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Eugen Onegin zum Zweiten

November 13, 2007

Da ich auch in russischer Musik und speziell in russischen Opern nicht gerade gut bewandert bin, habe ich Eugen Onegin wie geplant heute nochmals besucht, unter dem Aspekt, dass uns das russische Repertoire in Zukunft schwerpunktmässig beschäftigen wird. Meine Aufmerksamkeit galt heute vor allem dem Orchester und seinem Dirigenten, mit denen so manche Premieren-Rezensenten nicht gerade freundlich umgegangen sind.

Es ist sehr aufschlussreich, den „kalifornischen Kühlschrank“, wie Christa Sigg von der Abendzeitung Kent Nagano im Zusammenhang mit der Tristan-Interpretation nannte, bei der Arbeit zu beobachten. Wer Leidenschaft, Wärme, Schwung, jedwelche Emotion in der Musik vermeintlich nicht zu hören glaubt, sollte nur mal hinsehen, mit welcher Eindringlichkeit Kent Nagano die musikalischen Schlüsselmomente aufbaut und abschliesst, wie sehr er die Musik fliessen lassen möchte, was heute überwiegend gelang. Wenn man beobachtet, wie er den Chor, der bei der Premiere nicht gut wegkam, förmlich mit einer Bewegung umarmt, wenn man sieht, wie der (auch heute wieder) anfangs etwas schwächere Lenski (Ch. Strehl) ermutigt wird und ihm die Töne buchstäblich in den Mund gelegt werden, dann ist es einfach unfair, einem Dirigenten die Fähigkeit zur musikalischen Darstellung von Emotionen abzusprechen.

Dieser Eugen Onegin hat musikalisch alles, was er braucht. Die Ballszene (angeblich „verschenkt“), die Briefszene („verschenkt“), die Polonaise (versaut durch das Schwulenbalett), die beklemmenden und bewegenden Szenen danach zwischen Eugen und Tatjana und Gremin und Tatjana sind sehr fein, aber völlig schmalzfrei herausgearbeitet. Ich fand meinen guten Eindruck vom ersten Besuch mehr als bestätigt, umso mehr, als heute auch für meine Ohren besser gesungen wurde.

Michael Volle ist ein Kraftprotz als Onegin, der die Rolle mühelos ausfüllt. Seine Stimme ist groß und klangschön; sie folgt allen Stimmungslagen. Auch Olga Guryakowa als Tatjana gefiel mir heute wesentlich besser als in der Premiere (sie spielt auch sehr gut), obwohl ich persönlich mit ihrem Timbre nicht viel anfangen kann. Das gilt gleichermassen für Iris Vermillion, die ein gluckig skurilles, witziges Bild der Larina zeichnet sowie für Elina Maximowa als schrille Olga und die Filipjewna von Elena Zilio. Ich habe mir überlegt, woran das liegen könnte, denn die drei Damen sind großartige Sängerinnen und die Stimmlagen von Mezzo bis Alt sind mir sogar sehr sympathisch. Schlussendlich kam ich zum Ergebnis, dass es wohl die russische Sprache sein muss, welche die Frauenstimmen beeinflusst. Dem Phänomen werde ich noch nachgehen.
Gremin und der Sekundant wurden heute nicht von demselben Sänger gesungen, sondern Kevin Conners sang den Sekundanten und den Gremin sang Arutjun Kotchinian als Einspringer, typisch russisch und balsamisch schön.
Über die Besetzung des Lenski mit Christoph Strehl kann man diskutieren, ich habe mich in der Pause mit einigen Besuchern darüber unterhalten. Eine Dame sagte: Warum hat man den „tollen Polen“ nicht genommen?! Warum man Piotr Bezcala den Lenski nicht angeboten hat, hatte ich mich nach der Premiere tatsächlich auch schon gefragt. Heute glaube ich allerdings, dass er aufgrund seiner Erscheinung vermutlich nicht in das Rollenbild des Regisseurs gepasst hätte, und das tut Strehl nun mal perfekt. Gesungen hat er heute dann auch noch vorzüglich.

Bei meinen Recherchen zur Interpretation der Rolle des Lenski stolperte ich über diese Aufnahme der Arie aus dem 2. Akt (Kuda, kuda) durch Fritz Wunderlich, die zwar in deutscher Sprache ist und ohne Szene, die aber ohne weitere Erklärung verdeutlicht, worum es geht.

So einfach kann Singen sein. Ein Wunder!

Auch zur Inszenierung muss ich noch einen Satz verlieren. Meine Erkenntnis von heute ist, dass die Polonaise die dichteste Szene im ganzen Stück ist. Es ist die Schlüsselszene, in welcher der erstarrte Onegin sein ganzes, im konventionellen Sinne misslungenes Dasein nacherlebt oder auch vorausschaut, und das wird durch die galoppierenden Cowboys wie auch später durch die Tunten drastisch dargestellt. Für die gemeine Feuilleton-Schwuchtel ist das aber wohl zu heavy. Auch heute gab es übrigens wieder einige Buhs an dieser Stelle, offenbar hat man in München an dieser Stelle zu buhen, schliesslich stand es so in der Zeitung.

Dieser Onegin hat noch mehr Gutes: Er bringt Menschen zusammen. Noch nie habe ich so viele Leute getroffen, die in der Pause und auch nach der Aufführung das Gespräch gesucht haben. Das setzte sich fort bis in die S-Bahn. Empörung oder Ablehnung habe ich dabei nicht angetroffen. Einig waren sich fast alle, mit denen ich Kontakt hatte: Man sollte sich die Aufführung ein zweites Mal ansehen.

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3 Kommentare leave one →
  1. klaus winkler permalink
    November 15, 2007 08:22

    Helmut Kohl sagte einmal „entscheidend ist, was hinten dabei rauskommt“. In diesem Fall kommt es nicht darauf an, wie der Dirigent beim eindringlichen Auf- und Abbau der Schlüsselszenen gestikuliert, herumfummelt, sondern was zu hören ist. Und in der ONEGIN-Premiere war es gefühllos, technokratisch, langweilig

  2. November 15, 2007 15:59

    Sehr geehrter Herr Winkler, das Kohl-Wort ist mir wohl bekannt, dennoch ist das, was vorne reingegeben wird, auch nicht ganz unmassgeblich. Und was den einen langweilt, kann einen anderen entzücken. Was soll’s. Ist nicht Platz für unterschiedliche Empfindungen? In diesem Sinne freundliche Grüße, rossignol.

  3. Olli permalink
    November 16, 2007 14:17

    Wunderlich ist göttlich,
    aber der „tolle Pole“ dürfte als Lenski derzeit wohl
    allererste Sahne sein, wie hier zu hören ist.
    http://www.beczala.com/av.htm

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