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Vom Bücherstapel

Mai 4, 2008

Wangari Maathais Memoiren, vor einigen Monaten gekauft, waren etwas nach unten gerutscht in meinem Bücherstapel, nicht zuletzt, weil sich das Lesen gerade dieses Buches durch die Ereignisse der jüngsten Zeit in Kenia nicht gerade aufdrängte. Das „Abtauchen“ der Nobelpreisträgerin im Vorfeld der Wahlen in Kenia und auch in den Monaten danach erschien mir intuitiv etwas suspekt, wohl wissend, dass dafür Gründe ursächlich sein konnten, die sich Aussenstehenden nicht unbedingt erschliessen. Meine Vermutung, das Buch könnte nicht interessant genug oder überholt sein, bestätigte sich nicht. Interessieren würde mich allerdings, ob Wangari Maathai die Perspektiven ihres Landes und seiner nachfolgenden Generationen nach dem neuesten Wahlbetrug und dem gerade stattfindenden Raubzug der politischen Klasse noch ebenso hoffnungsvoll einschätzt wie bei Fertigstellung ihres Buches. Deshalb hoffe ich auf eine Fortsetzung oder Ergänzung.

Wahlbetrug hat in Kenia Tradition, wie man in einem Kapitel des Buches nachlesen kann. Bei einer der Wahlen während Mois Präsidentschaft Ende der achtziger Jahre – damals war Kenia ein Einparteienstaat – sollten sich die Wähler am Wahltag in Schlangen hinter dem Kandidaten ihrer Wahl aufstellen. Danach wurden sie nach Hause geschickt (man hatte ja die Länge der jeweiligen Schlange gesehen), um später zu erfahren, dass keineswegs die Kandidaten mit den längsten Schlangen hinter sich ins Parlament einziehen durften. Die Möglichkeit des Wahlbetruges scheint demnach nicht vom Alphabetisierungsgrad der Bevölkerung abzuhängen.

Das Buch enthält Maathais bisherige faszinierende Lebengeschichte, die beginnend in der ausklingendenden Kolonialzeit parallel zur Entstehungsgeschichte des heutigen Kenias läuft. Ganz besonders eindringlich finde ich die umfangreiche Schilderung ihrer Kindheit und Jugend unterhalb des Mount Kenia, die ich – auch wenn sich die Zeiten geändert haben – sehr aufschlussreich fand, weil sie so viel über Familienstrukturen, Religion, soziales Verhalten vermittelt. Ich denke, das Gelesene wird mir das Verstehen mancher Verhaltensweisen oder Aussagen „meiner“ kenianischen Kinder und Jugendlichen erleichtern.

Interessant fand ich auch Maathais Erklärung der Tatsache, dass sich in der jüngeren Vergangenheit des Landes, also überwiegend in der Zeit der Unabhängigkeit, die Versorgungsstruktur des Landes verschlechtert hat, ganz unabhängig von der Bereicherungsmentalität der herrschenden politischen Klasse. Wie durch die Veränderung der Handelsgewohnheiten, der Übergang zum Anbau verkaufbarer Agrarprodukte sich die ursprünglich aus eigenem Anbau ernährende ländliche Bevölkerung zunehmend Hungerszenarien ausgesetzt sieht. Dieses „früher war alles besser“ klingt für die Versorgungslage sehr einleuchtend und überraschte mich etwas.

Auch private Episoden, wie die ihrer gescheiterten Ehe, spart sie nicht aus. Bei aller Tragik fand ich es witzig zu lesen, wie sie an das zweite „a“ in ihrem Ehenamen Mathai gekommen ist.

Zwar ist es allgemein bekannt, dass Wangari Maathais Leben von allerhand gefährlichen Aktionen und Eingriffen geprägt war und beeinflusst wurde. So ganz eindeutig und zielgerichtet erscheinen mir persönlich ihre Aktivitäten nicht unbedingt von Anbeginn, sondern ihre Handlungen waren oft Konsequenz persönlicher Notwendigkeiten, bekamen die eigentliche Richtung erst danach. Nur so ist das breite Aktionsfeld über den zentralen Umweltaktivismus hinaus zum Kampf für Gleichberechtigung, Menschenrechte, Demokratisierung, Widerstand gegen korrupte Staatsgewalt bis hin zu einem Ministeramt zu erklären. Sie erzählt ihre Geschichte auf eine Weise, die einem mitunter den Atem stocken lässt wegen der Abfolge der Ereignisse. Ich fühlte mich auf eine Weise mitgenommen in ihre Vergangenheit. Der Sprachrhythmus im englischen Original ist so fesselnd und mitreissend, dass man das Buch nicht aus der Hand legen kann. Ich empfehle die englische Ausgabe des Buches, denn die gewählte Sprache ist so verständlich geschrieben, dass nicht ständig Vokabeln nachgeschlagen werden müssen. Ausserdem ist das auf Recycling Papier gedruckte englische Taschenbuch deutlich preisgünstiger als die deutsche Ausgabe. An Bill Clintons Empfehlung auf der Umschlagseite darf man sich halt nicht stören.

Eine Leseprobe

Unbowed, A Memoir. Die Besprechung bezieht sich auf die Ausgabe für Nordamerika aus dem Anchor Verlag.

Natürlich gibt es das Buch auch in deutscher Übersetzung: Afrika, mein Leben. Erinnerungen einer Unbeugsamen. Dumont Buchverlag

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