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Adieu Ariodante

Januar 22, 2008

ginevra_akt1.jpg Zur Aufführung am 16.Jan. 2008 im Nationaltheater Foto von der Homepage der BSO

Als einfache Besucherin ohne Freikarten-Gesicht muss ich weder lavieren wie ein Zeitungsmensch, muss keine Rücksicht nehmen auf Animositäten der Pressestelle oder sonstiger Chargen der Staatsoper, noch muss ich milde Töne anschlagen wie der von mir sonst sehr geschätzte Robert Braunmüller (AZ 17.1.08)

Nicht jede Staatsopern-Inszenierung verdient eine Träne des Abschieds: Aber gestern war auch die letzte Vorstellung von „Ariodante“. Die vielgerühmte Münchner Händel- Renaissance ist damit vollständig entsorgt. Erst im März folgt ein neuer „Tamerlano“. Von 15 Produktionen David Aldens sind im Jahr zwei Sir Peter nur noch „Tannhäuser“ und „La Calisto“ übrig geblieben. Der künftige Intendant Klaus Bachler macht reinen Tisch mit der Ära Jonas. Direktoriums-Mitglied Ulrike Hessler sieht das anders. „Für jede neue Inszenierungmuss eine alte aus dem Spielplan genommen werden.“

Auch Egbert Tholl hätte ruhig eine Nuance deutlicher werden können. Er fängt zwar stark an (SZ 18.1.2008),

Das letzte Mammut verlässt die Bayerische Staatsoper. Nach viereinhalb Stunden will sich das Publikum nicht von „Ariodante“ trennen, spendet 15 Minuten Applaus. Die Darsteller lachen, sind gerührt. Jetzt ist keine Händel-Produktion der Ära Jonas an der Bayerischen Staatsoper mehr übrig. Jene Zeit hat das Münchner Publikum umgekrempelt, Händel wurde zum Markenzeichen und zum coolen Erfolgskomponisten in München. Im März kommt Händels „Tamerlano“ in einer Neuinszenierung heraus; aber musste man wirklich alle alten Produktionen wegschmeißen?

zieht aber am Ende doch den Schwanz ein:

Schade, aber irgendwann muss es wohl vorbei sein.

Zunächst aber zur Aufführung. Man kann nicht sagen, dass diese Aufführungsserie unter einem sonderlich guten Stern stand. Bei den beiden ersten Vorstellungen fehlte Vesselina Kasarova wegen des Noro-Virus, dann fiel Rebecca Evans, die fantastische Ginevra der Aufführung am 6.1., wegen eines häuslichen Krankheitsfalles aus. Olga Pasychnik war die letzte Absagerin wegen Krankheit – die Abendspielleiterin Bettina Göschl hatte jedenfalls am Ende der Aufführungsserie fast alle Hauptrollen durch, die sie für die jeweilige aus dem Graben agierende Einspringerin darstellen musste. Ich denke, das war eine große Herausforderung für alle Beteiligten.

Am letzten Abend sang Vesselina Kasarova den Ariodante und wie in allen ihren Rollen hat sie sich ihre ganz eigene Interpretation zurechtgelegt. Das fängt an bei den Koloraturen des verliebten jungen Ariodante, der von keinerlei Zweifel getrübt, sich Freude und Lust aus dem Herzen singt. Sie sind möglicherweise anders als erwartet, denn Vesselina Kasarova nimmt sich Freiheit bei der Gestaltung, singt kunstvolle Verzierungen und Ornamente, häufig staccatoartig und setzt sich mitunter auch über die musikalische Linie hinweg. Die Ausdrucksfähigkeit ihrer Stimme und ihre darstellerischen Möglichkeiten ergeben einen Eindruck, der einen einfach hinschmelzen lässt. Umso mehr trifft das für den zweiten Akt zu, wenn Ariodante voller Verzweiflung Abschied nimmt vom Leben, und die Stimme der Sängerin den Zuhörer einbezieht in die Emotion; das liess auch mich nicht unberührt.

Joan Rodgers sang kongenial ihre Ginevra, mit einem etwas schwereren Sopran, was mich zunächst bei der püppchenhaft angelegten Prinzessin leicht störte. Sie füllte allerdings die Rolle, vor allem bei der Verleumdung durch den Vater (Morte dove sei tu) und der Darstellung ihrer Gefangenschaft, derart mit Leben und Emotion und wunderbarer Stimme, dass ich gleich mehrmals zum Taschentuch greifen musste.

Marta Vandoni Iorio wurde aus Mailand eingeflogen, um als Dalinda einzuspringen. Sie sang aus dem Orchestergraben mit nicht allzugroßer aber sehr schöner Stimme, brachte allerdings es eine fabelhafte Leistung.

Der König, dargestellt und prächtig gesungen von Vito Priante, Paul Nilon als Lurciano, Sonia Prina mit boshaften Koloraturen in der für sie etwas undankbaren Rolle des Polinesso, Kenneth Roberson als Odoardo – ein eingespieltes Team, das Ariodante am Tag seiner Absetzung so ernst nahm wie bei der Premiere. Nicht zu vergessen die vielen grandiosen Tänzer, den Chor und die Statisten, die uns aufregende Opernabende geschenkt haben.

