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Tamerlano: Wunderbare unentdeckte Händel-Welt

März 16, 2008

An der Münchener Staatsoper jagt ein Regie-Highlight das andere. Szenisch unterscheidet die belanglose Tamerlano-Inszenierung von Pierre Audi nicht viel vom Nabucco-Langweiler des Yannis Kokkos: das Personal steht überwiegend singend herum, und zum Bühnenbild ist den Machern nicht viel eingefallen. Für Tamerlano sogar gar nichts. Die Inszenierung ist Pierre Audis dritter Aufguss nach Drottningholm und Amsterdam. Irgendwo habe ich im Vorfeld zur „Premiere“ gelesen, in München würde nun eben zu Händel wieder geschritten. Noch nicht mal das.

Musikalisch sah die Sache glücklicherweise besser aus. Nach langer Zeit mal wieder am Münchner Pult: Ivor Bolton, dem zuzusehen die reine Freude war. Sein Orchester spielt und atmet Händels Musik, Bolton selbst scheint für die Dauer der Oper vollkommen darin aufzugehen. Die Gestik seiner linken Hand ist einfach phantastisch. Das Wechsel- und Zusammenspiel Orchester-Bühne ist kongenial. Es war eine äusserst ausgewogene Vorstellung, bei der ich alle Rollen als gleichwertig empfand.

Richtig vorbereiten konnte ich mich aus Zeitgründen leider nicht auf den Tamerlano, der mir bis vor kurzem sogar ganz unbekannt war. Händels Oper hat eine zwar schlüssige Handlung, dann aber doch ein ungewöhnliches Ende. Neben dem Beziehungsdrama zwischen zwei Paaren gibt es spannende Verhältnisse zwischen Vater und Tochter und zwischen besiegtem Herrscher und Sieger. Dank der dieses Mal ausserordentlich gut lesbaren Übertitel konnte man der Handlung sogar folgen.

Gesungen wurde grandios. David Daniels, Münchens Countertenor vom Dienst, sang die Titelrolle. Ich selbst kann Countertenören nicht allzuviel abgewinnen, deswegen nicht mehr dazu. Seine Koloraturen jedenfalls sind nach wie vor sensationell. John Mark Ainsley gab einen markanten Bajazet, der vor allem in der Sterbeszene durch intensive Darstellung überraschte. Stimmlich fand ich seinen Tenor etwas zu klein. Geradezu euphorisch berichten kann ich von den Damen des Abends: Sarah Fox mit blühendem Sopran als Asteria; Maite Beaumont, die als Irene vom ersten Takt ihres Auftritts für sich einzunehmen wusste; aber vor allem Mary-Ellen Nesi, die mich als Andronico begeisterte. Ihre Arie „Bella Asteria, nur begleitet von Chitarrone, Cello und Cembalo war für mich eines der schönsten Stücke des Abends. Keine Dame, aber nicht zu vergessen, Vito Priante in der Rolle des Leone mit solidem stilsicheren Bass.

Das Buhkonzert am Ende für die Regie war keine Überraschung aber in der Einstimmigkeit und Lautstärke doch unerwartet. Musikalisch war der Abend für mich eine echte Entdeckung, die ich vielleicht noch etwas vertiefen kann.

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