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Der Freischütz

Dezember 25, 2007

Aus dem Programmheft der Bayerischen Staatsoper:

    Von Musik verstehen im ganzen
    die Norddeutschen nicht viel /
    Etwas höheres als den Freischütz
    bringen sie nicht hervor

Franz Grillparzer in Beethovens Konversationsheft, Ende Juli 1823

Das Programmheft der BSO zur Inszenierung von Webers Freischütz bietet eine Fülle zum Lesen. Von Erklärungsversuchen des deutschen Walds, der Natur, Romantik und deutscher Nation über allerhand Mystisches bis zur Beschreibung des Übergangs von der Wiener Klassik zur Romantik in der Musik und die damit verbundenen orchestralen Umgestaltungen und der Erklärung der Bedeutung des Freischütz als „Nationaloper“. Wirklich interessant und sicher auch lehrreich, aber nicht lebenswichtig, wenn das erste Zusammentreffen mit Oper überhaupt der Freischütz war, der mich immer begleitet hat, ohne dass ich jemals gross über all diese Dinge nachgedacht hätte.

Meine Vorfreude war gross und meine Erwartung hoch, vor allem natürlich an die Sänger. Ich hörte Klaus Florian Vogt als herrlichen Max. Da sitzt alles und alles klingt gesund und natürlich. Die Töne strömen so leicht aus ihm, als würde er seine Tage mit dem Absingen volksliedhafter Arien verbringen, die natürlich weder volksliedhaft noch leicht zu singen sind. Ich bin schwer begeistert. Ich habe ihn ja schon ein paar Mal hören können, als Erik und auch in der Chowanschtschina. Erst bei der mir so vertrauten Partie des Max ist mir so richtig aufgegangen, wie aussergewöhnlich schön timbriert die Stimme ist.
Sehr angetan war ich heute auch von Martin Gantner, der als Fürst Ottokar auftrat. Albert Dohmen als Kaspar hingegen hatte offenbar Intonationsprobleme und blieb auch darstellerisch farblos. Was der in der Wolfsschlucht trieb, blieb in jeder Hinsicht im Dunkeln, wobei er dafür nur für den vokalen Teil verantwortlich ist, der Rest geht auf das Konto des Regisseurs. Alfred Kuhn gefällt mir allen Rollen, die er singt. Heute war es Kuno. Imponierend auch der klangschöne Bass Steven Humes in der Rolle des Eremiten.

Anja Harteros lieferte auch als Agathe eine schon gewohnt überzeugende Leistung ab. Ihre Höhe ist energisch und blühend, trotzdem kann sie die lyrischen Momente beseelt gestalten. Vielleicht habe ich in den letzten Tagen zu viele Referenzaufnahmen gehört, denn als Agathe fand ich sie nicht ganz so toll wie in den meisten Rollen, in denen ich sie bisher gesehen und gehört habe. Da wurde doch mancher Ton „angesteuert“, weil er nicht gleich sass, was aber nicht der Hauptgrund für meine Zurückhaltung ist. Ihre Agathe ist zu erwachsen, zumindest glaube ich das. Das äussert sich natürlich auch im stimmlichen Zugriff und so fehlte mir ein bisschen „das Reine“ an der Agathe. Das ist nur so ein Gedanke von mir. Vielleicht lag es auch etwas an ihrer Tagesform. Oder mal wieder an meiner. Trotzdem ist Anja Harteros‘ Gesang und ihre Darstellkunst immer ein Erlebnis. Ein Erlebnis war auch Aga Mikolaj in der Rolle des Ännchens, die sie frisch und schön sang.

Paolo Carignani dirigierte das glänzend aufgelegte, inspiriert spielende Orchester, dem die „deutschen Wochen“ vor Weihnachten offensichtlich gut getan haben. Mit dem Chor darf gearbeitet werden, da wackelt in letzter Zeit ein bisschen arg viel. So auch heute zu Beginn.

Der Freischütz ist nicht übertitelt (ist ja auch eine deutsche Oper). Wer ihn nicht kennt, versteht zwar die Sprechpassagen, von dem Gesungenen allerdings fast kein Wort soweit es sich um Ensembles handelt. Auch hier darf man sich Beispiele nehmen, beispielsweise an ausländischen Wagner-Sängern.

Samiel in dieser heute erstmals besuchten, stinklangweiligen Inszenierung, zu der weder Regisseur noch Bühnenbildner etwas eingefallen ist, war der stimmgewaltige und grausige Jörg Hube, unverkennbar trotz des blauen Gesichts.

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