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Festspiele: La Traviata

Juli 3, 2008

Ich will weder behaupten, dass Busonis Faust vom letzten Samstag unverdaulich schwere Kost war noch dass Verdis Traviata von gestern Abend leichte Kost gewesen sei. An eine Aufführung von La Traviata, deren Inszenierung ich noch dazu ganz gut kenne, habe ich als Opernbesucherin gewisse Erwartungen und kann frühzeitig entscheiden, ob ich den gesamten Abend (2 Pausen) dort verbringen will. Trotz grosser Hitze und noch immer oder schon wieder nicht funktionierender Klimaanlage stellte sich die Frage Traviata oder Biergarten gestern allerdings nicht.

Die Rolle des Alfredo sang dieses Mal Ramon Vargas, einer der beiden Tenöre, die ich derzeit am meisten schätze. Stilsicher in der Rollengestaltung, unegoistisch im Umgang mit den Kollegen auf der Bühne, gesegnet mit einer warmen Stimmfarbe und expressiver, unangestrengter Höhe war er ein kongenialer Partner für Anja Harteros. Sie versteht es, diese Violetta zu gestalten wie keine andere Sängerin, zumindest keine mir bekannte, obwohl die Figur eigentlich nicht optimal zu ihr und ihrer Stimme passt. Anja Harteros’ Violetta verbleicht mit so gesunder Stimme, dass man sie am liebsten festhalten würde, nicht glauben kann, dass sie gleich sterben wird. Doch da sie ihre Rollen auch spielen kann, gelingt Anja Harteros wiederum ein glaubhaftes Bild der schwindsüchtigen Violetta. Großartig! Von ihrer wunderbar geführten Stimme mit blühenden Höhen, einfühlsamen Piani, ihrer Spielfreude kann man nur schwärmen. Die Fähigkeit zu betörendem Legato teilte sie gestern mit Ramon Vargas, nicht aber mit Anthony Michaels-Moore, der gestern den Vater Germont mit etwas rauem Bariton sang. Er gestaltete die Figur für meinen Geschmack hölzern, sang allerdings nicht schlecht. Ein kleiner Wermutstropfen in einer ansonsten festspielwürdigen Aufführung. Heike Grötzinger muss auf jeden Fall noch erwähnt werden, die als Flora Bervoix eine ausgezeichnete Leistung bot.

Massimo Zanetti dirigierte das Bayerische Staatsorchester, das mir stark durchsetzt mit Aushilfsmusikern schien – nicht unbedingt zum Vorteil des instrumentalen Partes der Oper – und wählte gestern deutlich langsamere Tempi als in der Frühjahrsserie.

Für jene, die mich zu den Jubelbajuwaren zählen: Natürlich habe ich leichte Intonationstrübungen bei Vargas „Croce“ bemerkt und auch eine schwächere Stelle bei Harteros im zweiten Akt, von dem auf allen Seiten wackeligen Ensemble am Ende des zweiten Aktes ganz zu schweigen (oder kam mir das nur so vor?). Insgesamt war es eine fesselnde und anregende Aufführung, die mir Lust auf viel mehr Oper (und bitte gleich!) machte.

Ein Blick auf meine diesjährigen Festspielkarten zeigte mir, dass die Traviata den Auftakt bildete zu einer Serie von tragischen Liebesgeschichten, die ich den nächsten drei Wochen sehen und hören werde und auf die ich mich schon freue.

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9 Kommentare leave one →
  1. Olli permalink
    Juli 4, 2008 00:35

    Der Anthony Michaels-Moore ist der Bariton, der mit mir in Paris die zweite Vorstellung gesungen hat und der Dietrich Henschel ersetzt hat.
    Der singt weltweit, Scala, Met, Covent Garden Scarpia, Rigoletto usw. und hat eine Riesenstimme.
    Gehst Du in Werther?
    Gruss, Olli

  2. Juli 4, 2008 09:46

    Ich geh in beide Werther-Vorstellungen. Die Besetzung lasse ich mir doch nicht entgehen. Hoffentlich geht ausser mir noch jemand hin, denn beide Vorstellungen sind bisher bei weitem nicht ausverkauft.

