Skip to content

Blu train

Juni 19, 2008

Meine diesjährige Keniareise enthielt etwas mehr Eisenbahn als üblich. Nicht etwa, dass ich mit dem Zug nach Afrika gefahren wäre, aber doch beinahe. Stoibers Vision beherzigend fuhr ich nämlich vom Parkhaus des Bahnhofs Ingolstadt direkt in den Airport Frankfurt, der maßstabsetzend sein soll für den Rest der Welt. Doch davon später mehr, denn das ist eine eigene Geschichte.

Nach tagelanger Akklimatisierung in netter Gesellschaft im Schatten wohlfrisierter Palmen in einem ebenso netten Hotel direkt am indischen Ozean, gelegentlich unterbrochen durch die Aufnahme von Nahrungsmitteln aus der hoteleigenenen Biofarm, bedient von lächelnden, überaus freundlichen Angestellten, die ihrer Arbeit gewissenhaft nachgehen, obwohl sie nur zwei Wochen im Monat arbeiten dürfen, damit die andere Hälfte der dreihundert Hotelangestellten auch dran kommt und nicht entlassen werden muss, solange die Urlaubsgäste ausbleiben, gelegentlich auch unterbrochen durch einen Zug durchs Gelände ausserhalb des Hotels, fand ich es an der Zeit, mir einen länger gehegten Wunsch zu erfüllen.

Das WWW enthält wahre Schauermärchen über die zwischen Mombasa und Nairobi verkehrende Eisenbahn. Ich bezweifele ihre Richtigkeit nicht. Die Zusammensetzung der Reisenden (Mehrzahl Amerikaner) in unserem Zug lässt jedoch auf leichte Übertreibung schliessen. Lauern in diesem Warteraum etwa Räuberbanden? Alle Rastajünger sollen Mungiki sein. Sitzen dort welche mit Rastalocken? Ich wollte es trotzdem wagen, zumal ich in diesem Jahr das Glück einer Reisebegleitung hatte, mit der ich ein Schlafwagenabteil teilen konnte.

Züge von Mombasa nach Nairobi verkehren derzeit am Dienstag, Donnerstag und Sonntag. Abfahrt des Zuges ist um 19 Uhr. Fünfzehn Stunden beträgt die planmässige Fahrzeit. Man sollte sich auf längere Fahrzeiten einrichten, denn die Zeitangabe ist nur ungefähr. Der Zug hat drei Klassen: Schlafwagenabteile mit zwei Betten (3250 Sh pro Person), mit vier Betten (2490 Sh) und normale Sitzabteile (billig). Für die erste und zweite Klasse ist Abendessen und Frühstück im Fahrpreis inbegriffen, ebenso das Bettzeug.

Nachdem wir die am Vortag bereits gekauften Tickets und die bei einem Obsthaendler vor dem Bahnhof ebenfalls am Vortag georderten Kokosnüsse (10 Sh/St.) und Mangos (15 Sh/St.) verschiedener Reifegrade abgeholt hatten, die wir nach Nairobi mitbringen sollten, harrten wir der Dinge. Rose war aufgeregt, denn sie war noch nie in ihrem Leben mit einem Zug gefahren. Wir hatten noch viel Zeit und der Schalterbeamte nahm bereitwillig unsere beiden Obstsäcke und das bisschen Gepäck und verstaute es hinter seinem Tisch. Wir wollten in der Stadt einen Kaffee trinken und noch einen Blick auf etwaige emails werfen. Der Schaltermann empfahl uns ein Tuktuk zu nehmen und zum Bru Rum zu fahren – 50 Bob.

Wie heisst das Café? B-r-e-w Room? Ich wieder. Rose fing schon an zu grinsen.
Bru Rum, sagte der Mann, lächelte und winkte uns ein Tuktuk.
Rose konnte nur mit Mühe eine respektvolle Mine vor dem Mann bewahren.
War das deine erste Begegnung mit einem Kikuyu? Sie lachte.
Das war nicht anzunehmen. Allerdings war es erste, bei der ich über das verflixte L stolperte, das Kikuyus nicht aussprechen können. Wir fanden den Bru Rum und auch wieder zurück, fanden Coco und Mango unversehrt und bestiegen den bru train, der in Wirklichkeit grün ist. Und alberten in den nächsten Tagen zum allgemeinen Unverständnis um das L und R herum.

Bei Einbruch der Dunkelheit fuhren wir los, immerhin würde der Zug um Nairobi zu erreichen ungefähr 1500 Höhenmeter zu überwinden haben.

Ein paar Tage zuvor hatten wir bei einem Spaziergang im Haller-Park den Prototypen des „Jambo Kenya Deluxe“ getroffen. Man nennt dieses Ungeheuer „Mombassa-Trail“.

Im echten „Jambo Kenya Deluxe“ hält man auf Formen. Der Schlafwagen-Chef komplimentierte die Gäste mit Handschlag in die erstaunlich geräumigen Abteile und kündigt den baldigen Aufruf zum Dinner im Speisewagen an, der dann auch stilgerecht durch einen Extramann per Triangel erfolgte.

