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Boy House

Juni 27, 2008

Selbstverständlicher Programmpunkt meines Nairobi-Aufenthaltes war das Zusammentreffen mit den Boy-House-Jungs. Der Name ist ihnen geblieben, obwohl das Boy House zwischenzeitlich Bestandteil des St. Mathew Boardings geworden war. Als Idee ist es aber wohl in den Köpfen der Jugendlichen geblieben. Deren „harter Kern“ erwartete mich gleich nach meiner Ankunft in Nairobi. Ernsthaft sassen sie um den Küchentisch. Wanyama (der Maler) hatte sich für die Patin extra fein gemacht und sich von seinem Vater am Morgen ein weisses Hemd, eine Hose und Schuhe geliehen. Überrascht war ich, dass am Tisch auch mir von früher bekannte Gesichter befanden, für deren Unterhalt allerdings andere Paten bezahlen. Sie berichteten mir von den Ereignissen der letzten Zeit, von den Schwierigkeiten, mit denen sie jetzt zu kämpfen haben. Zwei Jungs baten mich um ein persönliches Gespräch. Sie fühlten sich zum Boy House zugehörig, obwohl sie wussten, dass ihre eigenen Paten für ihren Unterhalt bezahlen. Was sollte ich dagegen haben, solange sie nicht vergessen, daß nicht ich es bin, die für ihren Unterhalt bezahlt? Eine rührende Begegnung zunächst. Nicht ganz ohne Absicht allerdings, wie sich im nachhinein vermuten lässt.

Im Chaos nach dem Brand in der Schule mussten Hals über Kopf Unterkunftsmöglichkeiten für die obdachlosen Schüler gefunden werden. Manche konnten vorübergehend bei ihren eigenen oder fremden Familien unterkommen, für andere wurde in der Umgebung der Schule eine Unterkunft gesucht. Für die diesjährigen Abiturienten sollte möglichst keine Verzögerung der letzten Vorbereitungen auf die Prüfung eintreten. Während jüngere Schüler nach Möglichkeit zum Teil für kurze Zeit nach Hause geschickt wurden, durften die Großen sich nicht von der Schule entfernen. Die Schule akzeptierte unter anderem eine auf Eigeninitiative der Schüler und ihrer Verwandten erfolgte befristete Anmietung einer Unterkunft in der Nähe der Schule. Dort lebten zum Zeitpunkt meines Besuches zwölf Schüler, darunter auch sechs vom Boy House. Die zwei kleinen Räume befinden sich im ersten Stock eines Gebäudes in der Nähe der Schule. Ihre Verpflegung erfolgt zentral aus der Schulküche.

Die Jugendlichen besassen nur noch, was sie am Körper trugen. Kleidung zum Wechseln ist derzeit geliehen. Die vielen T-Shirts, die mir mein Chef geschenkt hatte, waren zwar zu gross für die Jungs, aber irgendwem würden sie schon passen und konnten notfalls auch verkauft werden. Die Ausstattung mit Kleidung wäre zwar zweckmässig gewesen, musste allerdings für den Moment zurücktreten hinter die Grundbedürfnisse wie Hygieneartikel und vor allem die Anschaffung von Lernmaterial um den Verlust der verbrannten eigenen Aufzeichnungen zu kompensieren.

Die provisorische Unterkunft steht nur für einen Monat zur Verfügung. Danach müssen die Schüler in einen inzwischen hergerichteten Schlafsaal in der Schule zurückkehren, der dann überfüllt sein wird, wie es in Kenya an den Schulen üblich ist. Ich weiss, dass die Jugendlichen ihrer alten Boy-House-Zeit nachtrauern, allerdings wurde diese Zeit nach einer unüberlegten Vergrößerung der Wohngruppe etwas zu munter und das Experiment musste abgebrochen werden. Natürlich sind nicht alle Jungs undiszipliniert, dennoch sind einige verspielt und unternehmungslustig, was sich in der Gruppe auf alle überträgt. Sie brauchen nach Ansicht der Schulleitung Aufsicht und Kontrolle, und die ist in einer Wohngruppe nicht gegeben, während in der Schule ein Boarding Patron über Disziplin wacht. Während meines Aufenthalts beschwerte sich beispielsweise ein Nachbar gegen Mitternacht über nächtlichen Lärm aus der Unterkunft der Jungs.

Daher sind Bestrebungen der Jugendlichen, eine kleinere Wohneinheit zu bekommen, um nicht in den großen Schlafsaal zurückkehren zu müssen, von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Die schöne. demnächst beziehbare Wohnung, in die sie mich führten, hatte genügend Schlaf- und Aufenthaltsraum, Toilette und Dusche, Elektrizität und fliessendes Wasser. Die Miete und der Unterhalt wären zwar als neues Boy House erschwinglich, ohne Zustimmung der Schulleitung allerdings nicht realisierbar. Und so war dieser Traum nur kurz und ohne große Diskussionen schnell vom Tisch. Nun war allerdings auch klar, warum die Boy-House-Truppe sich so überraschend vergrößert hatte: Da die Verpflegung aus der Schulküche erfolgen sollte, mir somit keine zusätzlichen Kosten entstehen würden, erhoffte sich der eine oder andere einen Schlafplatz in dem neuen Boy House. Die Enttäuschung war im Moment verständlicherweise groß, hielt aber erfreulicherweise nicht lange an. Den Versuch war es jedenfalls wert.

Zum Vergrößern die Bilder anklicken

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