    Das glaube ich sofort, dass der Anthony Michaels-Moore eine Riesenstimme hat. Ich habe ja auch nichts Schlechtes über ihn geschrieben. In manchen Musikforen sind die Kommentare zu seiner Vorstellung recht harsch. Deshalb bin ich auf die Profikritiken für ihn gespannt.

    Viele Grüße, R.

  3. Olli permalink
    Juli 4, 2008 14:05

    de gustibus non disputandum est!! lol
    Also ich werde vermutlich am 27.07. da sein, da die Vorstellung früher anfängt, somit auch früher aus ist und unser Freund meinte, dass wir dann auf jeden Fall noch feiern gehen könnten, da dann nichts mehr zu singen sei und da es auch egal sei, ob am nächsten Tag ein Reisetag sei.

  4. Juli 5, 2008 11:04

    Vielleicht sehen wir uns ja in der Pause. 🙂

  5. Olli permalink
    Juli 11, 2008 21:30

    So,
    ich habe meine Zugangsberechtigung für den Werther am 27.07. heute erhalten, Balkon links, Türe 2.
    Vielleicht sieht man sich ja tatsächlich, gell?
    Bist Du morgen, Samstag beim Nagano Open Air?

  6. Juli 12, 2008 11:14

    Ich bin im dritten Rang rechts, kann also gut nach euch Ausschau halten. 😉
    Klassik Opem Air ist nicht so unbedingt mehr mein Ding. Ausserdem sind unglaublich viele Leute in der Stadt, wie ich gestern abend gesehen habe. Am Marienplatz scheint auch eine Veranstaltung stattzufinden. Man kann sich vorstellen, was heute abend los sein wird, vor allem, wenn das Wetter mitspielt. Ich widme mich lieber und notwendigerweise meinem etwas vernachlässigten Garten. Schönes Wochenende. R.

  7. Olli permalink
    Juli 12, 2008 14:48

    Vielleich kannst Du Dich ja zu uns herablassen? :laugh:
    Bezüglich der Nagano-Sache kann ich mich nur anschliessen und selbst, wenn ich jetzt in einem Anfall geistiger Umnachtung umdisponieren wollte, wird das nichts, denn gleich wird die Ältere meiner Mädels vorbeikommen, was dazu führen wird, dass ich wohl meine Damen heute abend zu unserem sensationellen Lieblingsitaliener ausführen werde.
    Du bist ja leider nicht da, sonst………..!lol
    Gruss, Olli

  8. Olli permalink
    Juli 23, 2008 22:20

    Ich war im Rosenkavalier, zumindest im 1.Akt und ich kann Dir sagen, dass unser Freund den Sänger unglaublich gut gesungen hat.
    Er hat diese zwar recht kurze, aber gemein schwere Arie derart locker hingepfeffert, dass das Publikum überhaupt nicht begriffen hat, was es da gerade serviert bekommen hat. Schlichtweg sensationell und wenn Er bei den Werthers nur halb so gut in Form ist, dann wird Freude aufkommen.
    Viel Spass am Donnerstag und ich hoffe, Du informierst mich umgehend, denn das würde meine Vorfreude auf den Sonntag vermutlich noch schön steigern. lol

  9. Juli 24, 2008 00:53

    Ich hab’s schon gehört, dass der Sänger vorgestern luxusmässig besetzt war. Die Rolle ist wirklich schwer und undankbar. In den Feuilletons wurde sie nicht mal erwähnt, soweit ich das überschauen konnte. Ich freue mich aber schon sehr auf morgen (vielmehr auf heute) und werde selbstverständlich berichten.

    Viele Grüße

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