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Festspiele: Schluss mit den Meistersingern!

August 1, 2008

Jahrelang haben die Münchner Opernfestspiele mit Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ geendet. Mit Dienstantritt der neuen Intendanz ist vorerst mal Schluss auch mit dieser Tradition.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich die Inszenierung von Thomas Langhoff aus 2004 gestern zum ersten Mal gesehen habe; meist hat es zeitlich nicht gepasst, aber auch die überwiegend negative Bewertung der Inszenierung mag dazu beigetragen haben, daß ich anderem den Vorzug gab. Nun habe ich es also gewagt, vor allem auch, weil diese Meistersinger wie auch der Ring und allerhand weitere Inszenierungen der Säuberung durch die neuen Besen zum Opfer fallen könnten.

Leider entliess mich mein Büro erst zum zweiten Aufzug, so daß ich nur meinen Teil-Eindruck der Vorstellung wiedergeben kann.

Hans Sachs wurde dargestellt von Wolfgang Brendel, über dessen nicht mehr erwartetete weitere Einsätze an der BSO ausgiebig getrascht wird. Darstellerisch hat er mich als Sachs ausserordentlich beeindruckt, wobei ich nicht weiss, ob man den Sachs so spielen darf oder vielleicht sogar so spielen muss. Ich hatte den Eindruck, einen mittelalten Mann zu sehen und zu hören, der mit der Möglichkeit des Zusammenlebens mit einer Frau abgeschlossen hat. Ein Mann, der auf die Erfüllung seiner Liebe verzichtet, um Eva glücklich zu sehen. Er wirkte wie ein gebrochener Mann. So ungefähr war mein Eindruck. Das hat mich sehr berührt. Vokal sind bei Wolfgang Brendel inzwischen Abstriche zu machen, die Intonation passte verschiedentlich nicht, manchmal war auch eine Art Sprechgesang zu hören. Insgesamt fand ich sein Rollenbild aber stimmig. Brendels AnhängerInnen sahen das natürlich viel euphorischer und feierten ihn überschwänglich.

Nicht ganz so gut weg kam Kurt Rydl, der ein paar derbe Buhs von der Galerie kassierte, auf die er ebenso derb reagierte. De gustibus … Über seinen Pogner kann ich nichts sagen, da ich zu wenig von ihm sah und hörte.

Bei Beckmesser musste ich gleich zweimal hinschauen, denn zuerst erkannte ich Martin Gantner gar nicht. Wie er mit Überheblichkeit Beckmessers innere Unsicherheit und seinen unglücklichen Charakter kaschierte war passend. Stimmlich war er beckmesserisch laut, aber tadellos.

Ausgezeichnet gefiel mir auch der Stolzing von Robert Dean Smith, der sein Preislied sehr zurückgenommen, lyrisch, dabei sehr schön timbriert und mit schönen Bögen sang. Was in der Schusterstube noch (zurecht) etwas probenmässig klang, gelang auf der Festwiese sehr ansprechend. Zwar wirkte er neben seiner Eva in Gestalt der bühnenpräsenten Anja Harteros etwas hölzern, was seiner fabelhaften Leistung allerdings keinen Abbruch tut. Anja Harteros Auftritte sind immer ein positives Erlebnis für den Zuschauer. Schön, dass sie rechtzeitig zu den Meistersingern genesen ist. Als Eva in dieser Besetzung kommt ihre große Stimme nicht so zur Geltung und ist vielleicht sogar überdimensioniert, wobei diese Feststellung nichts Negatives beinhalten soll.

Unverwechselbar in Figur und Stimme wie immer Herr Alfred Kuhn, dieses Mal auf der Festwiese als Meister Hans Schwarz.

Sehr Erfreuliches boten auch die spielfreudigen und stimmsicheren Kevin Conners als David und Heike Grötzinger als Lene sowie der Nachtwächter von Steven Humes.

Die Meistersinger brachten auch ein Wiedersehen mit Peter Schneider am Dirigentenpult, der den Festspielkarren nicht in den Dreck sondern gelassen durch die Gassen manövrierte. Instrumentales „Zuschütten“ der Sänger auch in lauten Szenen findet unter ihm nicht statt. Ich sah den Austausch vieler freundlicher Gesten im Orchestergraben. Auch Herr Schneider erhielt ausserordentlich viel Applaus, verdienten Applaus, wie ich finde.

Zur Inszenierung lässt sich so viel nicht sagen. Es ist eine „moderne“ Inszenierung. Das Geschehen wurde zwar in eine nicht definierte Zeit verlegt, aber nicht neu erfunden. Insofern fand ich sie nicht störend. Requisiten deuten auf die neunziger Jahr des letzten Jahrhunderts, Kostüme sind modern, aber indifferent. Die Elemente des Bühnenbilds bilden je nach Zusammenschiebung oder Drehung die unterschiedlichen Spielorte und sind eher karg. Sie erinnerten mich gleich an die „Hasenställe“ aus Nabucco. Personenführung kann man nach der langen Spielzeit natürlich knicken, da spielt jeder was und wie er will. Szenisch also eine eher belanglose Sache, wie ich meine.

Ich fand es dennoch einen guten Opernabend, der mich auch etwas wehmütig zurückliess. Zum einen, weil er offensichtlich mit vielen Abschieden endete. Zum anderen, weil die Festspielzeit zu Ende ist, die doch einige aussergewöhnliche Vorstellungen enthielt, von denen ich manche nicht besuchen konnte, die Ariadne im Prinze zum Beispiel und auch den Idomeneo im neueröffneten Cuvilliétheater musste ich auslassen. Zum dritten, weil man auf die nächste Vorstellung in München mehr als zwei Monate warten muss und zum weiteren, dass die zukünftige Spielplanentwicklung mich eher auf Programmbeschränkung als auf mehr Vielfalt schliessen lässt. Geirrt habe ich mich allerdings schon häufig.

In diesem Sinne wünsche ich den Musikfreunden unter meinen Lesern schöne Ferien.

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