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Anna Bolena

April 15, 2008

13.April 2008 – Im Teatro Massimo di Palermo herrschte Ausnahmezustand: Nach der Ansage, dass die Aufführung wegen Streik nur mit technischen Einschränkungen erfolgen könne, brach ein Sturm der Entrüstung im Publikum los. Ein Teil verliess empört die Ränge und das Parkett, während der Großteil seiner Verärgerung mit „Buffoni, buffoni“-Schreien Luft machte, was an den Rand zu körperlichen Auseinandersetzungen führte und wiederum einen Teil des inzwischen eingezogenen Orchesters veranlasste, beleidigt den Graben zu verlassen. Nach lautstarkem Gebrüll des Ansagers (ich nehme an, es war der künstlerische Direktor), was das Publikum denn wolle, es sei doch alles da und ohne dem Sovrintendente vorgreifen zu wollen (der natürlich nicht da war), würde das Eintrittsgeld erstattet, aber dann solle man bitte jetzt auch nach Hause gehen. Es dauerte dann doch noch eine ganze Weile, denn die beleidigten Geiger mussten vermutlich einzeln und persönlich gebeten werden, ihren Dienst zu versehen und so kamen sie auch nur vereinzelt und zögernd zurück und auch ein Großteil des Parkettpublikums nahm die aussergewöhnlich bequemen Sitze wieder ein.

Aufgrund der Umstände ist mein Eindruck des Abends natürlich anders als er möglicherweise hätte gewesen sein können, wenn sie normal gewesen wären.

Im ersten Akt schien der Dirigent Marco Guidarini ein Kurorchester zu leiten; der Akt litt allerdings noch unter weiteren störenden Zwischenrufen des Publikums und wie wild um sich fotografierenden Touristen. Die Sänger des Abends gaben ihr Bestes und fanden sich mit den Bedingungen unterschiedlich ab. Giacomo Prestia, als Enrico III nicht nur voluminös und farbenprächtig verkleidet, prunkte auch mit fülligem, sehr beweglichem Bass. Laura Polverelli als Giovanna Seymour flatterten zunächst wohl ein bisschen Nerven und Stimme; im Laufe des Abend schliff sie ihre Stimme und das leichte Tremolo und war die zweite Säule im Sängerfest. Ein interessantes, charakteristisches Timbre hat die Stimme des Tenors Fernando Portari, der die Rolle des Lord Percy sang. Seine Piani sind gefühlvoll, das Legato sehr schön; für die Höhe brauchte er (noch?) etwas zu viel Kraft und kam wahrscheinlich deswegen für meinen Geschmack ein wenig zu kurz beim Schlussapplaus. Mariella Devia beeindruckten die anfänglichen Störungen offenbar wenig. Ich hatte sie zwar nie zuvor gehört, ihre Darbietung schien mir von Beginn an hochklassig. Ihre Stimme ist irdisch, sehr kontrolliert, ohne hörbare Höhenschärfe, direkt. Eine Stimme, die zu einer Frau aus Fleisch und Blut gehört. Ätherisch versimmernde Töne produziert sie nicht, dafür beglückende Piani, traumhaftes Mezzavoce und perfekte, unmanirierte Koloraturen. Ihre Darstellung der zum Tod verurteilten Anna Bolena mit dem schon abgeschnittenen Haar in der langen Wahnsinnsszene des letzten Bildes hat mich bewegt.

Zu Graham Vicks vom Teatro Filarmonico Verona übernommener Inszenierung kann ich nicht so furchtbar viel sagen, da ich nicht weiss, in welchem Ausmass der Abend tatsächlich beeinträchtigt war. Die Bühne bestand aus zwei sich überkreuzenden, metallbeschichteten Bohlen, die etwa kniehoch sind. Die zierliche Mariella Devia hatte sichtliche Mühe, diese Stege ohne Unfall zu überwinden. Hinter dieser Aktionsebene befindet sich ein Graben, an dessen Ufer vor einem gläsernen Palast im ersten Akt rote Blumen blühen, im zweiten Akt passenderweise weisse Lilien. Darüberhinaus gibt es von goldenen und silbernen Pferdestandbildern über lähmende, weil aufgeblähte Ärmel an Jane Seymours Königingewand bis zu umgeworfenen Thronstühlen allerhand Symbolträchtiges zu bestaunen. Kostüme sind historisch nachempfunden, je nach Rolle überzeichnet. Es wird viel geschritten, häufig von links nach rechts. Gesungen wird rampenlastig. Graham Vick äussert sich übrigens im Programmheft zur Inszenierung mit ein paar deutlichen Worten zu den Unterschieden „deutscher“ und „englischer“ Regietradition.

Der Applaus war herzlich, aber keineswegs überschäumend. Strafe für den sträflichen Beginn? Mir hat es trotz allem gefallen und der Abend hat die weite Reise von Catania gelohnt.

PS: Ein Wort noch zum Chor, dessen Leiter wahrlich nicht zu beneiden ist. Statt eines homogenen Klangbildes der Chorstimmen hörte ich eine Art Kirchenchor, bei dem jedes Mitglied sich als Solist darzustellen versuchte. Möglicherweise ein Laienensemble? Dann bestünde ja Hoffnung auf Besserung.

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5 Kommentare leave one →
  1. Olli permalink
    April 16, 2008 00:52

    Klingt so,
    als hättest Du einen recht gelungenen Abenteuerurlaub gehabt! lol

  2. April 16, 2008 16:30

    Ja, es war recht lustig und vor allem nicht der einzige Streik, dem ich begegnet bin, wenn auch der heftigst umstrittene. Bei Oper geht es schliesslich um etwas, das ist nicht so einfach wie Benzinpreise. 😀

  3. Olli permalink
    April 17, 2008 00:07

    lol,
    so ist es und jetzt kannst Du hier gleich mit der Post weitermachen.

  4. Dieter permalink
    August 29, 2008 16:50

    Ein wirklich interessanter Bericht aus der sizilianischen Opernszene. Dort läßt sich das Publikum offensichtlich nicht alles gefallen wie hierzulande.
    Freut mich besonders, daß Dir Mariella Devia so gut gefiel. Sie gilt bei vielen als Königin des Belcanto.
    Wußtest Du, daß sie bereits 60 Jahre alt ist? Erstaunllich, oder?

  5. theodor.adorno permalink
    März 23, 2009 01:48

    Sie ist die Koenigin des Belcanto. Nach her der Sintflut … Es ist wahr, dass ich 60 Jahre alt ist, aber, meiner Meinug nach, wird sie noch lang singen. Gott sei Dank.

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