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Keine Frage des Glaubens

Februar 25, 2008

Matthäuspassion 23. Februar 2008

Eine glückliche Fügung führte mich in den Herkulessaal zur Matthäuspassion des Chores des Bayerischen Rundfunks unter seinem Leiter Peter Dijkstra und dem Rundfunk-Symphonieorchester, einer Veranstaltung im Rahmen des Chor-Abonnementes.

Zu Gast war neben den Regensburger Domspatzen ein bunt gemischtes Solistenensemble, mir vollständig unbekannt, selbst die Namen hatte ich noch nie gehört. Mit einer Ausnahme, Maximilian Schmitt, den ich während seiner Zeit im Opernstudio in kleinen Rollen an der Staatsoper erlebt habe, hatte man die Rolle des Evangelisten anvertraut, eine sehr große Aufgabe, wie mir schien. Sie war dennoch nicht zu groß für ihn, denn er machte seine Sache vorzüglich, bediente gleichermaßen seine „neutrale“ Funktion als Erzähler der Passionsgeschichte wie die persönlichen Empfindungen, die der Evangelist bei Bach auch ausdrücken darf. Ein kultivierter Vortrag, schöne Stimme, was will man mehr.

Geradezu eine Entdeckung war sein Tenorkollege Steve Davislim aus Australien, der seine Partie mit Hingebung, dabei völlig mühelos und mit einem wunderbaren Timbre gesungen hat.

Glanzstück in der Runde der männlichen Solisten war Yorck Felix Speer, Bass und Sänger des Pilatus. Man hatte den Eindruck, der Gesang strömt einfach so aus ihm heraus. Gegen diese Klasse-Leistung blieb Detlef Roth als Jesus etwas zu farblos (der immerhin in dieser Saison in Bayreuth Amfortas singen soll!).

Lenneke Ruiten (Sopran) und Wilke te Brummelstroete (Alt) konnten leider bei den sehr guten Leistungen ihrer männlichen Kollegen nicht ganz mithalten.

Zum Glück gab es aber noch andere Mitwirkende. Die innige und virtuose Begleitung der Solovioline beispielsweise hob die Qualität des Vortrages des „Erbarme dich“ der Mezzosopranistin deutlich. Der orchestrale Part wurde, wie von Bach vorgesehen, durch zwei Orchester des Symphonieorchesters bestritten, ergänzt durch Englischhörner und die speziellen Oboen, deren Klang ich so liebe, Gambe, Laute und Orgel. Ich nehme an, Peter Dijkstra hatte eine schmucklose, direkte Interpretation der Matthäuspassion im Sinn, etwas das ich für mich „protestantisch“ nenne, obwohl der Ausdruck vollkommen daneben ist, ich weiss. Keine schlechte Idee im barocken Bayern. Ich will die Interpretation nicht „trocken“ nennen, denn das war sie nicht. Vielleicht geht auch die Auswahl der Solisten auf diese Intention zurück.

Die „emotionale Last“ des Abend trug der Chor. Auch hier tut es Bach nicht unter einem Doppelchor, dazu die Regensburger Domspatzen, die als Überchor im ersten Teil fungieren. Die Bedeutung des Chores in der Matthäuspassion ist groß, denn ihm fallen mehrere Rollen zu. Sie antworten dem Evangelisten als Jesu‘ Jünger, später sind sie der Mob auf der Strasse, der exstatisch entfesselt „Laß ihn kreuzigen“ schreit, also teilnimmt und Mitschuld hat an dem Geschehen. Mit großer Falschheit verhöhnen sie Jesus als Verführer und Lügner. Auf der anderen Seite stehen warmherzige oder auch beklemmende Klagegesänge und die Choräle, die durch ihre Verwendung in den Kirchen Allgemeingut geworden sind.

Die Ausdrucksfähigkeit des Chores des Bayerischen Rundfunks zu beschreiben ist für einen Laien nicht ganz einfach. Ich suchte ein Hör-Beispiel dafür im Netz, war aber ganz erfolglos und versuche mich nun doch verbal am Beispiel dieses bekannten Chorals:

O Haupt voll Blut und Wunden,
Voll Schmerz und voller Hohn,
O Haupt, zu Spott gebunden
Mit einer Dornenkron,
O Haupt, sonst schön gezieret
Mit höchster Ehr und Zier,
Jetzt aber hoch schimpfieret,
Gegrüßet seist du mir!

Du edles Angesichte,
Dafür sonst schrickt und scheut
Das große Weltgerichte,
Wie bist du so bespeit;
Wie bist du so erbleichet!
Wer hat dein Augenlicht,
Dem sonst kein Licht nicht gleichet,
So schändlich zugericht‘?

Nach dem betörend gesungenen ersten Vers ist keine Steigerung möglich, dachte ich. Doch dann sangen sie mit einem Ausdruck weiter, der unbeschreiblich ist, so als stünden sie entgeistert dem bespeiten Jesus gegenüber. Kann man „mit voller Kraft“ pianissimo singen? Ich kann’s nicht beschreiben, deshalb lasse ich es. Es war Superklasse.

Das Konzert hat nicht nur mich beeindruckt; geradezu andächtig verharrte das Publikum einige lange Sekunden ehe der Applaus einsetzte.

Die Aufführung wurde aufgezeichnet und wird am 9. März um 19 Uhr in Bayern 4 gesendet, ein Tag, der ganz der Musik Bachs gewidmet sein wird.

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