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Werther – Bayerische Staatsoper

Mai 10, 2008

Wer heute abend den Terrassensessel unter der Pfingstsonne mit einem Opernsitz getauscht hat, vielleicht auch noch ungern, der wurde für das Opfer reichlich entschädigt.

Im heutigen Werther gab Daniela Sindram ihr Rollendebüt als Charlotte. Es ist ihr großartig gelungen. Anfänglich darstellerisch etwas spröde, gelang ihr vor allem nach der Pause eine eindringliche Rolleninterpretation. Ihre Stimme erfüllt alle Mezzo-Wünsche; sie hat einen bruchlosen Übergang von runden tiefen zu dramatisch hohen Tönen und eine warmklingende Mittellage. Sie hat in den Jahren ihrer Zugehörigkeit zum Ensemble ihre Stimme klug entwickelt und steht in meinen Augen vollkommen zu Recht vor großen Aufgaben.

Ganz einfach bezaubernd war Adriana Kucerova als Charlottes Schwester Sophie. Das gilt für ihre Bühnenerscheinung und ihre Darstellung. Ihre Stimme ist zwar auch bezaubernd, daneben aber auch professionell, mit guter Technik und strahlend jugendlichen Höhen.

Albert Bork sprang für Maltmann als Albert ein. Auch er präsentierte sich in fabelhafter stimmlicher Verfassung und meisterte die schwierige Rolle perfekt.

Als Werther war wieder Poitr Beczala zu erleben. Ich kann nicht anders als wieder in höchsten Tönen von diesem Sänger zu schwärmen. Er wird von Mal zu Mal besser als Werther. Seine Stimme scheint sich kontinuierlich „zu veredeln“ und so gelangen die Legatopassagen zum Niederknien, die tenorale Höhe hört sich leicht abrufbar und locker an, die Gestaltung der Arien war gewohnt geschmackvoll. Die Stimme klingt unangestrengt natürlich und intakt, um nicht zu schreiben „gesund“. Dazu die Ausgewogenheit von Darstellung und Stimme, die herrliche Diktion der französischen Texte, wodurch sich das natürliche Rollenbild ergibt. Wen der Gesang dieses Werther nicht anspricht, für den ist Oper vielleicht doch nicht so ganz das Richtige. Es sollen ja einige renommierte Paarungen in der kommenden Spielzeit im Werther zum Einsatz kommen, darunter auch Villazon als Werther; sie werden es schwer haben, den Vergleich zu bestehen. (Nebenbei: warum dieses Staraufgebot eigentlich ausgerechnet in dem in München ungeliebten Werther? Das ist allerdings ein anderes Thema)

Ein eindrucksvolles Hausdebüt gab Patrick Fournillier, der den Abend musikalisch leitete. Zunächst erschien mir sein Dirigat etwas hektisch, auch etwas zu laut. Den profilsüchtigen Mann an der Pauke, der Piotr Beczala bei O Nature buchstäblich „erschlug“, hat er allerdings unverzüglich gebändigt und wählte dann eine etwas gemässigtere, bisweilen aber doch furiose Lautstärke. Da ich am Dienstag nochmal das Vergnügen habe, wird sich zeigen, ob mein positiver Eindruck sich bestätigt. Heute war ich vom Geschehen auf der Bühne zu sehr gefesselt, um öfter in den Orchestergraben zu sehen.

Überschwängliche Begeisterung im schwach besetzten Haus. Noch am S-Bahnhof Marienplatz traf ich selig lächelnde Werther-Besucher.

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