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Intermezzo – The Age of Aquarius

August 12, 2008

Ich fahre gerne. Ich fahre gerne Auto. Ich fahre gerne mit dem Zug. Sogar mit der S-Bahn konnte ich mich nach Jahren berufsbedingter Abstinenz wieder anfreunden, nachdem viele Veranstaltungstickets in München den Preis für das MVV Ticket enthalten und die Fortbewegung einer einzelnen Person per Auto fast unerschwinglich geworden ist. Ich finde es inzwischen ausserordentlich angenehm, nach Oper oder Konzert nicht mehr selbst fahren zu müssen, sondern mich – ein Stück zumindest – fahren zu lassen. Wenn ich da nicht etwas Wesentliches übersehen hätte. Es muss in den Jahren meiner S-Bahn-Abstinenz eingetreten sein.

Früher hat man in S- und U-Bahn gelesen oder „man“ hat einfach angebandelt, man hatte den Kopfhörer im Ohr und eine etwas lautere Handyphase gab es wohl auch mal. Heute scheint das Mitführen einer Trinkflasche im öffentlichen Verkehrsmittel Pflicht geworden zu sein.

In letzter Zeit traf ich bei meinen spätabendlichen S-Bahn-Heimfahrten fast immer auf einen Flaschenbier trinkenden Sitznachbarn. Zufall, dachte ich, und auch okay soweit nach langer Arbeit; man kann sich ja einen anderen Platz suchen, wenn einem gerade mal nicht nach Bierdunst ist. Inzwischen habe ich die Erfahrung gemacht, dass es quasi ausgeschlossen ist, in der S-Bahn einen Platz ohne trinkenden Sitznachbarn zu finden. Die Fortbewegung von A nach B ohne Mitführen eines Trinkgefässes scheint untersagt zu sein. Müssen die Flaschen etwa beim Erwerb des Tickets mitgekauft werden und gibt es für Benutzer der Isarcard auch die Monatsflasche, die Isarbottle sozusagen?

Neben den traditionellen Biertrinkern, die es immer schon gab, gibt es nun eine Vielzahl heimischer Wassertrinker, in der Ferienzeit ergänzt durch Gesinnungs-genossen vieler Nationalitäten. Es gibt den gemeinen Wassertrinker mit der Aldi- oder Pennyflasche, den fortschrittlichen Flaschenträger mit der angesagten Flasche mit dem Mundstück (auch Sportverschluss genannt) und den anspruchsvollen Konsumenten, dem das weitgereisteste Wässerchen gerade gut genug ist. Anfänglich fand ich die Beobachtung der individuellen Wasserzufuhr recht unterhaltsam – Lippenstellung, Geräuscherzeugung vor und während der Tränkung, das Schmatzen oder Rülpsen danach … Für eine wie mich, die bei kurzen Strecken trinkt, sobald sie irgendwo angekommen ist und nicht unterwegs beim Strasse überqueren oder beim treppensteigen und Wasser vorzugsweise aus dem Wasserhahn, bleibt das Suchen nach Plätzen, bei denen man dem kollektiven Bewässerungsritus nicht beiwohnen muss. Selbst im ICE, den ich kürzlich benutzte, fand eine Aufrüstung der Individualreisenden mit Plastikflaschen statt – verständlich zwar bei den Preisen und der Qualität des Bordbistro-Angebotes und auch immer schon üblich. Die flächendeckende, enthemmte und ununterbrochene Benutzung der Bewässerungsutensilien allerdings verursacht mir Brechreiz.

Bleibt zu hoffen, dass die seltsame Erscheinung eine vorübergehende Mode ist, hervorgerufen durch die allgegenwärtige Medienpräsenz der Mineralwasserindustrie kombiniert mit dem allgemeinen Bewusstsein, dass man trinken, trinken, trinken soll, überall und zu jeder Zeit. Und dass es dereinst mal wieder ein Leben ohne Plastikflasche geben wird. „Memento bibere“, las ich kürzlich in Abwandlung des alten Spruches, der an die Vergänglichkeit erinnert.

Doch anstatt ins Philosophieren zu geraten, sollte ich lieber losgehen, um Gerolsteiner Sport kaufen, das berggängige Wasser mit dem praktischen Einfüllstutzen. Von der Vulkaneifel ins Westallgäu sozusagen.

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