Das Staatsorchester unter dem Dirigenten Christopher Moulds gefiel mir sogar noch besser als bei meinem ersten Besuch. Wie ein Schmetterling von Blüte zu Blüte flogen die Instrumente über Händels Musik im ersten Teil, alles war sehr transparent und dennoch im Verlauf des Abends nicht ohne Tiefe und Ernst.

Alles dahin.

Der Opernbesucher an sich ist kein Rebell, behaupte ich mal. Im Vorfeld war kurz angedacht, gegen die Absetzung dieser Produktion in angemessener Form während der Vorstellung zu protestieren. Leider kam der Einfall zu spät, um eine vernünftige Organisation auf die Beine zu stellen. Auch war gerade dieser letzte Abend nicht sehr gut geeignet für eine Aktion, da es sich um eine Abonnementaufführung handelte und man sich allgemeiner Unterstützung bei einer spontanen Aktion nicht sicher sein konnte, denn viele Besucher waren nach dem langen Abend schon sehr müde. So blieb es bei einem für München aussergewöhnlich langen Applaus vom gesamten Auditorium, den die Künstler fast erstaunt ob der Heftigkeit entgegen nahmen.

Ich halte das „Ausradieren“ fast sämtlicher Barockoper-Inszenierungen der Ära Jonas für ein Armutszeugnis für den Intendanten im Wartestand Klaus Bachler, der möglicherweise vor seinem offiziellen Antritt bereits mehr Inszenierungen hat stillegen lassen als es ihm vergönnt sein wird in München zu verwirklichen. In Abwandlung der Bemerkung von Frau Dr. Hessler gegenüber der AZ über die Haltbarkeit von Inszenierungen: Auch die künstlerische Haltbarkeit von Intendanten ist begrenzt. Warum auch nicht?

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2 Kommentare leave one →
  1. Christian permalink
    Februar 11, 2008 18:16

    Sehr geehrter Schreiber sehr geehrte Schreiberin,

    ich kann Ihren Worten uneingeschränkt zustimmen.

    Ich habe alle vier Vorstellungen dieser Wiederaufnahme mit größter begeisterung besucht, da ich behaupten kann, dass diese Inszenierung zu den wohl besten in den letzten Jahren an der Bayerischen Staatsoper gehörte (leider in der Vergangenheit).

    Und diese absolute Neubesetzung wurde genau durch die fast einzig Verbliebene aus der Premierenbesetzung komplettiert und somit zur beinahen Perfektion gebracht: Joan Rodgers als Ginevra.

    Bei dieser Aufführung passt einfach alles. Händel komponierte mit diesem ARIODANTE wohl sein schönstes Musikstück und mit der Verzweiflungsarie des Ariodantes wohl eines der glanzvollsten Musikstücke überhaupt. Das Libretto mit seiner Geschichte ist spannend und anrührend – Menschen leben.

    Die Regie, das Bühnenbiild, die Kostüme und das Licht: fulminant, schlüssig und David Alden schafft es hier ganz besonders, den Sängern Bilder und Umgebungen zu schaffen,um den Arien die vollkommene Entfaltung zu geben.

    Und was wäre eine Entfaltung ohne dieses grandiose Sänger-Ensemble. Ohne die anderen minder zu schätzen möchte ich hier nur auf zwei eingehen. Sonia Prina als Polinesso hat es wahrlich nicht leicht. Ihr Vorgänger Christopher Robson war männlich und hat sich diese Partie einverleibt. Frau Prina nimmt sich dieser Rolle perfekt an und überzeugt darstellerisch auf höchstem Niveau. Ihre Stimme klingt nicht klassisch schön, aber reisst einen fast vom Sessel. Nicht nur die Koloraturen sind atemraubend, sondern auch in den leisen Tönen ist sie überragend. Frau Rodgers zeigt in „Il mio crudel martoro“ ihr ganzes Können und sie schafft es das komplette Opernhaus mit den leisesten Tönen zu füllen und das Publikum in Erstaunen zu versetzen und zum absoluten Innehalten zu bewegen.

    Zwei Sängerinnen und Vesselina Kasarova!

    Sie als Sängerin zu bezeichnen ist fast untertrieben. Es gibt wohl keine bessere Künstlerin in diesem Metier als sie. Mir fehlen die Worte, zu beschreiben, was sie auf der Bühne darstellt. Es grenzt an überirdische Perfektion, sie gestaltet die Arien stimmlich zum absoluten ereignis und sie lebt – sie lebt in ihrer Rolle. Unbeschreiblich!

    Leider muss man ausweichen, wenn man den Ariodante wieder sehen will. Irgendeinen – dieser verschwindet vom Spielplan, bleibt aber in seiner Sonderstellung im Ohr in den Augen und vor allem im Herzen.

    Ich danke der Staatsoper allen Mitwirkenden für diesen Ariodante.

  2. Februar 14, 2008 14:21

    🙂 Diesen schönen Kommentar habe ich gerade noch vor dem Akismet-Spamfilter retten können (wahrscheinlich wegen der Länge). Es wäre wirklich schade darum gewesen. 🙂
    Den Händelfreunden bleibt die Vorfreude auf Tamerlano, obwohl man sich von Audi nicht allzuviel erhoffen darf/sollte.

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