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In Berlin (4)

September 15, 2008
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Ehe ich über der Montage einer neuen Waschbeckenarmatur das Bad so demoliere, dass eine Grundsanierung von Frau und Klo erforderlich wird (**), schaue ich mir lieber noch ein paar Berlinbilder an. In Berlin war ich gestern kurzentschlossen noch einmal, denn es gibt kaum Unangenehmeres als ein halbfertiges Urteil über eine Opernaufführung.

„Am Lustgarten“ heisst der Platz vor dem Dom und dem alten Museum. Ein treffender Name für einen schönen Platz mitten in der Stadt, auf dem sich Gross und Klein tummelt. Dort liest man, faulenzt, spielt am Brunnen, führt Kinder aus oder Hunde. Echte Musikanten schrecken Zuhörer normalerweise nicht. Wo allerdings die beiden Japanerinnen abgeblieben sind, denen die Notenpulte gehören, weiss ich nicht. Nach kurzem Geigenspiel verschwanden sie abrupt und liessen die Pulte zurück.

Die geschlossene Nationalgalerie bescherte mir freie Zeit, die ich für einen Spaziergang ins Blau(graue) an der Spree entlang nutzte. Für eine Fahrt mit dem Schiff war es mal wieder zu kalt und das würde ich bei Gelegenheit auch lieber mal draussen vor der Stadt auf der Havel machen. Der Anflug nach Tegel und der Blick auf die Seenlandschaft hat mir richtig Lust gemacht, sowas mal ins Auge zu fassen. Apropos Auge: Ein Blick zurück auf die Abrisstelle des Palast der Republik lohnt festgehalten zu werden, denn wer weiss, was an seine Stelle treten wird. Lange wird der Platz sicher nicht leer bleiben bei dem Bauwahn in Berlin. Ein paar Treppenstufen führten in Richtung Wasser und der Lärm der Strassen und der Baustelle ist nicht mehr zu hören. Ein paar Sonnenstrahlen genügen scheinbar schon, um die Palmen wachsen zu lassen und Liegestühle ans Ufer zu zaubern, eine Verlockung, der ich nur widerstehen konnte, weil die Schiffsanlegestelle nicht weit war, deren Angebot mich auch interessierte. Kurze Rundfahrten mag ich dann doch nicht so gerne und so folgte ich einfach meiner Nase. Ich weiss nicht, wie weit ich ging, denn unterwegs schaute ich lange dem Schleusen von zwei Schiffen zu. Meine Nase roch seit längerer Zeit etwas, das mich stark an den Duft erinnert, der Lokale im Bannkreis des Strasburger Münsters umgibt. Ich erinnerte mich, dass das Strasburger „Choucroute garni“ in Berlin „Eisbein mit Sauerkraut“ oder so heisst. Und tatsächlich sah ich kurz darauf – ich war inzwischen im Nikolaiviertel angelangt – Menschen fortgeschrittener Altersklassen rosarotes Bier aus Puddingschalen trinken und gekochte Schweinshaxen zu essen. Leben und leben lassen.

Dieser Versuchung widerstand ich dann schon leichter nicht nur wegen des Magenkollapses am Vorabend. Mir war nach Museum. Das Märkische musste zwar in der Nähe sein. Nach längerer Bewunderung der sehenswerten, witzigen Fassade der australischen Botschaft dachte ich, das respekteinflössende Gebäude gegenüber müsse das Museum sein. Falsch gedacht, es war das Wasserwerk. Danach hatte ich keine Lust mehr auf Märkisches Museum.
Auf wundersame Weise gelangte ich zu Fuss (!) zum Gendarmenmarkt, wo ich – wen wundert’s – erneut Versuchungen ausgesetzt war. Während ich mich an ein nettes Café bei meinem letzten Besuch vor ein paar Jahren erinnerte, schien sich der der Platz inzwischen in eine kulinarische Tiefflugzone verwandelt zu haben. Kaffee- und Würstelstände gab es zwar, die aber keinen sonderlich einladenden Eindruck auf mich machten. Ganz im Gegensatz zu den naheliegenden Galeries Lafayette, wo ich dann doch noch fast unter die Räder gekommen wäre angesichts von wirklich relativ preisgünstigen Kaschmirpullis und sonstigen Kleinigkeiten. Wenn da nicht Rose gewesen wäre, die mich schon den ganzen Tag fast jede Stunde flashte *) und offenbar zurückgerufen werden wollte, mich damit in die Realität holte und der ich mehr oder weniger die Erhaltung meiner Zahlungsfähigkeit verdanke. Wobei ich so einen Kaschmirpulli oder zwei hätte durchaus kaufen können. Die Farben waren so schön und die Schnitte nicht alltäglich, obwohl klassisch. An den französischen Strickmantel darf ich schon gar nicht zurückdenken! Resumé des Wochenendes und des gestrigen Blitzbesuches: Berlin und auch sein Umland lohnt sich auch zu besuchen, wenn man ganz gemächlich seinen Interessen nachgehen möchte und nicht unbedingt den Bären tanzen sehen oder gar tanzen lassen möchte.

*) „flashen“ ist bei meinen kenianischen Freunden, die fast nie airtime auf ihren mobiles haben, Strom dagegen schon, sehr beliebt, um ein Lebenszeichen zu geben. Kommt ein Anruf aus Kenia, darf ich das Gespräch in den allermeisten Fällen nicht annehmen, denn das Klingeln bedeutet nur, dass jemand an mich denkt und mich grüßen möchte. Ein Rückruf wird in der Regel nicht erwartet.

(**) Während dieser Bericht entstand, habe ich natürlich immer mal wieder weiter am Waschbecken geklempnert, denn schliesslich will ich den sündhaft teueren Schlüssel zum aufschrauben der unteren Mutter der Armatur nicht umsonst gekauft haben. Mittlerweile habe ich den Abfluss aus der Wand gerissen, versehentlich, und die beiden dünnen Wasserzulaufrohre zumindest schon mal abgeschraubt. Wie ich die gebogenen Rohre durch das Loch im Waschbecken bringen soll, bleibt ein Rätsel, das ich morgen lösen werde. An das Biegen der geraden Röhrchen der neuen Armatur denke ich einstweilen noch gar nicht. Denn soweit ist es noch nicht; erst mal muss die Mutter weg. Vielleicht brauche ich doch einen echten Klempner.

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