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Ein gutes Haus?

Oktober 15, 2007

Saisonauftakt-Premiere am Gärtnerplatztheater „Die Hochzeit des Figaro“

Mehr zufällig verschlug es mich gestern abend an den Gärtnerplatz und überraschend konnte ich quasi in letzter Minute eine Stehplatzkarte erwerben. „Früher mal ein gutes Haus“, hatte ich im Merkur ein Zitat des Regisseurs Alfred Kirchner gelesen. Ob er es ganz ernst meinte, vermag ich nicht zu beurteilen. Ein bisschen heruntergewirtschaftet scheint des Theater zu sein: Alle Leute, mit denen ich gesprochen habe, sassen auf geschenkten Plätzen. Selbst beim käuflichen Erwerb meiner Stehplatzkarte drängte sich ein Freikartengesicht vor, um kostenlose Tickets abzuholen. Und trotzdem blieben etliche sehr gute Plätze leer (haben ja vermutlich nichts gekostet), so dass ich nach der Pause von meinem Stehplatz auf einen spitzenmässigen Mitte-Platz im 2. Rang umsiedeln konnte und damit auch volle Sicht auf die Bühne hatte.

Am Gärtnerplatz wird traditionell in deutscher Sprache gesungen. Man hat zwar hörbar bei der Einstudierung großen Wert auf die Texte der Rezitative gelegt und auch eine moderne Bearbeitung des deutschen Librettos verwendet, dennoch ist die deutsche Sprache für meine Ohren bei Mozarts Figaro etwas störend, bei der Arie der Gräfin im 3. Akt beispielsweise, wo das italienische „Dove sono i bei momenti“ wunderbar über der Musik liegt und die deutschen Zischlaute einfach suboptimal sind. Nichtsdestoweniger wurde gestern abend auf fast allen Positionen ganz fabelhaft gesungen, die Ensembles waren sehr ausgewogen und die Solonummern durchweg gelungen.

Unter der musikalischen Leitung von Chefdirigent David Stahl sangen mir ausschliesslich unbekannte Sänger:
Graf Almaviva: Julian Kumpusch
Gräfin Almaviva: Sandra Moon
Susanna: Christina Gerstberger
Figaro: Stefan Sevenich
Cherubino: Sybille Specht
Marcellina: Snejinka Avramova
Basilio: Florian Simson
Dr. Bartolo: Johannes Wiedecke
Don Curzio: Robert Sellier
Antonio: Christian Hübner
Barbarina: Sibylla Duffe

Spitzenklasse ist die Susanna der Christina Gerstberger. Sie ist eine sehr spielfreudige Susanna ohne Soubretteneinschlag. Mit ihrer Rosenarie hatte sie mich vollends für sich eingenommen. Das war einfach toll. Stefan Sevenich machte als Figaro nach etwas Anfangsnervosität trotz Handwerkerhose eine sehr gute Figur und lief zu voller Form auf mit „Nun vergiß leises Flehn, süsses Kosen“.

Das adlige Paar Almaviva stand den Bediensteten nur wenig nach. Sandra Moon überwand ihre Anfangsflatterigkeit ebenfalls schnell und sang eine höhensichere und klangschöne Gräfin, die ihrem treulosen Grafen in jeder Hinsicht gewachsen war. Julian Kumpusch, der noch sehr jung zu sein scheint, charakterisierte den Grafen mit einem warmen Bariton überzeugend. Ganz reizend anzusehen und anzuhören war Sibylla Duffes Barbarina. Etwas problematisch besetzt erschien mir lediglich die Rolle des Cherubino, die zugegebenermaßen auch eine der schwersten ist.

Dass ich die übrigen Darsteller nicht namentlich hervorhebe liegt ganz einfach daran, dass ich mich bei der Vielzahl der mir unbekannten Sänger auf die Hauptakteure beschränke. Das tut dem positiven Eindruck der Leistung aller keinen Abbruch. Großer Jubel und einhellige Zustimmung für Sänger, Dirigent und Orchester.

Ein toller Saisonauftakt und ein gelungener, vielversprechender Einstand für den neuen Intendanten Dr. Ulrich Peters, den bei der anschliessenden Premierenfeier auffallend viele (nachgereiste?) Schwaben beglückwünschten.

Zur Inszenierung kommen vielleicht später noch ein paar Zeilen, davon verstehe ich nämlich noch weniger als von Musik. Es gab abgesehen von zwei Buhs am Ende viel Applaus für die Regie.

Nachtrag:
Thema des Figaro, wie ich glaube, dass Alfred Kirchner ihn sieht, ist Liebe, Sex und Eifersucht. Eine Thema und eine Handlung, die zeitlos sind und und keine Zuordnung zu einer bestimmten Epoche erfordern. Das Geschehen ereignet sich an einem einzigen tollen Tag, mehr Zeitliches gibt es nicht. Eine Portion handfesten Stubenmädl-Sex zwischen Susanna und Figaro gibt es gleich zu Anfang als Aufwecker, damit niemand einschläft. Der Rest war dann gemässigt sittsam.

Das Bühnenbild des ersten Aktes könnte ich nur zum Teil einsehen. Es besteht aus der Andeutung eines Zimmers und einem offenen Teil, der vermutlich ins Freie führt. Der zweite Akt im Schlafzimmer der Gräfin spielt auf der bis auf ein Bett leeren Drehbühne. Der Auftritt der Gräfin mit Sektglas und Pelzmantel, unter dem sie nur schwarze Unterwäsche trug, wenn ich richtig gesehen habe, lässt darauf schliessen, dass diese Rosina vielleicht doch nicht so ganz tugendhaft sein könnte. Cherubino springt auch nicht aus dem Fenster, sondern schwingt sich per Seil davon, das ganz zufällig vor dem Fenster hängt. Da darf man sich seinen Teil ruhig denken.

Witzig fand ich die Gestaltung der Fandango-Szene, in der Fantasiegestalten mit Grasgewändern und langen Stöcken tanzten. Sie sahen aus wie aufgeschichtete Heuhaufen auf dem Feld und hatten sicher etwas auszusagen, was sich mir auf Anhieb aber nicht erschloss. Trotzdem fand ich die Szene gut.

Viele grosse weisse Rosensträusse wurden während der Pause im Zuschauerraum und auf der Bühne von der Decke gehängt, die im letzten Akt eine Rolle spielten und unterstrichen, wie mehr oder weniger scheinheilig sich die Unschuldslämmer auf der Bühne am Ende wieder finden.

Papier spielte noch eine große Rolle, das habe ich ganz vergessen, sicher auch nicht nur zu Dekorationszwecken. Es bleibt also mindestens eine Frage offen. Und vielleicht ist ja die ganze Inszenierung vollkommen anders gemeint. Eine gelungene Arbeit meine ich.

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