unter Leitung von Simone Young, die ich zum ersten Mal erlebte und deren Dirigiergesten gewöhnungsbedürftig hektisch aussehen. Das Resultat hatte allerdings nichts dergleichen sondern ergab eine rundum stimmige, aussergewöhnlich gute Vorstellung. Ich bin gespannt auf ihre Arbeit in München, wo sie im nächsten Jahr Palestrina dirigieren wird.

Die Macbeth-Inszenierung an sich erschien mir reichlich konventionell, störte allerdings weder den Fluss der Handlung noch der Musik. Anhand des schwarz-weissen Bühnenbildes sind Gut und Böse schnell identifiziert. Die Bösen sind die Weiber, wer auch sonst. Und die Allerböseste ist die mit dem roten Gewand. Ärgerlich fand ich einzig die ekelige Kostümierung der Hexen, aber bitte. Hässlich ist ja gut und angebracht, aber diese Hängebusen?

Viele Jahre lang hatte ich keinen Macbeth gesehen. Da ich das Originalerlebnis dem CD-Hören vorziehe, hatte ich fast vergessen, welcher musikalische Schatz diese Oper ist, die ich für eines von Verdis stärksten Werken halte und in der er die schrecklichen Inhalte – Morde aus Machtgier ensuite – in einer musikalischen Sprache erzählt, dass man den sich überstürzenden Ereignissen fast nicht folgen kann. Insofern war die musikalische Seite der Hamburger Aufführung etwas harmlos, zu schön gesungen, wenn man so will, und die Aggression und Aggressivität im Verdischen Sinn kam wahrscheinlich nicht so heraus. Allerdings dürfte es heutzutage sehr schwer sein, die Rollen adäquat zu besetzen. Dramatische Soprane gibt es kaum – schon eine Maskenball-Amelia gut zu besetzen ist schwer, und welcher Bariton mit fülligem Material singt schon gerne absichtlich rauh und aggressiv. Ich bin deshalb schon sehr gespannt, wie sich die Hauptdarsteller in der bevorstehenden Münchener Neuinszenierung schlagen werden.

Überraschend fand ich das schwache Besucherinteresse. Viele Sessel der Hamburgischen Staatsoper blieben leer. Rennen Sie der Oper die Tür ein, es lohnt gerade, schrieb die Welt vor einigen Tagen. Es lohnt noch immer, denn die Verdi-Wochen dauern bis Anfang Oktober.

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