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„Königskinder“ am 19.12.2007 Bayerische Staatsoper

Dezember 21, 2007

Ganz verzichten möchte ich nicht auf eine Würdigung der „Königskinder“, obwohl mich im Grunde nichts dafür qualifiziert. Ich kannte die Oper bisher nur dem Namen nach und wollte sie besuchen, seit sie 2005 in München von Andreas Homoki neu inszeniert worden ist. Schon der Titel und der Name des Komponisten verweisen auf eine Märchenoper, was sie auch ist. Allerdings ist sie gänzlich anderen Kalibers als „Hänsel und Gretel“ und keinesfalls eine Oper für Kinder. Nun folgen „Hänsel und Gretel“ im Dezember-Spielplan der BSO auf die „Königskinder“, beide von Engelbert Humperdinck und beide unterschiedlicher, wie sie nicht sein könnten.

Der Stoff für „Königskinder“ ergibt sich nicht aus einer überlieferten Märchen-Erzähltradition sondern ist hervorgegangen aus einem Märchendrama der deutschen Dichterin Elsa Bernstein, das als von Humperdinck musikalisch bearbeitetes Melodram 1897 in München uraufgeführt wurde. Daraus entwickelte er die Oper, deren Uraufführung 1910 an der Metropolitan Opera stattfand.

Am Stoff der Königskinder ist nichts märchenhaft im geläufigen Sinn. Drei Akte bilden viele mögliche Facetten menschlichen Verhaltens ab. Der Stoff umfasst daneben den Gang des Lebens, vom Idealismus und den Idealen der Kindheit und Jugend, über die kalte materialistische Welt der Erwachsenengesellschaft hin zu Alter und Verfall und schliesslich zum unausweichlichen Ende – im Stück zum tragischen Ende. Einer der Hauptakteure ist der Spielmann, eine Art Zeremonienmeister, der die Königskinder durch das Leben führt. Königskinder sind Königssohn und Gänsemagd, die sich nur annähern und lieben können, weil beide sich von ihren angeborenen oder anerzogenen traditionellen Verhaltensweisen entfernen. Der Königssohn hat verstanden, dass königliche Gesinnung ihm nicht in die Wiege gelegt wurde und er sich das König-Sein verdienen muss. Die Abstammung der Gänsemagd von Henkersknecht und Mörderin und als Schutzbefohlene einer Hexe prädestiniert sie dagegen geradezu für das Amt der zukünftigen Königin. Die Hexe oder Waldfrau, bei der die Gänsemagd aufwächst verkörpert das Böse, aber nicht nur das. Sie ist auch Beschützerin des Mädchens vor dem raff- und machtgierigen Hellastädter Volk ausserhalb des Waldes. Nur die Hallstädter Kinder haben die Gabe, König und Königin zu erkennen. Festhalten können sie die beiden aber nicht und so nimmt das traurige Schicksal seinen Lauf.

Da ich zu spät kam musste ich mir den ersten Akt leider von einer der Engelslogen aus ansehen. Wegen der schlechten Sicht von dort möchte ich zur Inszenierung nichts sagen. Da der zweite Akt der dramaturgisch „schwächste“ der Oper sein soll, fehlt mir auch ein bisschen ein Gesamteindruck.

Die Gänsemagd wurde gesungen von Juliane Banse, die das verspielte Gänsemädchen im ersten Akt reizend darstellte und deren alte kranke Frau im letzten Akt nicht nur mich mit den Tränen kämpfen liess. Ihre Stimme hat ein wunderbar warmes, rundes Timbre und hat mich begeistert. Den Königssohn sang Robert Gambill. Darstellerisch war er glänzend. Stimmlich sind bei ihm ein paar Abstriche zu machen. Wenn man das weiss, war die Leistung sehr in Ordnung, und er hatte einen ausserordentlich guten Abend. Die geschmackvolle Darstellung des Spielmanns von Roman Trekel gefiel mir in jeder Hinsicht. Nachhaltig war der Klang seiner Stimme aus dem Bühnenhintergrund im dritten Akt. Sehr gut der Holzhacker-Müllmann von Christoph Stephinger und der Besenbinder-Handlungsreisende von Ulrich Reß. Catherine Wyn-Rogers Hexe kann ich nicht beurteilen, denn sie tritt nur im ersten Akt auf. Das Besenbinder-Kind sang Elif Aytekin, aus dem Opernstudio.

Am meisten überraschte mich allerding Humperdincks Komposition, vor allem die kunstvolle Orchestrierung. Was da zu hören ist an Melodien, an Kostbarkeiten für einzelne Instrumentengruppen, himmlische Geigensoli eingebettet in durchkomponierte große instrumentale Bögen, hat mich einfach überwältigt. Das ist eigenständige, einzigartige, unverwechselbare Musik und keineswegs Richard-Wagner-Verschnitt. Obwohl jeder Akt für sich abgeschlossen und einen eigenen Charakter besitzt, verstärkt und vereinigt sich das musikalische Erlebnis im dritten Akt, der als Handlung wie auch musikalisch fesselt und berührt. Das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Thomas Rösner hatte einen glänzenden Tag. Trotz Grossbesetzung an den Pulten war zu hören, was im lauten Repertoire-Alltag allzu oft nicht zu hören ist, die Dynamik der einzelnen Stimmen, laut und leise dort, wo es hingehört. Herrlich. Ein großer Tag für das Orchester, das entsprechend gefeiert wurde und das die Ovationen auch sichtlich genoss.

Einen musikalischen Eindruck bieten Opern-TV, Video und Audioausschnitte auf der Seite der Bayerischen Staatsoper, besonders zu empfehlen der Audio-Trailer mit Roman Trekel als Spielmann vom Beginn des dritten Aktes.

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