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Wohin am Ostermontag?

März 25, 2008

Klar doch, BSO, HerzwärmestubeTamerlano

Eigentlich hatte ich geplant, nur bis zur Pause zu bleiben, denn schliesslich muss ich morgen wieder arbeiten, aber dann war’s doch so schön und so gut, dass ich bis zum Ende blieb. Nach der Pause nutzte ich ausserdem die Gelegenheit eines freien Parkett-Sitzplatzes in der sechsten Reihe und konnte so gleich die Aussage des Kritikers der AZ nachprüfen, dass man für den vollen Tamerlano-Inszenierungsgenuss sein Konto für einen Parkettplatz plündern müsse, wenn man mit dem Auge hört, da der Regisseur das Nationaltheater mit den Kammerspielen verwechselt habe.

Nun, man muss nach meiner Ansicht nicht in eine Parkettkarte investieren, denn eine missglückte Inszenierung wird nicht besser, wenn man nahe an der Bühne sitzt. Ich jedenfalls habe keines der ach so essentiellen Details der Personenführung in der sechsten Reihe sehen können, die ich nicht auch im dritten Rang gesehen hätte. Soviel zur Inszenierung. Etwas nachgearbeitet hat man aber seit der Premiere: Ich hatte den Eindruck, Ainsley war beim Singen nicht mehr ganz so gebeugt, war also nicht gezwungen „in den Boden“ zu singen und war ausserdem etwas weiter vorne platziert bei den Arien. Dadurch schluckten die Kulissengänge weniger und seine Stimme kam weit besser rüber als bei der Premiere.

Dem Publikum wird mit Tamerlano eine musikalische Händel-Glücksdroge verabreicht. Der Klangteppich, den das Orchester unter Ivor Bolton entfaltet, ist farbenprächtig und stimmungvoll, niemals langweilig, trotz der vielen Wiederholungen. Bolton dirigierte auch heute wieder häufig lächelnd, ganz entspannt. Ich wünschte ihn mir häufiger am Pult.

Das Sängerensemble ist hochkarätig und homogen. Wie erwähnt, hatte John Mark Ainsley heute keine akustischen Probleme mit der Rolle des Bajazet. Seine Gestaltung dieser Rolle ist das Beste an der Inszenierung. Seine lyrisch leichter Tenorstimme funktionierte mühelos, die Phrasierung gelang gut und bei mir hat er heute insgesamt den stärksten Eindruck hinterlassen. Auch David Daniels Tamerlano klang befreiter als in der Premiere. Grossartig wie eh und je ist er in der Gestaltung seiner Rezitative und vor allem in der Wutarie „Ah, dispetto“, obwohl dank seiner Positionierung auf der Bühne und der Kulissengassen die tieferen Töne seines Koloratur-Feuerwerks nicht bis zur sechsten Reihe drangen (und das Orchester war nicht zu laut!). Vito Priante brillierte heute geradezu bei seinen beiden Arien mit beweglichem Bass. Ihn sollte man sich unbedingt für weitere Aufgaben sichern, denn er hat eine tolle, gut geführte, nicht alltägliche Stimme.

Meine Nummer Eins bei den Damen ist auch beim zweiten Hinhören Mary-Ellen Nesi. Sie ist mit ihrer androgynen Erscheinung die perfekte Sängerin des Andronico, den sie mit warmem klangschönen Mezzo sehr geschmackvoll gestaltet. Maite Beaumont ist eine sehr bestimmt auftretende Irene mit etwas kälterer Stimmnuance, sehr rollendeckend. Bekannt vibratofrei und glockenklar sang Sarah Fox die Asteria, die darüber hinaus mit ihrer Stimme durchaus auch ausdrucksvolle dramatische Farben gestaltete.

Um Händeloper derart mitreissend zu hören, muss man wahrscheinlich sehr lange suchen. Die Bühne dazu hätte man sich sparen können, und dafür gab es auch heute wieder ein paar heftige wohlverdiente Buhs.

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