Skip to content

Bei den verrückten Hühnern

Juli 7, 2008

Aus diesen netten Hühnern, die durch unsere geniale Zeitplanung gerade noch mal für kurze Zeit dem Kochtopf entronnen waren, ist inzwischen sicher auch chicken sauce oder pilau geworden.

Die Zeit mit den Kwa Watoto Kindern ist immer zu kurz. Diese Kinder sind ganz besonders, nicht nur die eigenen Patenkinder, einfach alle. Deshalb fällt der Abschied immer schwer. Sie nutzen jede Gelegenheit für ein Foto zu posieren und wollen dann natürlich sofort das Ergebnis sehen. Segen der digitalen Aufnahmetechnik. In diesem Jahr hatte ich das Glück, dass ich einen Tag bis nach Einbruch der Dunkelheit auf dem Schulgelände verbringen konnte und die Kinder ausgelassen in ihrer (spärlichen) Freizeit erleben durfte.
Diese Kleinen gehen am Spätnachmittag nach Hause zu den Eltern oder den Guardians. Ihr letztes Fach am Tag waren Spiele, Ballspiele, Gesang, traditioneller Tanz, Pfadfinden oder ähnliche Dinge. Spielerische, soziale und in zunehmendem Maß auch künstlerische Aktivitäten nehmen einen großen Raum im Stundenplan der Primary School ein. Ich halte das für sehr erfreulich und auch für sehr wichtig, denn der Unterricht in den traditionellen Schulfächern ist stark geprägt durch Frontalunterricht und Auswendiglernen. Danach sind die Kinder noch immer unternehmungslustig und möchten am liebsten die Schule nicht verlassen, vor allen Dingen nicht, wenn eine mzungu da ist, die gerade Bonbons verteilt hat. Und wenn diese mzungu dann auch noch swahili sprechen kann (oder so tut als ob), dann ist das kleine Weltbild schon etwas verrückt. Wo doch in jedem Klassenzimmer steht: Speak English.
Eigentlich müsste man als Besucher gewarnt werden, dass das Mitbringen von Bonbons zwar gefahrlos ist, das Verteilen dann aber schon nicht mehr. Ich habe mich vor dem Erdrücken durch Flucht gerettet. Auf den Gedanken, Bonbons mitzubringen, bin ich tatsächlich die ganzen Jahre noch nie gekommen. Rose hatte ein paar Tüten in den Einkaufskorb gelegt – ein Knaller und alle bekamen etwas!
Etwa 80 Kinder aus ärmsten Verhältnissen, für die Sponsoren sorgen oder auch Kinder, deren Angehörige aus unterschiedlichen Gründen für die Unterbringung bezahlen können, wohnen in drei zur Schule gehörenden Boarding Häusern. Diese Kinder sind zwar von ihren Familien getrennt oder haben keine Eltern mehr; die Unterbringung im Boarding ermöglicht den Kindern allerdings eine weitgehend sorgenfreie Kindheit mit der Gewissheit der täglichen Mahlzeiten. Die Hausmütter versorgen die Kinder und Jugendlichen trotz eingeschränkter Möglichkeiten sehr gut und liebevoll. Auch der Spass beim Zubereiten des Abendessens kommt nicht zu kurz, wie man sieht.
Drei meiner Mädchen wohnen in dem größten Boarding House mit 50 andern Kindern. Eine davon ist ein verrücktes Huhn. Das gleiche gilt für ihre Freundin. Das Abendessen um sechs Uhr kann nicht schnell genug gehen, danach muss auch noch die lästige Uniform gewaschen werden und die Abendlernzeit beginnt um 7 Uhr schon. Dazwischen wird geboxt und gestritten. Kein Wunder, dass ihre Uniform in Fetzen davon hängt, obwohl sie bei weitem noch kein Jahr alt ist (die Uniform).
Ich freue mich, dass das Mädchen, dessen Zukunft letztes Jahr zur gleichen Zeit ungewiss war, sich so positiv entwickelt. Zum Abschied vertraute sie mir an, sie gehöre seit neuestem zu den Pfadfindern. Eigentlich eine logische Konsequenzbei der Boxerei (joke!). Die Pfadfinderuniform wird allerdings ganz lange warten müssen, wenn es sie überhaupt mal geben kann, denn so etwas ist in Kenia sehr teuer. Aber das stört Metrine nicht. Das Dabeisein zählt.
Falls sie über all ihren Aktivitäten das Lernen nicht vernachlässigt, ist mir um das Mädchen nicht bang. Dabei bin ich wirklich stolz auf sie, denn sie ist eine sehr gute Schülerin. Sie ist stark und selbstbewusst und ich habe ihr deswegen nahegelegt, sich an die äusserste Spitze vorzuarbeiten. Sie ist in der 6. Klasse, da ist also noch viel Luft.
Ehe sich die Kinder zur Lernstunde trollten, wurde noch mal geknipst, was das Zeug hielt. Lernstunde ist unter Aufsicht in zwei getrennten Klassenräumen sowohl für die Schüler der Kwa Watoto Primary School wie auch des dort angesiedelten Soweto-Zweiges der St. Mathew Secondary School. Sie dauert von 19 bis 21.30 Uhr.
Wenn man sich vor Augen hält, dass die Kinder bereits um 6 Uhr aufstehen und schon vor der Schule lernen müssen, ist das ein langer Tag. Um 22 Uhr heisst es „Licht aus“ in den Schlafräumen. Und so ist es dann auch, denn kenianische Kinder sind es gewohnt, zu gehorchen, nicht nur in den Boardinghäusern sondern auch in ihren Familien.
Der Tag in Kwa Watoto Centre war eigentlich ein geschenkter Tag, denn ich hatte mich am Morgen schon von meinen Gastgeber-Kindern verabschiedet, weil ich nach Mombasa zurück wollte. Wie das dann so ist in Afrika … Die Überraschung war groß, ein bißchen Freude war wohl auch dabei, und verrückte Hühner gibt es überall. Hier hängt eines an meinem Hals und das andere auf meinem Rücken. Und einen weiteren geschenkten Tag gab es dann auch noch. Oder waren es zwei?

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: