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Festspiele: Werther am 24. Juli 2008

Juli 24, 2008

Wie oft habe ich diesen Werther eigentlich hier schon besprochen? Einmal mach ich es noch und dann soll es gut sein. Vesselina Kasarova und Piotr Beczala sangen heute Charlotte und Werther in einer Aufführung der Extraklasse. Zwei Sängerdarsteller, die wissen, wovon sie singen und was sie spielen und die dadurch Massenets Musikdrama mit Leben erfüllen. Beide sangen auf einem Niveau und mit einem Ausdruck, dass man theoretisch die Augen hätte schliessen können, um Charlottes Empfindungen, ihre Liebe und ihr Klagen mit den Ohren sehen. Ebenso gilt das für Piotr Beczala, der seine ungestüme Liebe zu Charlotte, seine Unsicherheit und seine Weltuntergangsstimmung und auch seinen tatsächlichen Untergang alleine durch den Ausdruck seiner Stimme hätte sichtbar machen können. Dadurch bekam der schauspielerische Teil der Darstellung etwas selbstverständlich Rundes. Schwer zu beschreiben, weil ich so schwer beeindruckt bin.

Gesangstechnisch blieben keine Wünsche offen. Einen besseren Werther hat das Haus, wenn überhaupt, lange nicht gehört und gesehen. Ich sowieso nicht. (Ganz kleine Brüche zu Ende des zweiten Aktes seien der Vollständigkeit halber erwähnt, sie waren aber unbedeutend).

Nicht unerwähnt bleiben dürfen die übrigen Mitwirkenden, ohne die es keinen Werther gegeben hätte. Robert Bork als solider Albert hätte mehr Applaus verdient gehabt. Sylvia Schwartz sang die kleine Sophie und wird wohl langsam aus dieser Rolle im wahrsten Sinne herauswachsen. Auch sie erhielt zu Recht viel Zustimmung für ihre allerliebste Darstellung. Selbst die Herren Christoph Stephinger, Uwe Eikötter, Franz-Josef Kapellmann hatten ihr Rollen hörbar aufpoliert, holten sich aber ihren wohlverdienten Beifall am Ende nicht mehr ab.

Das Orchester präsentierte sich unter der Leitung von Patrick Fournillier in festspielwürdig guter Verfassung, nur selten zu laut und auch nur in den Akten vor der Pause, überdeckte allerdings da wieder kurz den Tenor. Alle Instrumentensoli waren bemerkenswert schön, die Geigensoli bittersüss wie der Tod.

So viel zu meinem ersten Eindruck, den ich vielleicht morgen bei etwas mehr Zeit noch ergänzen werde.

Ergänzung am 26. Juli
So gleich nach der Vorstellung am Donnerstag und in meiner Euphorie scheute ich mich ein wenig, das Wort „Sternstunde“ in den Mund zu nehmen, zumal die beiden Sänger der Hauptrollen zu den von mir bevorzugten Künstlern gehören, wie man unschwer in meinem Blog feststellen kann. Unter dieser Voraussetzung lässt einen die eigene Begeisterung gerne mal über das Ziel hinaus schiessen. Ulisse aus dem Wagnerforum hat am Morgen nach der Vorstellung seine Eindrücke wiedergegeben, auf die ich hier gerne verlinken möchte. Sein Bericht beschreibt meinen Eindruck treffender als ich es selbst könnte, weil mir das musiktheoretische Wissen dazu fehlt. Selbst den Anmerkungen zum Dirigat stimme ich zu, auch wenn ich das zunächst gar nicht so wahrgenommen hatte.

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2 Kommentare leave one →
  1. Olli permalink
    Juli 28, 2008 00:58

    Mein lieber Mann,
    Er singt nicht oder spielt gar nur den Werther, Er ist Werther und das in der wunderbarsten Form, die man sich nur vorstellen kann und heute war da bei Ihm aber schon überhaupt nichts, was man bemängeln hätte können.
    Perfektion gibt es vermutlich in der Oper nicht, aber es gibt nahezu Perfektes und das habe ich heute in der Person Werther erleben dürfen. Eine absolute Sternstunde und ich behaupte schlichtweg, dass diese Partie von keinem Einzigen weltweit besser verkörpert wird als von unserem Freund.
    Das war derart seelenvoll und anrührend, dabei von beglückender Ehrlichkeit, dass mir schlichtweg die Worte fehlen, um diese Leistung angemessen zu beschreiben.
    Die Sophie war sehr nett, allerliebst quasi, der Dirigent ausgezeichnet, aber ansonsten werde ich mich nicht weiter äussern, denn ich bin mir sicher, dass Du lieber nicht hören willst,
    wenn ich beschriebe, was ich sonst so gehört habe und eigentlich lieber nicht gehört hätte.lol

  2. Juli 29, 2008 11:31

    Schon rein dienstgradmässig musst Du besser und kritischer hören als ich. Ich gehe meistens nur wegen des Genusses in die Oper, und fand auch die Vorstellung gestern wieder im Ganzen ausgezeichnet. Ganz klar, dass da eine Glanzleistung beflügeln kann und man auch voneinander lebt auf der Bühne. Das liegt sicher an der Persönlichkeit der beteiligten Sänger. Dass so etwas aber möglich ist, finde ich schön und sehr sympathisch.

    Ich habe mich gestern schon gewundert, warum er die letzte Sequenz vorne rechts im Liegen sang, denn ich war mir sicher, das „Am Ende des Friedhofs bei den zwei Linden“ war sonst immer vor dem Felsen. Als sie dann aber Jürgen Rose zum Schlussapplaus auf die Bühne zerrten, war mir klar, dass ich mich nicht geirrt hatte und dass es eine Änderung des anwesenden Regisseurs war.

    Besucht man zwei aufeinanderfolgenden Vorstellungen auf unterschiedlichen Plätzen kriegt man die akustischen Tücken des Hauses so richtig mit. Ich fand es gestern im dritten Rang links stellenweise lauter als Donnerstag, wobei ich fast sicher bin, dass der Dirigent es aus musikdramaturgischen Gründen so beabsichtigte. Die Überdeckungen hörte ich auch nur kurz, aber halt an Stellen, wo ich gerne den Sänger und nicht die Pauken vernommen hätte.

    Ein Feuilletonorden sollte schon abfallen für die Wertherserie, tz-Rose oder AZ-Stern wäre mir egal; beide gleichzeitig wären auch nicht daneben.

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