Skip to content

Eugen Onegin zum Ersten

November 1, 2007

Das war sie nun, die lange erwartete erste Saison-Neuinszenierung an der Bayerischen Staatsoper, Eugen Onegin. Erstaunlich, dass in einer Stadt wie München der Tanz um ein Doppelbett einen Buhsturm in laufender Szene entfesseln kann, wie ihn das Haus lange nicht gehört hat. Erstaunlich auch, wie zuverlässig der vorhergesagte kollektive Aufschrei aus den Rängen erfolgte. Obwohl ich annahm, dass sich die Ablehnung in Grenzen halten würde angesichts der vielen, in vorauseilender Entrüstung angebotenen Premierenkarten vor den Portalen der Oper.

Selbst schuld, wer sich Eugen Onegin entgehen liess. Ich zumindest fand mich bis zur Pause sehr gut zurecht. Ich finde die Geschichte trotz Verlegung von Schauplatz und Zeit in die USA Ende der 60er Jahre spannend und interessant erzählt. Ob der Kernpunkt dieser Inszenierung, die homoerotische Spannung zwischen Onegin und Lenski und das sich daraus ergebende Drama, „richtig“ im Sinne des Librettos ist, kann ich nicht beurteilen. Im Sinn der erzählten Geschichte finde ich ihn schlüssig. Nach der Pause, die nach der Ballszene und der Herausforderung zum Duell stattfindet, wendet sich der Betrachtungsstandpunkt und das Geschehen findet, zumindest habe ich es so verstanden, in Onegins Gedankenwelt statt, eine Rückschau auf das, was er getan und erlebt hat. So eingeordnet verstand ich auch das Ballett der Cowboys, das andere Besucher als Schwulenballett bezeichnen, und das den Buhsturm auf offener Bühne provozierte. Ungerechtfertigt, wie ich finde. Die Aufnahme durch das Publikum war auch durchaus geteilt.

Mit der besagten Polonaise hatte der polnische Regisseur Krzysztof Warlikowski allerdings sein Pulver verschossen. Ich fand den Schluss ein bisschen langweilig, unlogisch und nicht gut herausgearbeitet. Das mag daran liegen, dass leider nur unterirdisch gesungen und das dramatische Geschehen auf der Bühne durch den stimmlichen Ausdruck wenig bis gar nicht unterstützt wurde. Das gilt für fast alle Positionen. Als Beispiel mag dienen, dass ausgerechnet das Ständchen des Monsieur Triquet (Guy de Mey) auf mich den größten Eindruck machte.

Gesamtleitungsmässig darf gerne noch etwas gearbeitet werden. Da wackelte doch manches bei den Einsätzen und auch beim Chor, was sich bestimmt bei den nächsten Aufführungen einspielen wird. Kent Nagano kam daher ebenfalls in den Genuss einiger Buhs. Allerdings hörte ich auch hinreissende Stellen, von den Streichern beispielsweise.

Alles in allem kein großer Wurf, aber durchaus sehenswert. Ich werde mir die Sache in Kürze auch noch mal antun. Leider hat mein Programmheft, das ich kurz vor einem Garderobenspiegel im dritten Rang abgelegt hatte, einen Liebhaber gefunden, so dass meine Notizen, die ich mir in der Pause gemacht hatte, futsch sind. Ist aber vielleicht auch gut so.

PS: Die Buhs kamen vor allem von den Stehplätzen der Galerie und den seitlichen Stehplätzen im dritten Rang. Ich bezweifele, dass diese Buher volle Sicht auf die Bühne hatten und sehen konnten, was im Bühnenhintergrund geschah. Daran dachte ich, als mir gerade einfiel, dass ich auf dem Weg zur S-Bahn eine Besuchergruppe gehört habe, von der einige glaubten,von ihren Plätzen den „besten Teil der Inszenierung“ nicht gesehen zu haben, nämlich als die „Cowboys“ kurz vor der Polonaise im Bühnenhintergrund eine Gummipuppe knutschten.

Advertisements
No comments yet

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: