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Unterwegs nach Palermo

April 22, 2008

Zweieinhalb Stunden veranschlagt Viamichelin für die Fahrt von Catania nach Palermo über die Autobahn. Also machte ich mich am frühen Vormittag auf den Weg, denn die Anna Bolena sollte am späten Nachmittag beginnen und ich wollte auch genug Zeit haben um gegebenenfalls unterwegs zu verweilen. Und Zeit genug natürlich auch, um mich für die Oper umzuziehen. Petrus meinte es gut mit mir, denn es war bewölkt und nur mässig warm, das Problem mit der Abendtoilette also nicht ganz so tragisch. Die Autobahn nach Palermo ist vollständig mautfrei, das überraschte mich dann doch. Verkehr null. Ob’s am Wahlsonntag lag? Nach etwa einer Stunde war ich schon an der Abzweigung nach Enna, dem geografischen Mittelpunkt der Insel. Die Stadt liegt an einem Berghang und schon beim Hinauffahren freut man sich auf die Aussicht weit über das hügelige Land mit der frühlingshaften Vegetation. Wegen des wolkigen Wetters war die Sicht etwas eingeschränkt, aber besser als nach den Fotos zu schliessen. An klaren Tagen soll man den Vulkan gut sehen können.

Auf einem Hügel gegenüber der anderen Seite der Stadt sah ich eine Siedlung, die mir auf den ersten Blick unnatürlich dicht bebaut schien. Erst ein bisschen Zoom zeigte, dass es sich um einen Friedhof handelte. Worauf ich beschloss, doch lieber einmal nicht in Italien zu sterben, denn das wäre mir dann doch etwas zu eng da.

Die Weiterfahrt in nördlicher Richtung führt durch weites fruchtbares Ackerland, alles bebaut mit Getreide, dessen noch kurze Pflanzen wie ein grünschattiertes Meer wogt. Kein Wunder, denn die Fruchtbarkeitsgöttin Demeter soll vor ein paar Jahren in der Gegend nach ihrer Tochter Kora gesucht und sie tatsächlich gefunden haben. Ich kann mir gut vorstellen, wie karg und trostlos es hier im Sommer aussehen wird, wenn der Weizen geerntet ist und die Sonne den Boden verbrennen kann. Das fruchtbare Ackerland wird abgelöst von den schroffen Bergen der Madonie, über denen dichte Regenwolken hingen, die sehr gegensätzlich sind zu dem auf mich eher behäbigen wirkenden (obwohl höheren) Ätnamassiv. Ich habe mir vorgenommen, einen meiner nächsten Besuche in den Bergen der Madonie zu verbringen.

Beim Zusammentreffen der Catania-Autobahn mit der aus Messina kommenden westlich von Cefalu sieht man dann auch wieder das thyrennische Meer. Es hat so gar nichts Romantisches. Kilometerlang erstreckt sich eine Raffinerie an der Küste. Daran schliesst sich eine dichte Bebauung mit Ferienhäusern an.
Auch hier findet man historische Stätten wie diesen Normannenturm in der Nähe von Bagheria , den ich gerne näher betrachtet hätte, wenn ein Eingang im Zaun zu finden gewesen wäre. Vielleicht ist der Turm der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Von dort aus sieht man auch schon in der Ferne den einen Arm der Conca d’oro, der die Stadt Palermo umschlingt.

Inzwischen fielen dicke warme Regentropfen und ich schaute, dass ich in trockenere Gefilde kam. Nach Palermo waren es nur noch ein paar Kilometer. In der Innenstadt finde ich mich gut zurecht, das wusste ich. Ein bisschen kompliziert ist es, die richtige Ausfahrt auf der Schnellstrasse in die Stadt zu finden, weil die Strassenführung so abenteuerlich ist, aber im Sonntagsverkehr ist das alles nicht so tragisch. Mein Selbstvertrauen in meine Ortskenntnis wurde dann doch noch ein bißchen auf die Probe gestellt, denn durch die Innenstadt zu fahren ist dann doch anders als durch die Innenstadt zu laufen, denn fast alle Strassen sind Einbahnstrassen. Und so fand ich mich nach einigen Runden um das mir wohlbekannte Politeama plötzlich in einem enggassigen Viertel, in dem gerade ein kleiner Fischmarkt abgebaut und die Strasse gesäubert wurde hinter einem Müllwagen wieder. Von überallher kommen Leute mit Müllsäcken, die durch das Geklapper der Müllabfuhr an ihren Abfall erinnert wurden. Die Arbeitsbedingungen der italienischen Müllwerker sind entsetzlich. Abfallcontainer stehen an den Strassenecken, die von den Bewohnern der umliegenden Häuser befüllt werden. Sind die Container voll, werden die Müllsäcke, Kartons und ander Behältnisse daneben geworfen. Die Männer leeren nicht nur die Container, sondern sammeln den daneben liegenden stinkenden Abfall, der oft genug offen daliegt, mit ihren Händen auf. Eine Angelegenheit, die für zwei Stopse an zwei Sammelstellen mehr als eine halbe Stunde gedauert hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in Deutschland solche Arbeitsbedingungen geben kann.

Wie ich schon vermutet hatte, war ich keine hundert Meter von der Oper entfernt in das Palermo geraten, was man sich unter Palermo klischeehaft vorstellt.

Welch ein Kontrast zu dem engen Viertel, aus dem ich gerade kam! Ein paar kartensuchende Musikfreunde warteten vor dem Tor auf das Öffnen der Abendkasse. Asiatische Touristen liessen sich von noblen Kutschen durch die Stadt fahren. Auf der Suche nach der Abendkasse war ich am Künstlereingang gelandet und hatte erfahren, dass Frau Devia schon seit einer halben Stunde im Haus sei, was meine Vorfreude wachsen liess.

Einer der alten Kioske auf dem Vorplatz des Massimo.

Das Teatro Massimo war viele Jahre eine Bruchbude und seine Renovierung in den neunziger Jahren galt als Auftakt zu einer neuen Zeit für Palermo und Sizilien, die die mafiosen Strukturen zerstören und eine bessere Zukunft bringen sollte. Das bei der Innenausstattung bewiesene Stilgefühl ist in Italien nicht überraschend. Ich denke allerdings, dass die sicherheitstechnischen Einrichtungen inzwischen schon nicht mehr zeitgemäss sind. In jedem der sechs Ränge sind während der Aufführung jede Menge Feuerwehrleute postiert und manche Gänge werden aus Sicherheitgründen von Metallkonstruktionen abgestützt. Es gibt keinen Aufzug, dafür wunderbar bequeme breite Holztreppen, an deren Ende die Besucher in jedem Rang von den schönsten und schicksten Logenschliesserinnen Europas empfangen werden. Nichts gegen die sehr freundlichen Damen und Herren in der Münchener Heimatoper, aber alleine das Outfit der signorine in Palermo ist einen Besuch wert und ihre gentilezza natürlich nicht weniger.

Bei der Rückfahrt von Palermo nach Catania schlug ich die von Viamichelin veranschlagten zweieinhalb Stunden um eine Stunde, zum einen wegen des geringen Verkehrsaufkommens und zum anderen wegen meines nach einem Tag bereits angepassten Fahrverhaltens: Eine rote Ampel ist immer auch ein bisschen grün, worauf also warten, wenn alle fahren. Und Geschwindigkeitsbeschränkungen gelten nur für die, die lesen können. Vier Provinzen durchfährt man übrigens auf der Strecke – Palermo, Enna, Caltanisetta und Catania.

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  1. Eva permalink
    September 11, 2014 15:17

    Zu Eng auf dem Friedhof in Italien? Die haben da ihre eigenen Häuser da ist genug Platz für die ganze Familie. Im Vergleich zu deutschen Friedhöfen ist es da geräumiger!

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