Im Speisewagen erwarteten uns formvollendet schwarz-weiss gekleidete Kellner und der Zugchef, die uns unsere Plätze an ebenso formvollendet gedeckten Tischen zuwiesen. Gedeckt war mit altem Hotelsilber (Besteck und auch Platten), dessen fehlende Teile durch Metallbesteck komplettiert wurden. Serviert wurden zwei schmackhafte Hauptgerichte nach Toast und Suppe, gefolgt von einem köstlichen Obstsalat. Tusker und Guinness 100 Bob, Wasser 50 Bob, Wein aus SA 900 Bob. Da kann man nicht meckern. Umtauschkurs 100/1. Als ebenso formvollendeter Gast habe ich darauf verzichtet, den Speisewagen innen zu fotografieren. Ich hätte es tun sollen.

Zurück in unserem Abteil hatte der Schlafwagenschaffner aufgebettet. Er ermahnte uns, die Tür von innen zu verriegeln. Wir richteten uns ein. Ein Schrank, ein Waschbecken und ein Ventilator war vorhanden. Nicht alles funktionierte. Aber es war stimmungsvoll und sehr nostalgisch. Ratsam ist das Mitbringen von Toilettenpapier und Wasser zum Zähneputzen etc., denn möglichweise erzeugt der Wasserhahn nur ein Rinnsal. Moskitonetze gibt es nicht, dafür ein Gitter, das vor ein evtl, geöffnetes Fenster geschoben werden kann. Jeder Waggon hat ein Closet african und european style.

Erwartungsgemäß gewann die Studentin in spe den Run auf die Schlafplätze und so musste ich zum ersten Mal in meinem Leben in der oberen Etage eines Stockbettes nächtigen. Rose hatte vermutlich eine Heidenangst vor dem fahrenden oberen Bett. Ich kann mir Schlimmeres vorstellen. Trotz des relativ lauten Stampfens des Zuges schlief ich selig und wachte erst auf, nachdem mich Rose aufweckte, weil draussen jede Menge Tiere im Morgengrauen zu sehen waren.


Ich bin morgens weder gutgelaunt noch sonderlich beweglich, flink noch nicht mal mit den Fingern, und so gelang mir fast keine Tieraufnahme aus dem fahrenden Zug. Antilopen, Zebras, Gazellen – alle waren schneller als ich.

Allein dieses Tierchen, das sein Schöpfer aus übriggebliebenen Resten zusammengebaut hat, war mir vergönnt. Mehr habe ich nicht vorzuweisen. Denn der Frühstücksrufer ging mit seinem Schlagwerk durch den engen Gang und trieb uns erbarmungslos in den Speisewagen. Ich hasse Hast am Morgen.

Nach trockenem Buschland sahen wir die ersten Maisfelder, durch den späten Anbau nach den Unruhen weit zurückgeblieben.


Der Zug fährt im Grossraum Nairobi eine ungewöhnliche Trasse. Hier hält er in Athi River, einem noblen Vorort von Nairobi. Jetzt steigen auch schon Trittbrettfahrer zu, die einen kostenlosen Ride in die Stadt geniessen. Und natürlich Schulkinder. Viele Fahrgäste, die vollbepackt mit Hühnern, Getreide und Kartons in der Normalklasse reisten, hatten inzwischen den Zug schon verlassen.


Villen oberer Einkommenschichten

gefolgt von mittelständischen Wohnungen und den „informellen“ Siedlungen unterschiedlicher Armutsstufen.

Der Zug fährt eine Schleife nach Osten. Ich glaubte den Jomo Kenyatta Airport zu erkennen und Embakasi. Hinterher stellte sich heraus, dass meine Vermutung richtig war. Wir hätten abspringen können, denn wir waren ganz in der Nähe der Schule in Soweto. Der Zug fährt nun nur noch durch slumähnliche Siedlungen. Es ist halb zehn und wir sind schon lange in der Stadt. Trotzdem wird es noch eine Stunde dauern, ehe wir endlich den Bahnhof erreichen. Nairobi ist ein Moloch.

Am vorläufigen Ziel.

Nairobis Bahnhofs- vorplatz am Vormittag – ohne Matatus, die man verbannt hat – ähnelt dem einer englischen Kleinstadt. Rose verhandelt mit einem Taxifahrer. Sie kann das und hält mich dafür nicht für begabt. Ich ärgere mich und halte den Mund.

Ich fühle mich frisch und ausgeruht und beschliesse bereits jetzt, auf gleichem Weg nach Mombasa zurückzureisen.

Advertisements
One Comment leave one →
  1. tineup permalink
    Januar 9, 2016 18:31

    Ich bin durch Zufall über Ihren Bericht gestolpert. Wir haben diese Zugfahrt im Jahr 1983 in umgekehrter Richtung unternommen und ebenso unvergessliche Erinnerungen. Offensichtlich hat sich in all den Jahren kaum etwas verändert, und in diesem Fall ist das schön.
    … und morgens beleuchtete die aufgehende Sonne am Horizont den Kilimandjaro . . . ein Anblick, den man für immer im Herzen trägt. Danke, dass Sie mir soeben einen wundervollen Erinnerungsmoment geschenkt haben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: