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Bregenz: Buddenbrooks

August 18, 2008

Skeptisch und nicht extra vorbereitet besuchte ich die Premiere von John von Düffels „Buddenbrooks“ im Theater am Kornmarkt in Bregenz. Ein Mammutwerk reduzieren auf ein paar Vorstellungsstunden – wie soll das gehen? Es geht! Das Bühnenstück handelt im Gegensatz zu Manns Werk ausschliesslich von den Beziehungen innerhalb einer Generation der Familie Buddenbrook, nämlich der Geschwistergeneration Tony, Christian und Thomas. Es geht um die Verstrickung von Privatem und Geschäftlichem, um die Reduzierung aller Bestrebungen auf Geld. Und um den unaufhaltsamen Untergang der Firma und damit auch der Familie.

Die ausschnittartig gerafft aneinandergereihten Szenen werden auf zwei über- und hintereinanderliegenden Spielflächen dargestellt, mit fortschreitender Handlung oftmals parallel. Ein im Vordergrund aufgestelltes Mikrophon, in das verbindende und kommentierende Texte gesprochen werden, ich nehme an Orginaltexte von Thomas Mann, erweitert die Spielmöglichkeiten. Das Bühnenbild (Rolf Langenfass) ist in düsteren Farben gehalten, minimalistisch ausgestattet. Das wichtigste Requisit, ein steifes Familiensofa, wird im Laufe des Abends und der sich zuspitzenden Eskalierung durch Einzelsitze ersetzt. Unterstützt wird das Bühnenbild durch eine einfallsreiche Lichtregie und Christian Brandauers gelungene Bühnenmusik, die das Geschehen vor allem bei der Skizzierung der Figur von Thomas‘ Frau Gerda (Sona MacDonald) unterstrich, die vor der unbarmherzigen Familienwirklichkeit in die Kunst flieht (und zum Pianisten).

Bei der Inszenierung handelt es sich um eine Koproduktion der Bregenzer Festspiele mit dem Wiener Theater in der Josephstadt. Unter Regie von Herbert Föttinger, der immer wieder biografische Details der Mann-Familie im Spiel nicht nur andeuten lässt, spielte ein erstklassiges Ensemble. Joachim Bißmeyer gab einen steif gefühlsreduziert und machtbewussten Konsul Buddenbrook. Gabriel Barylli spielte den Sohn Thomas, bei dessen Antritt der Nachfolge des Vaters bereits die verhängnisvollen Anlagen offenkundig wurden. Sandra Cervik lieferte eine Meisterleistung mit ihrer facettenreichen Darstellung der Tony, deren aufregendes, aber glückloses Leben, durch die Firmenraison geprägt und unterdrückt, ihr vermeintlich nur die Flucht in den Alkohol liess. Michael Dangel als Christian gelang der Spagat zwischen Klamauk und Tragik, zwischen London und Valparais. Auch die übrigen Rollen, Else Ludwigs scheinheilig erstarrte Konsulin beispielsweise, Grünlich, der Bankier Kesselmayer, der grotesk überzeichnete Bayer Permaneder u.a. waren glänzend besetzt. Eine bewegende Szene möchte ich noch erwähnen, als Thomas an seinem kleinen Sohn Hanno (Skye MacDonald) verzweifelt zu erkennen glaubte, dass die vermeintlich grosse Zeit der Sippe zu Ende sei.

Es war ein spannender, nachdenklich machender und unterhaltsamer Abend, was sich nicht ausschliesst nach meiner Ansicht, und der den Besuch in Bregenz lohnte. Tolles Theater und grosser verdienter Beifall.

Das Stück wird im September im Josephstadt-Theater herausgebracht.

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